Fr., 25.05.12

Ein Jahr nach Winnenden 10.03.2010 «Ich kann nicht mehr»

Amoklauf von Winnenden und Wendlingen (Foto)
Kinder trauern vor den Kerzen in Winnenden. Bild: ddp

Von news.de-Redakteur Björn Menzel

Ihre Tochter ist beim Amoklauf in Winnenden ums Leben gekommen: Gisela Mayer spricht mit news.de über den Tag, der ihr Leben veränderte und wie sie mit der Tat heute umgeht.

Wie geht es Ihnen heute - ein Jahr nach dem Amoklauf in Winnenden?

Mayer: Mir geht es nicht viel anders als kurz nach der Tat. Das ist das Eigenartige. Ich kann sagen, wo ich vor einem Jahr gewesen bin und weiß auch, dass ein Jahr vergangen ist, aber emotional ist es so, als ob es vorige Woche gewesen ist.

Woran machen Sie das fest?

Mayer: Das ist einfach das Empfinden. Wenn meine Tochter in den nächsten fünf Minuten die Tür aufmacht und in den Raum kommt, würde ich sie in den Arm nehmen. Es wäre das Normalste auf der Welt.

Können Sie sich vorstellen, dass das noch passieren könnte?

Mayer: Leider Gottes nicht mehr. Nein. Ich hatte sie im Arm, als sie tot war.

Wie verarbeiten Sie den Verlust Ihrer Tochter?

Mayer: Verarbeiten kann man so etwas gar nicht. Ich versuche es zu integrieren. Ich bin gezwungen, ein neues, ein anderes Leben zu leben. Eines, was ich mir nicht ausgesucht habe. Ich versuche zu überleben.

Was ist das Entscheidende, das sich geändert hat?

Mayer: Es sind mehrere Dinge. Natürlich ist es der Schmerz. Es gibt immer und immer wieder Momente, in denen ich mir in aller Stille sage: Ich kann einfach nicht mehr und ich will auch nicht mehr. Dann bin ich kompromissloser geworden. Ich bin nicht mehr bereit, um des lieben Friedens Willen ein Mäntelchen über Dinge zu decken, die ich falsch finde.

Sie haben gerade Ihr Buch Die Kälte darf nicht siegen veröffentlicht. Darin arbeiten Sie den letzten Tag Ihrer Tochter auf. Warum ist Ihnen das so wichtig gewesen?

Mayer: Das ist ganz einfach. Ich habe meine Tochter ihr Leben lang begleitet und ich werde sie keine Sekunde lang im Stich lassen, selbstverständlich auch nicht in den letzten Minuten ihres Lebens. Da ich davon ausgeschlossen war, will ich versuchen, auf eine vermittelte Art und Weise bei ihr zu sein.

Wie ist der Tag für Ihre Tochter, die an der Schule Referendarin war, abgelaufen?

Mayer: Ich weiß nicht alles, aber manches. Meine Tochter war im Grunde in Sicherheit, nämlich zusammen mit zwei Kolleginnen im Vorbereitungsraum. Dieser Raum befindet sich genau unter dem Raum, in dem der Täter zuerst geschossen hat. Sie haben gehört, dass über ihnen irgendetwas los ist und wollten schauen, was passiert ist. Sie sind zu dritt raus aus dem sicheren Raum und die Treppe hoch. Sie sind zum Täter hingelaufen. Der Täter stand auf dem Gang und hat die Schaukästen angesehen. Meine Tochter und eine Kollegin, die dann neben ihr starb, haben an eine Tür geklopft. In diesem Moment hat der Täter geschossen.

Seit jenem Moment steht das «Warum» im Raum. Konnten Sie es für sich klären?

Mayer: Nein. Es wird nie eine Antwort auf dieses «Warum» geben, weil es Zufall ist. Das es sie und nicht eine andere getroffen hat, ist blanker Zufall, denn sie ist dem Täter nur einmal begegnet - als er sie erschossen hat.

Wie sieht es mit der Frage «Warum diese Gewalt» aus?

Mayer: Das ist die Frage, die ich klären will, und ich werde nicht aufhören zu fragen, bis ich die Antworten habe.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Gisela Mayer mit den Eltern des Täters sprechen will

Haben Sie darüber mit den Eltern des Täters gesprochen?

Mayer: Nein. Das hätte ich gern getan. Es war bisher nicht möglich. Das ist auch ein Punkt, der den Prozess für mich so wichtig macht. Ich möchte die Eltern zumindest einmal sehen. Das völlige Dunkel möchte ich aufklären.

Hätten Sie gern mit dem Täter darüber sprechen wollen?

Mayer: Das ist für mich sehr schwer zu beantworten. Wenn ich einmal soweit wäre, dass ich ihn verstehen würde, vielleicht ja. Der Mensch ist ein eigenartiges Wesen, der denkt, alles wird leichter, wenn er es verstehen kann. Die andere Seite ist: Ich müsste ihm in die Augen sehen. Er würde leben, während meine Tochter tot ist.

Sie engagieren sich beim Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden. Wie sehen die Erfolge aus?

Mayer: Wir sind stolz darauf, dass eine Diskussion in Gang gekommen ist. Die Gesellschaft hat begonnen, über verschiedene Dinge nachzudenken. Damit sind noch keine Probleme gelöst. Wir haben eine Änderung im Waffenrecht erwirkt, die allerdings in der Effizienz noch lange nicht reicht. Im Bezug auf Prävention in Schulen ist einiges erreicht, zum Beispiel Programme und Schulpsychologen. Wir plädieren noch für ein Unterrichtsfach: Erwerb sozialer Kompetenzen.

Hinsichtlich des Waffenrechts sollen sie von der Waffenlobby unter Druck gesetzt worden sein. Stimmt das?

Mayer: Ja. Wir haben uns zwar mit Vertretern der Vereinigungen an einen Tisch gesetzt, aber auch üble Beschimpfungen per Mail bekommen. Das ging bis zu Morddrohungen.

In Winnenden zeigt man der Presse gegenüber eher Ablehnung. Sie suchen mit Ihrem Buch jedoch die Öffentlichkeit. Woher kommen die verschiedenen Auffassungen?

Mayer: Das muss man differenziert betrachten. Es gibt Medienvertreter, die sehr sensibel und klug sind, mit denen der Kontakt wohltuend und gut ist. Und es gibt andere. Den Kontakt suche ich, da die Presse ein entscheidender Faktor im Amokgeschehen ist. Sie ist ein aktiver Teil im Plan des Täters. Außerdem ist die Arbeit in der Öffentlichkeit entscheidend. Das, was wir zu sagen haben, geht jeden in diesem Land etwas an. Wir wissen zwar nicht, wo der nächste Amoklauf stattfinden wird, wir wissen nur, dass er stattfinden wird.

 

Gisela Mayer hat beim Amoklauf am 11. März 2009 in Winnenden eine Tochter verloren. Seitdem engagiert sie sich im Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden. Über ihre Gedanken, Erlebnisse und Erfahrungen rund um den Tod ihrer Tochter hat sie das Buch Die Kälte darf nicht siegen geschrieben. Es ist im Ullsteinverlag erschienen.

iwe/cvd/reu/news.de
Leserkommentare (2) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • astrowolfhannover
  • Kommentar 2
  • 10.03.2011 18:08
 

man kann die ++L Ü G E N ++ nicht mehr +++ HÖREN +++++ man weiß seit Millionen Jahren weiß man...mit der ++L I E B E ++ spielt man nicht wo war die HILFE für die KINDER ++ekelhaftes Palaver von POLITIK J U G E N D A M T + J U S T I Z

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  • astrowolf hannover
  • Kommentar 1
  • 10.03.2011 18:07
 

man kann die ++L Ü G E N ++ nicht mehr +++ HÖREN ++++++++++ man weiß seit Millionen Jahren weiß man...mit der ++L I E B E ++ spielt man nicht wo war die HILFE für die KINDER ++ekelhaftes Palaver von POLITIK J U G E N D A M T + J U S T I Z

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