Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Donna Simpson will die schwerste Frau der Welt werden und Cindy aus Marzahn kultet ihre Fettleibigkeit. Im echten Leben jedoch werden Dicke nach wie vor diskriminiert, findet der Soziologe und Buchautor Friedrich Schorb.
Herr Schorb, Sie sind ja gar nicht dick. Warum engagieren Sie sich für Dicke?
Schorb: Ich habe 2005 ein Thema für meine Magisterarbeit gesucht. Damals hatte Renate Künast das Thema Übergewicht in ihrer Eigenschaft als Verbraucherschutzministerin gerade zu ihrer Hauptaufgabe gemacht und dieses Buch Die Dickmacher geschrieben. Ich fand es erstaunlich, dass eine Politikerin sich so aus dem Fenster lehnt und ein so überdramatisierendes und boulevardeskes Buch schreibt. Dass Übergewicht eine Epidemie sei und das Gesundheitsproblem Nummer eins, dass davon die Zukunftsfähigkeit des Sozialstaats abhänge, das hat mich von den Socken gehauen. Das hatte ich vorher noch nie gehört. Ich habe gesehen, da lohnt es sich, dranzubeiben.
Ist Renate Künast Schuld an der Diskriminierung der Dicken in Deutschland?
Schorb: Sie hat das sehr stark gepuscht, aber es kam ja nicht aus dem luftleeren Raum. Die Diskussion kommt aus den USA, und eine spezielle Rolle hat die Weltgesundheitsorganisation gespielt, die Übergewicht als Epidemie bezeichnet. Die WHO wird leider sehr stark beeinflusst von Lobby-Organisationen, die ihre Expertise nicht unbedingt uneigennützig anbieten. Die haben dafür gesorgt, dass sich die Sprachregelung von der Epidemie durchgesetzt hat und diese extrem niedrigen Grenzwerte weltweit verbindlich festgelegt wurden. Dass man schon ab BMI 25 von Übergewicht spricht und somit in allen westlichen Ländern mehr als die Hälfte der Bevölkerung als zu dick gilt.
Trotzdem ist Übergewicht ja irgendwann ungesund. Wann ist für Sie jemand wirklich zu dick?
Schorb: Es ist schon richtig, dass es einen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Körpergewicht gibt. Allerdings sind die jetzigen Grenzwerte wie gesagt viel zu niedrig, und ich weiß auch nicht, ob es Sinn macht, statt BMI 25 BMI 35 zu nehmen. Das ist individuell, ich bin auch nicht der Beweglichste, obwohl ich einen Ideal-BMI habe. Es gibt Leute, die haben einen BMI von 40, da sagen die Ärzte, es sei völlig in Ordnung. Andere haben Diabetes und einen niedrigeren BMI, die sollten nicht weiter zunehmen.
Was halten Sie von abnehmen?
Schorb: Selbst, wenn man sicher zu sein glaubt, dass ab einem bestimmtem BMI ein Problem vorliegt, braucht man eine Methode, wie die Leute erfolgreich abnehmen können. Und die hat man eben nicht. Wenn die Leute versuchen, abzunehmen, hat man diesen berühmten Jojo-Effekt, und sie nehmen am Ende zu. Das ist für die Gesundheit schädlicher, als wenn sie ihr Gewicht nur halten.
Es gibt inzwischen eine Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Ist die Benachteiligung von Dicken ein Resultat von BMI und Co?
Schorb: Diesen Schlankheitskult gibt es schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wenn damals auch nicht so stark diskriminiert wurde wie heute. Zu Kriegszeiten, wenn Mangel war, hat sich das immer wieder geändert, auch nach dem Zweiten Weltkrieg war ein etwas üppigeres Körperbild wieder eher beliebt, vor allem bei Frauen.
Genau. Es geht meistens um Frauen. Was ist mit den Männern?
Schorb: Das neue ist, dass es jetzt auch Männer betrifft. Für Frauen gilt das sehr rigide Ideal spätestens seit Twiggy, also seit Mitte der 1960er Jahre. Bei Männern galt Dicksein zwar nicht als erotisch, aber zumindest als akzeptabel. Wenn man sich heute die Vorstandsetagen anschaut, sind die Männer da auch schlank, achten genauso auf ihre Ernährung und lernen Kalorientabellen auswendig, wie das die Frauen schon seit 40 Jahren machen müssen.
Lesen Männer jetzt auch Frauenzeitschriften?
Schorb: Die Männermagazine unterscheiden sich in ihren Diättipps überhaupt nicht mehr von Frauenzeitschriften. Das wird natürlich anders verpackt, etwa dass Obst und Gemüse gut ist für mehr Samenproduktion und besseren Sex - diese Alphamännchen-Idee steckt da natürlich noch drin. Aber die Tipps selber sind wirklich identisch.
Wo beobachten Sie Diskriminierungen?
Schorb: Es gibt eine Studie der Universität Tübingen, die besagt, dass übergewichtige Kinder schon in der Grundschule in der Beliebtheitsskala ganz unten stehen. Zu Diskriminierungen im Alltag und auf dem Arbeitsmarkt gibt es in Deutschland noch sehr wenige Untersuchungen, wohl aber in den USA, und da kann man sehr deutlich zeigen, dass Übergewichtige bei gleicher Qualifikation weniger verdienen, seltener dieselbe Stelle haben und auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt werden.
In Deutschland geht ja der Staat mit schlechtem Beispiel voran bei seinen Beamten...
Schorb: Ja, das ist die auffälligste Diskriminierung. In vielen Bundesländern werden Sie mit einem BMI über 30 nicht verbeamtet, in manchen schon bei 27. Das ist nicht auf Berufe beschränkt, wo man es nachvollziehen könnte, wie bei der Polizei oder Feuerwehr, sondern es gilt unter anderem auch für Lehrer. Warum aber sollte nicht ein dicker Mathematiklehrer genauso guten Unterricht machen wie ein dünner?
Was raten Sie Dicken, um mit den ständigen Diskriminierungen im Alltag umzugehen?
Schorb: Das finde ich schwierig zu beantworten, weil ich ja selbst nicht übergewichtig bin. Aber ich denke, dass es gut ist, selbstbewusst aufzutreten und nicht immer in diese Verteidigungshaltung zu fallen. Was Leute, die Vorbehalte gegen Übergewichtige haben, am meisten auf die Palme bringt, ist, wenn immer dieses Argument kommt, ich esse ja so wenig, und ich mach ja soviel Sport. Das mag ja im Einzelfall stimmen, ist aber die falsche Strategie. Man sollte lieber sagen, ich lebe gesund und zufrieden und mein Körper gehört zu mir. Dicke sollten zu ihrem Gewicht stehen und damit offensiver umgehen.
Es ist ja schon die Rede vom neuen Selbstbewusstsein für die Dicken. Haben Sie das auch beobachtet?
Schorb: Es gibt zaghafte Tendenzen. In den USA existiert schon lange die Fat Acceptance-Bewegung, das kommt langsam in Deutschland an mit der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Jetzt gab es diesen Film von Doris Dörrie (Die Friseuse, Anm. d. Red.). Ob das gleich ein Riesentrend ist, da wäre ich erstmal vorsichtig. Es gab schon immer Antidiät-Bücher oder Models, die es geschafft haben, in die Medien zu kommen, aber es waren eher exotische Ausnahmen. Ich kann nicht erkennen, dass sich da etwas Grundlegendes geändert hat. Interessant ist aber, dass sich in der Medizin gerade eine Menge tut. In den USA vertritt das staatliche Gesundheitsinstitut mehr und mehr den Standpunkt, dass die vermeindliche Gefährdung, die von Übergewicht und Adipositas ausgeht, übertrieben wurde. Da sehe ich eher eine Trendwende als in der Öffentlichkeit. Aber das eine und das andere geht ja häufig zusammen.
Friedrich Schorb entkräftet in seinem Buch Dick, doof und arm? die medizinische Bedeutung des Bodymass-Index, Studien zu übergewichtigen Kindern sowie die These: dick gleich ungesund. Der 32-Jährige lehrt an der Universität Bremen im Studiengang Public Health.
/ivb/news.de