Lieber offensiv dick sein!
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Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Artikel vom 17.03.2010
Donna Simpson will die schwerste Frau der Welt werden und Cindy aus Marzahn kultet ihre Fettleibigkeit. Im echten Leben jedoch werden Dicke nach wie vor diskriminiert, findet der Soziologe und Buchautor Friedrich Schorb.
Herr Schorb, Sie sind ja gar nicht dick. Warum engagieren Sie sich für Dicke?
Schorb: Ich habe 2005 ein Thema für meine Magisterarbeit gesucht. Damals hatte Renate Künast das Thema Übergewicht in ihrer Eigenschaft als Verbraucherschutzministerin gerade zu ihrer Hauptaufgabe gemacht und dieses Buch Die Dickmacher geschrieben. Ich fand es erstaunlich, dass eine Politikerin sich so aus dem Fenster lehnt und ein so überdramatisierendes und boulevardeskes Buch schreibt. Dass Übergewicht eine Epidemie sei und das Gesundheitsproblem Nummer eins, dass davon die Zukunftsfähigkeit des Sozialstaats abhänge, das hat mich von den Socken gehauen. Das hatte ich vorher noch nie gehört. Ich habe gesehen, da lohnt es sich, dranzubeiben.
Ist Renate Künast Schuld an der Diskriminierung der Dicken in Deutschland?
Schorb: Sie hat das sehr stark gepuscht, aber es kam ja nicht aus dem luftleeren Raum. Die Diskussion kommt aus den USA, und eine spezielle Rolle hat die Weltgesundheitsorganisation gespielt, die Übergewicht als Epidemie bezeichnet. Die WHO wird leider sehr stark beeinflusst von Lobby-Organisationen, die ihre Expertise nicht unbedingt uneigennützig anbieten. Die haben dafür gesorgt, dass sich die Sprachregelung von der Epidemie durchgesetzt hat und diese extrem niedrigen Grenzwerte weltweit verbindlich festgelegt wurden. Dass man schon ab BMI 25 von Übergewicht spricht und somit in allen westlichen Ländern mehr als die Hälfte der Bevölkerung als zu dick gilt.
Trotzdem ist Übergewicht ja irgendwann ungesund. Wann ist für Sie jemand wirklich zu dick?
Schorb: Es ist schon richtig, dass es einen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Körpergewicht gibt. Allerdings sind die jetzigen Grenzwerte wie gesagt viel zu niedrig, und ich weiß auch nicht, ob es Sinn macht, statt BMI 25 BMI 35 zu nehmen. Das ist individuell, ich bin auch nicht der Beweglichste, obwohl ich einen Ideal-BMI habe. Es gibt Leute, die haben einen BMI von 40, da sagen die Ärzte, es sei völlig in Ordnung. Andere haben Diabetes und einen niedrigeren BMI, die sollten nicht weiter zunehmen.
Was halten Sie von abnehmen?
Schorb: Selbst, wenn man sicher zu sein glaubt, dass ab einem bestimmtem BMI ein Problem vorliegt, braucht man eine Methode, wie die Leute erfolgreich abnehmen können. Und die hat man eben nicht. Wenn die Leute versuchen, abzunehmen, hat man diesen berühmten Jojo-Effekt, und sie nehmen am Ende zu. Das ist für die Gesundheit schädlicher, als wenn sie ihr Gewicht nur halten.
Es gibt inzwischen eine Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Ist die Benachteiligung von Dicken ein Resultat von BMI und Co?
Schorb: Diesen Schlankheitskult gibt es schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wenn damals auch nicht so stark diskriminiert wurde wie heute. Zu Kriegszeiten, wenn Mangel war, hat sich das immer wieder geändert, auch nach dem Zweiten Weltkrieg war ein etwas üppigeres Körperbild wieder eher beliebt, vor allem bei Frauen.
Genau. Es geht meistens um Frauen. Was ist mit den Männern?
Schorb: Das neue ist, dass es jetzt auch Männer betrifft. Für Frauen gilt das sehr rigide Ideal spätestens seit Twiggy, also seit Mitte der 1960er Jahre. Bei Männern galt Dicksein zwar nicht als erotisch, aber zumindest als akzeptabel. Wenn man sich heute die Vorstandsetagen anschaut, sind die Männer da auch schlank, achten genauso auf ihre Ernährung und lernen Kalorientabellen auswendig, wie das die Frauen schon seit 40 Jahren machen müssen.
Lesen Männer jetzt auch Frauenzeitschriften?
Schorb: Die Männermagazine unterscheiden sich in ihren Diättipps überhaupt nicht mehr von Frauenzeitschriften. Das wird natürlich anders verpackt, etwa dass Obst und Gemüse gut ist für mehr Samenproduktion und besseren Sex - diese Alphamännchen-Idee steckt da natürlich noch drin. Aber die Tipps selber sind wirklich identisch.
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