Sa., 26.05.12

Sex-Skandal 10.03.2010 Sonnenstrahlen ins Missbrauch-Dunkel

Eilenburg (Foto)
Das ehemalige Ernst-Schneller-Heim in Eilenburg hat seinen Missbrauchsskandal. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier, Eilenburg

Statt zu arbeiten geht Hans-Otto Schlotmann heute ans Telefon, wenn die Presse anruft. Und das ist im Fünf-Minuten-Takt. Denn in dem Heim, das er leitet, wurden zu DDR-Zeiten wohl auch Jugendliche misshandelt. Der erste Fall in Sachsen.

Der Tag könnte nicht schlechter zur Nachricht passen. Sonnenstrahlen schmeicheln dem denkmalgeschützten Gebäude-Ensemble, ihr Reflex im Schnee lässt den Innenhof zwischen zwei Fußballtoren strahlen. Eiskalt erwischt die Schlagzeile «Schläge im Duschraum» das wohlige Gefühl. Die Leipziger Volkszeitung hat ihn ausgegraben, den ersten Missbrauchsfall in Sachsen, und dieses Gelände, das aussieht wie ein altes Gut, ist jetzt eben seine Kulisse.

So richtig unerwartet hat der Anruf der Presse gestern Abend Hans-Otto Schlotmann nicht getroffen. Ob der seriellen Aufdeckung von Ekelhaftigkeiten in den letzten Wochen konnte er ja quasi damit rechnen, dass es auch sein Kinderheim treffen würde - oder? «Direkt befürchtet habe ich es nicht, weil wir auch Kontakte zu Ehemaligen haben und sexueller Missbrauch da nie Thema war. Aber dass das möglich ist, das war mir bewusst», wiegelt er ab. Herzlich gelb sind die Wände in Schlotmanns Büro, helle Holzmöbel, grüne Pflanzen. Nett ist es hier, kein bisschen miefig oder piefig.

Aber es ist ja auch schon 30 bis 40 Jahre her, dass Erzieher des Ernst-Schneller-Heims in Eilenburg bei Leipzig die Kinder nackt zu den Duschräumen laufen ließen, sie dabei schlugen oder intim berührten. So zumindest erzählte es ein ehemaliger Schüler der Leipziger Volkszeitung, und nun klingelt das Telefon bei Hans-Otto Schlotmann fünfmal in 20 Minuten. «Wie bei jedem Fall bin ich tief betroffen», sagt er. Zumal bei ihm im St. Martin Caritas Hilfeverbund, wie die Einrichtung heute heißt, auch Kinder betreut werden, die sexuell missbraucht wurden.

Außer Frage steht für Schlotmann, dass er den Fall – und die, die nun vielleicht hinzukommen – «sehr ernst» nimmt. Aber was wird er den Menschen sagen, die vielleicht zum ersten Mal mit ihrem Trauma herausrücken? Sich als Gesprächspartner anbieten, den Zugang zu Unterlagen ermöglichen, Psychologen vermitteln. Ob Entschädigungen wiedergutmachen? Das könnten besser die Opfer beurteilen, sagt Schlotmann, und meint dann doch: «Wiedergutmachen sicher nicht. Aber das Geld kann ein Zeichen sein, dass es einem Leid tut. Gerade für Menschen, die bisher nicht ernst genommen worden sind und deren Biografien durch den Missbrauch gebrochen wurden.»

Missbrauchsskandal
Nur Geld allein hilft nicht
Video: news.de

Heimkinder durften zu den Weltfestspielen

Im sonnigen Eilenburg weiß kaum jemand etwas über dieses Heim einen Kilometer vor der Stadt. Man wusste, dass es da war, hatte aber keinen Kontakt, sagen die Passanten. Nein, gemunkelt, dass es da irgendwie komisch zugeht, wurde auch nicht. Ruth Rapp hat 1951 ein Jahr lang ihr erstes Lehrjahr im Ernst-Schneller-Heim absolviert, aber von Züchtigungen oder gar Missbrauch habe sie nichts mitbekommen. «Sie hatten auch ihre Freiheiten, Ausgang, und einige durften '51 zu den Weltfestspielen nach Berlin mitfahren.» Daran erinnert sie sich.

«Heim für schwer Erziehbare», das klinge so hart, sagt ihre Bekannte. Viele der Kinder im Heim kamen eben aus zerrütteten Familien. Sie hat in den 1980er Jahren viele Mädchen kennen gelernt, weil sie bei in dem Krankenhaus,m wo sie arbeitete, zum Feriendienst eingeteilt waren. «Da haben wir nie gehört, dass sie misshandelt wurden», sagt sie. Auch die Chefin des Heims habe sie gekannt, die war Patientin. «Das war 'ne Stramme. Aber ganz normal. Nett. Kein Drachen.» Als die Nachricht heute morgen im Radio lief, habe sie lächeln müssen. «Es sind immer die 1970er und 1980er Jahre, als ob das besonders gewalttätige Jahre gewesen wären. Ich weiß nicht, was da hochgeputscht wird.»

Ein Lächeln legt Hans-Otto Schlotmann heute nicht auf sein Gesicht, wenn er fotografiert oder gefilmt wird – an seinem Schreibtisch, auf dem eigentlich die Arbeit für einen ganz normalen Tag liegt. Doch statt dessen muss er nun für die Reporter immer wieder dieselben Sätze formulieren. Ein bisschen kurios ist es schon, dass er sich gerade erst so intensiv in die Geschichte des Heims eingegraben und eine Dauerausstellung organisiert hat über die Einrichtung, durch vier Staatsformen hindurch. In der Weimarer Republik entstand das Haus im reformpädagogischen Ansatz, aus der Nazizeit gibt es schlimme Berichte. Über die Zeit als Heim für schwer erziehbare Jugendliche in der DDR habe man zumindest die Strukturen aufgearbeitet, sagt er.

Jeder, der heute zu Schlotmanns ins Dachgeschoss hoch steigt, kann die Plakate sehen, auf denen die Jugendlichen marschieren oder turnen. Diese Duschräume, erklärt der Direktor, seien damals nicht in die Schlafräume integriert gewesen, sondern befanden sich im Keller. «Es ist also schon möglich, dass die Jugendlichen sich als Gruppe im Zimmer ausgezogen haben und dann runter in den Keller gegangen sind», ist alles, was er konkret zu den Vorwürfen sagen kann.

Immer potentiell gefährdet

Doch als Horrorstätte mit langen Gruselgängen wie aus dem Film dürfe man sich das Schneller-Heim nicht vorstellen, sagt Schlotmann. Sicher, es sei ein recht geschlossenes System gewesen mit wenig Kontakt zur Außenwelt. Aber es wurde auch musiziert, es gab ein eigenes kleines Radio, und auch die bauliche Struktur der Reformpädagogik mit einzelnen Häusern, die sich wie eine kleine Stadt um den Platz gruppieren, habe den Ort positiv geprägt.

Seit 1994 ist das Ernst-Schneller-Heim in der Obhut der Caritas, und einen Missbrauchs-Vorwurf gab es seitdem auch. «Aber das Gericht hat ihn freigesprochen», sagt Schlotmann und betont, dieser Fall beweise eben gerade, dass man heute einen Verdacht auch zur Anzeige bringe. Potentiell gefährdet seien Einrichtungen mit Kindern immer. «Dass es passiert, damals wie möglicherweise auch heute, das ist so in der Realität. Menschen, die entsprechende Neigungen haben, orientieren sich beruflich auch in diese Arbeitsfelder, wo sie die möglicherweise ausleben.»

Anders sei, dass Kinder und Jugendliche heute gelernt hätten, Missbrauch zu melden. «Und auch die Kollegen sind sensibilisiert und decken den Kollegen nicht.» Es muss Licht ins Dunkel.

iwe/news.de
Leserkommentare (2) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Renè
  • Kommentar 2
  • 26.08.2011 09:31
 

Was heißt hier möglich es war so wir mussten vom Dachgeschoss bis zum Keller wo der Duschraum war wenn Mann das so nennen kann und Beschäftigung ja ich erinnere mich gut wie wir nachts stunden lag im Flur stehen mussten oder stunden lang im Hof im Kreis marschieren und natürlich hat keiner was gewusst. Das war eine Hölle zu DDR Zeiten.

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  • alfgarfield
  • Kommentar 1
  • 11.03.2010 07:41
 

So isses! Frage mich, wovon der Rummel um Missbrauch und Gewalt an Kindern ablenken soll? Vielleicht von unserer Beteiligung am Afghanistankrieg?!

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