In Taiwan floriert nicht nur die IT-Branche, sondern auch das Bestattungsgewerbe. Fast 2000 Bewerbungen sind kürzlich für zehn vom Unternehmen Lung Yen ausgeschriebene Stellen eingegangen. Hauptanreiz ist das Geld, das sich damit verdienen lässt.
Ein voll ausgebildeter und staatlich zugelassener Bestatter kann in Lung Yens hochkarätigem Beerdigungsinstitut bis zu 1,2 Millionen Taiwanesische Dollar verdienen. Das sind umgerechnet gut 27.000 Euro. Das entspricht etwa dem durchschnittlichen Einstiegsgehalt eines Ingenieurs. Und es ist das Doppelte, was eine Friseurin nach Hause bringt. Rund 1100 Bestatter mit Lizenz gibt es in Taiwan.
Das Gewerbe hat in den vergangenen Jahren versucht, mit Werbekampagnen das unangenehme Image aufzumöbeln, das der Umgang mit Leichen für viele hat. «Wenn man in der Vergangenheit seinen Eltern erzählt hat, dass man in einem Bestattungsunternehmen arbeiten will, sind sie ausgerastet», erzählt Fung Chia-li, Managerin bei der Chin Pao San Gruppe, einem weiteren taiwanesischen Beerdigungsinstitut. «Jetzt wird der Beruf durchaus geachtet, wenn auch wohl nicht so sehr wie der eines Lehrers oder Ingenieurs.»
Seinen Teil zu einem anderen Bild des Berufs in der Öffentlichkeit mag auch der Film «Departures» beigetragen haben. Der japanische Streifen, der 2009 den Oscar als bester ausländischer Film gewann, erzählt von einem arbeitslosen Cellisten, der Würde und Erfüllung darin findet, Tote einzubalsamieren.
Kosmetikerin verdient mehr an Toten als an Lebenden
Als Yuan Cheng-yi vor rund fünf Jahren bei Lung Yen anfing, waren gute Verdienstmöglichkeiten ein wichtiger Beweggrund für sie. Die frühere Kosmetikerin stellte fest, dass die Arbeit an toten Körpern mehr einbrachte als an lebenden. Tote herauszuputzen braucht aber auch viel handwerkliches Geschick, wie sie berichtet. «Die Haut eines eiskalten Körpers ist extrem zart und löst sich ganz leicht ab, wenn man sie nicht vorsichtig behandelt», erzählt sie. «Und nur eine erstklassige Massage kann einen toten Körper entspannen und einen friedlichen Ausdruck auf das Gesicht bringen.»
Die Kunst des Einbalsamierens ist in der westlichen Welt weit verbreitet, doch die taiwanesischen Bestattungsinstitute scheinen ein neues Niveau erreicht zu haben. Das Angebot von Lung Yen klingt denn auch wie aus einem erstklassigen Wellness-Institut. Zu einem Preis von 55.000 Taiwanesischen Dollar - das sind umgerechnet gut 1250 Euro - beinhaltet es Reinigung, Massage, Make-up und auf Wunsch auch einen Haarschnitt für den Verstorbenen. Die Angehörigen können zuschauen.
«Es hat uns sehr bewegt, als wir sahen, wie sie dieses letzte Maß an Frieden und Würde bekam», sagt Wu Ai-hua, nachdem sie zwei Stunden dem Baden und Massieren ihrer verstorbenen 91-jährigen Schwiegermutter beigewohnt hatte. Trotz der folgenden Einäscherung sei es der Aufwand in jedem Fall wert gewesen.
Begräbnisse traditionell extrem aufwendig
Begräbnisse sind in Taiwan traditionell extrem aufwendig. Oft ziehen sich die Zeremonien über Wochen hin, mit opulenten Prozessionen mit Blaskapellen, Tänzerinnen und extra engagierten Trauergästen, die gegen Geld um Verstorbene anderer Leute weinen.
Nach Angaben des taiwanesischen Innenministeriums hat die Bestattungsindustrie des Landes mit seinen 23 Millionen Einwohnern im vergangenen Jahr einen Umsatz von etwa 50 Milliarden Taiwanesischen Dollar - umgerechnet rund 1,15 Milliarden Euro - gemacht. Das waren pro Verstorbenem umgerechnet 8500 Euro und damit etwa drei Viertel des taiwanesischen Durchschnittsjahreseinkommens.
Urne mit Blick auf den Pazifik
Anstelle der teureren Erdbestattungen haben in jüngster Zeit Einäscherungen zugenommen. Aber die Bestattungsinstitute haben ihren Umsatz trotzdem durch Verbesserung ihrer Service-Angebote aufrecht erhalten. Außerdem bauen sie jetzt aufwendige Konstruktionen, die die Urnen mit der Asche der lieben Verstorbenen aufnehmen, wie Fung erklärt. Außerdem werden die Leichname ja auch vor der Verbrennung noch einbalsamiert.
Fungs Bestattungsunternehmen verkauft einen Schuhkarton großen Urnenplatz für bis zu 500.000 Taiwanesische Dollar. Das sind rund 11.500 Euro. Die Aschegefäße werden in Türmen mit marmornen Lobbys in einem 100 Hektar großen Friedhof beigesetzt, mit Blick auf den Pazifik. Nachts sehen die beleuchteten Türme wie Monumente aus.