Das Salz des Lebens
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Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Artikel vom 10.03.2010
Lügen können nicht nur für den Belogenen unangenehme Folgen haben. Auch der Lügner macht sich das Leben schwer. Denn Schwindeln schlägt auf den Magen und setzt den ganzen Körper unter Strom.
Lügen ist purer Stress für den Körper - und für das Gehirn. Die Haut wird stärker durchblutet, Puls und Blutdruck erhöhen sich, und der Schweiß fließt. Das führt zu kuriosen Nebeneffekten.
Das wohl bekannteste Beispiel für diese unwillkürlichen Reaktionen beim Lügen war das wiederholte «Sich-an-die-Nase-Fassen» des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, als er zu seiner Beziehung zu Praktikantin Monica Lewinsky befragt wurde. Bei der Lüge rötete sich seine Nase und schwoll an, was Clinton dazu veranlasste, sich vermehrt an die Nase zu fassen. US-Psychiater haben dies als den «Pinocchio-Effekt» bezeichnet, was aber nicht heißt, dass die Nase beim Lügen länger wird. Beim Lügen schwillt durch die stärkere Hautdurchblutung das Gewebe in der Nase an und löst damit ein leichtes Stechen aus, was dazu führt, dass sich der Betroffene an die Nase fasst.
Woran man Lügner erkennen kann
Psychologen zufolge gibt es rund 23 Indikatoren zum Nachweis von Lügen. Dazu gehören neben dem Nasereiben auch Stottern, Lippen lecken, eine hohe Tonlage der Stimme und ein verlangsamtes Augenzwinkern. Die Stressreaktionen wie erhöhter Herzschlag oder stärkeres Schwitzen sind körperliche Reaktionen, die mit einem Lügendetektor gemessen werden können.
Doch Lügen verursacht nur dann Stress, wenn der Betroffene ein Schuldbewusstsein hat, das heißt, wenn er selbst der Ansicht ist, mit seiner Lüge etwas Verwerfliches getan zu haben. Bei Menschen, die kein schlechtes Gewissen wegen ihrer verschwiegenen Tat oder wegen einer Lüge haben, treten diese Reaktionen nicht auf, was auch die Aussagefähigkeit von Lügendetektoren einschränkt.
Zwar gibt es noch immer keine wissenschaftliche Methode, mit der man unwiderlegbar beweisen könnte, dass jemand lügt oder die Wahrheit sagt, aber die Forschung ist zumindest den Vorgängen, die Lügen im Körper auslösen, auf die Spur gekommen. Die technischen Möglichkeiten, um Körperfunktionen in Aktion beobachten zu können, haben US-Wissenschaftlern zu der Erkenntnis verholfen, dass das Lügen auch Auswirkungen auf die Verdauungsfunktionen hat. Die Forscher stellten fest, dass beim Lügen nicht nur die Herzfrequenz gesteigert wird, sondern sich auch die Magenbewegungen verlangsamen.
Das liegt nach Ansicht der Wissenschaftler daran, dass der gesamte Magen-Darm-Trakt von einem Nervengeflecht durchzogen ist, das in engem Kontakt zum zentralen Nervensystem steht. Man spricht auch vom Bauchhirn, das die Verdauungsfunktionen koordiniert und teilweise sogar unabhängig vom Gehirn agieren kann. Die Forscher gehen davon aus, dass die beim Lügen auftretenden Veränderungen im Gehirn über das Nervensystem nicht nur die Herzfrequenz beeinflussen, sondern sich so auch auf das Bauchhirn auswirken. Magen und Darm reagieren damit auf den Stress, den das Lügen im Hirn bereitet.
Lügen strengt das Gehirn an
Forscher der Universität von Pennsylvania haben das Gehirn von Versuchsteilnehmern beim Lügen mit einem Kernspintomografen aufgenommen. Mithilfe dieser Technik können sie die Hirnaktivitäten beim Lügen beobachten und zeigen, welche Hirnbereiche aktiv sind.
Die Studie hat gezeigt, dass beim Lügen stets eine Gehirnregion namens Gyrus cinguli besonders aktiv war. Dort fällt - den Wissenschaftlern zufolge - der Entschluss zu lügen. Sie stellten fest, dass der Mensch in dieser Hirnregion seine eigenen Fehler überwacht. Da diese Hirnregion nun beim Lügen besonders gefordert wird, kann man aus diesem Studienergebnis schließen, dass es sich offensichtlich nicht beim Lügen, sondern bei der Aufrichtigkeit um den «Normalzustand» des Gehirns handelt. Das Lügen erfordert somit eine besondere Anstrengung dieser speziellen Gehirnregionen.
Daher gehen Wissenschaftler davon aus, dass Menschen, die lügen, mit sich selbst in Konflikt geraten und dass ihnen die Falschaussage nicht leicht fällt. «Wer lügen will, sagt man, muss sich erst selbst überreden», hat bereits Johann Wolfgang von Goethe gewusst.
Dass Aufrichtigkeit sozusagen die «Normalform» darstellt, zeigt auch eine weitere Studie. Die Gehirnstruktur notorischer Lügner unterscheidet sich von der anderer Menschen. Lügner haben mehr weiße Gehirnmasse und weniger graue Gehirnmasse.
Diese Verteilung scheint sie besonders dazu zu befähigen, Lügengebäude aufrecht zu erhalten. Die weiße Gehirnmasse dient der Informationsübermittlung, die graue Hirnmasse ist für die Informationsverarbeitung zuständig. Die weiße Hirnmasse enthält sozusagen die «Kabel» zwischen den Nervenzellen. Ein eng verknüpftes System solcher Verbindungen zwischen den Gehirnzellen erleichtert das Lügen, weil es ermöglicht, in sehr kurzer Zeit auf viele unterschiedliche Informationen zuzugreifen.
Da Gewohnheitslügner weniger graue Hirnsubstanz besitzen, machen sie sich über die moralische Tragweite ihrer Aussagen zudem weniger Gedanken als andere Menschen. Bei ehrlichen Menschen halten die Zellen der grauen Hirnsubstanz, die durch die weiße Substanz verbunden sind, uns «als moralische Instanz» vom Lügen ab. Autistischen Kindern, die über weniger weiße, aber umso mehr graue Hirnsubstanz verfügen, fällt es ganz besonders schwer, die Unwahrheit zu sagen.
Jeder Mensch lügt übrigens bis zu 200 Mal am Tag - allerdings nicht immer vorsätzlich. Oft geschieht dies aus Höflichkeit, Bescheidenheit oder um sich selbst besser darzustellen. Für den Soziologen Peter Stiegnitz ist die Lüge «das Salz des Lebens» - eine Prise macht das Leben leichter, zu viel macht es ungenießbar.
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