Sa., 26.05.12

Türkei 15.03.2010 «Ich bin Moslem, ich bin schwul»

Ahmed Yildiz Ibo Can (Foto)
Seit sein Freund Ahmed ermordet wurde, kämpft Ibo Can für die türkische Homosexuellen-Bewegung. Bild: privat

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Die Weltgesundheitsorganisation begriff 1992, dass Homosexuelle nicht krank sind. Die türkische Familienministerin sieht das anders. Mit news.de spricht Ibo Can über die Situation in der Türkei. Sein Freund wurde 2008 ermordet, weil er schwul war.

Die türkische Familienministerin Selma Aliye Kavaf hat Homosexualität als Krankheit bezeichnet...

Can: Das ist der Hammer, oder?

Dass Homosexuelle in der Türkei keine Rechte haben, ist für Sie ja nichts Neues. Wundert Sie die Aussage der türkischen Familienministerin überhaupt?

Can: Es wundert mich nicht. Das türkische Militär versteht Homosexualität auch als Krankheit. Sie hat nur das wiedergegeben, was die Türkei allgemein so denkt. Sie hat natürlich nicht damit gerechnet, dass eine Protestwelle gegen sie anlaufen würde. Schwule Schriftsteller, schwule Modedesigner, Ärzte und Psychiater und Künstler haben sich geäußert. Das war gut so, denn sie waren sich auf einmal doch einig.

Dann ist das Statement der Ministerin doch positiv für die Schwulen- und Lesbenbewegung.

Can: Wir haben der Dame schon zu verdanken, dass sie uns in dieser Weise geeint hat, die türkischen Schwulen und die Gesellschaft haben mit einer Sprache gesprochen, gegen die Homophobie. Sie meinten, sie sei die Person, die geheilt werden muss. Nicht die Homosexuellen, sondern die Homophobie muss geheilt werden. Dafür plädiere ich seit Monaten (lacht). Das Selbstwertgefühl bei den Türken ist angestiegen, sie haben erkannt, da ist eine Gefahr. Die Leute denken, die Ministerin hält uns für krank, also hält sie auch unsere Eltern für krank. Das können sie nicht akzeptieren.

Bei Eltern wird es also noch drastischer empfunden, weil man einen hohen Respekt für sie hat?

Can: Ja, natürlich. Und die Eltern müssen sich jetzt zusammentun und sagen, unsere Kinder sind nicht krank. Wir haben sie auf die Welt gebracht und gut erzogen, sie sind vielleicht schwul, aber sie haben eine gute Erziehung.

Aber genau die Akzeptanz der Eltern ist doch oft das Problem. Ahmed wurde von seinem Vater ermordet.

Can: Jaa. Aber man muss die Leute darauf hinweisen. Ich werde in meiner nächsten Presseerklärung genau das Thema ansprechen. Ich werde sagen, hört mal, eure Kinder sind nicht krank, ihr müsst hinter ihnen stehen. Denn wenn eure Kinder erniedrigt, gefoltert und diskriminiert werden, werdet ihr mit reingezogen, ihr seid die Schande, die sie in die Welt gebracht hat, wenn das so ist. Da muss man ein bisschen provozieren.

Wie hat die türkische Politik reagiert?

Can: Der Minister für Gesundheit hat sich gemeldet und gesagt, das ist meine Sache, denn ich bin der Gesundheitsminister. Er hat gesagt, die Schwulen hätten es schwer in der Türkei und man solle nicht so homophob mit ihnen umgehen. Aber zum ersten Mal in der Geschichte der Türkei ist der Fall im türkischen Parlament behandelt worden. Ein Parlamentarier der linken CHP-Parlamentarier hat eine kleine Anfrage an Präsident Erdogan gestellt. Aber er hat noch nicht geantwortet, weil er sehr beschäftigt ist. Er hat ja gerade mit der Diskriminierung der Roma zu tun.

Glauben Sie, es ist gerade ein guter Moment, um in der Türkei an Beton zu rütteln?

Can: Ja, schon, aber man muss die Leute unter Schock stellen, man muss Druck machen, man muss das Selbstbewusstsein ein bisschen aufpumpen. Das wird vermutlich nur der Fall sein, wenn irgendwelche bekannten Künstler auftauchen und sagen, wir sind schwul. Das würde echt wie eine Bombe einschlagen.

Lesen Sie auf Seite 2, wie der Mord an Ahmed Yildiz verhandelt wird.

Sie sind am 1. April bei der Verhandlung des Mordes an Ahmed Yildiz wieder in Istanbul, um ihre Aussage zu ergänzen. Was planen Sie?

Can: Ich werde eine ziemlich gewagte Presseerklärung abgeben. Ich bin nicht sehr religiös, aber ich werde die Religion genauso ausnutzen wie diese religiösen Fanatiker. Ich werde folgenden Satz sagen: «Ich bin Moslem, ich bin schwul, und so ist es gut.» Wenn sie diesen Satz hören, kriegen sie voll die Gänsehaut. Ich bin der Verräter natürlich, aber das ist mir egal.

Denken Sie, Sie sind weit genug weg, als dass Ihnen etwas passieren könnte?

Can: Es kann ja alles passieren, man muss schon ein bisschen mutig sein. Ich lass mich da nicht einschüchtern. Ich werde das auf türkisch sagen, und das wird schon Wellen schlagen.

Wie ist ihr bisheriger Eindruck von dem Prozess?

Can: Ich verlange natürlich, dass Mörder gefangen werden, es muss Strafverfolgung stattfinden. Aber die Täter sind ja nicht vor Gericht. Der Vater ist flüchtig, und während seiner Abwesenheit laufen die Verhandlungen. Es gibt einen Haftbefehl, aber der ist nicht vollstreckt, er wird nicht ausgeführt. Die Herrschaften meinen, er befinde sich im Irak, aber es gibt keinen internationalen Haftbefehl. Den wollen sie noch nicht erlassen.

Also besteht die Möglichkeit, dass das Urteil in Abwesenheit des Angeklagten fällt.

Can: Ja, aber das wäre nicht in unserem Sinne. Ich möchte gern den Vater vor Gericht haben, denn Sie können sich vorstellen, wie die Presse sich auf ihn stürzt. Wenn der im Rampenlicht steht, soll er erklären, warum er seinen Sohn umgebracht hat. Diese Aussage will ich haben. Das wird nicht einfach sein für diesen Herrn, er wird vor Scham im Boden versinken. «Was, einen schwulen Sohn hast du gehabt und hast ihn umgebracht?» Das soll er erstmal zugeben.

Beim letzten Mal haben Zeugen der Tat ausgesagt. Was ist dabei herausgekommen?

Can: Zwei Zeugen kamen. Sie haben gesehen, dass ein gelber Fiat angehalten und jemand auf Ahmed Yildiz geschossen hat, aber wer am Steuer saß, haben sie nicht gesehen. Von dem gelben Fiat weiß man, dass der Vater ihn von einem Bekannten ausgeliehen hat. Dieser Mann hat der Polizei gegenüber ausgesagt, dass er den Vater von Ahmed angerufen habe, um nach dem dreckigem Zustand des Autos zu fragen. Und der Vater habe ihm gesagt, er solle nach Patronenhülsen kontrollieren. Er habe aus Lust auf Verkehrsschilder geschossen. Dieser Mann ist nicht vor Gericht erschienen. Aber der Vater hat das eigentlich schon alles zugegeben.

Wie erleben Sie denn den Richter?

Can: Die Haltung des Richters ist katastrophal, ist homophob. Meine Suche nach Gerechtigkeit wird erschwert durch die homophobe Haltung der türkischen Justiz. Der Prozess ist eigentlich zugänglich für die Öffentlichkeit, aber keiner darf in den Gerichtssaal rein. Es ist eine Ausrede, dass er zu eng sei. Da mache ich Druck.

Verfolgen Sie regelmäßig die türkischen Medien?

Can: Ja, das tu ich. Ich kontrolliere die ganzen türkischen Medien im Internet, alles, was ich an schwulen Berichten finde, leite ich weiter an Freunde in der Türkei und im Ausland, und das führt dann zu Protest. Ich provozier sie echt (lacht). Auch unklare Sätze müssen von den Schwulen kritisiert werden. Wir wollen jetzt reden.

Jetzt hat Ihnen die Ministerin geholfen.

Can: Ja, das Selbstwertgefühl war noch nie so stark wie nach dem Interview. Darüber sind die Leute glücklich. Anfangs haben sie über sie geschimpft, jetzt sagen sie, das ist gut, sie darf mehr sagen. Es gab auch großen Druck, die Ministerin müsse sich entschuldigen, müsse zurücktreten. Das ist schwierig in der Türkei.

Hat sie sich nochmal geäußert?

Can: Nein, sie ist untergetaucht (lacht).

Ibrahim Can ist 44 Jahre alt und lebt in Deutschland, seit er elf ist. Er arbeitet als Reiseverkehrskaufmann in Köln und war nie ein Schwulenaktivist, bis sein Freund Ahmed Yildiz am 15. Juli 2008 vor seiner Wohnung im südanatolischen Mersin aus einem Auto heraus erschossen wird. Sein Vater ist des Mordes angeklagt, aber Can ist überzeugt, dass noch mehr Familienmitglieder an der Ermordung beteiligt waren.

mac/ivb/news.de
Leserkommentare (2) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • tommy
  • Kommentar 2
  • 28.03.2010 20:26
 

Wen interessiert das?

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  • www montany de
  • Kommentar 1
  • 17.03.2010 09:53
 

sexualität an sich ist keine krankheit-sonst müsste jede frau/mann der mit einem anderen kein sex haben kann/ will KRANK sein, nur weil er/sie den anderen partner(in) „ekelerregend“, übel riechend, zu alt /zu jung, zu blöd dick dünn entstellt usw. findet und organisch „keinen hoch bekommt“/ nicht „feucht“ wird/erst „stink besoffen“/prügelndgefügig -sexualität ist teil der persönlichkeit-einem menschen wegen (s)einer sex. orientierung und (s)einer damit vebundenen liebe anzugreifen ist zutiefst respektlos , sittenwidrig, ungleichbehandlung, diskriminierend, schikanös, kriminell-www.montany.de

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