Mo., 13.02.12

Ein Jahr nach Winnenden Die Botschaften der Amokläufer lesen

Artikel vom 10.03.2010

Alle Amokläufer haben vorher auf ihre Tat aufmerksam gemacht. Jugendforscher Klaus Hurrelmann schlägt deshalb anonyme Stellen vor, wo Lehrer auffällige Schüler melden können. Klassisch seien Interesse an Waffen und die Flucht ins Computerspiel.

«In allen uns bekannten Fällen haben die Täter explizite Botschaften hinterlassen», sagte Hurrelmann knapp ein Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden. «Wenn wir die lesen könnten, wäre das ein erster Schritt.» Hurrelmann schlug die Einrichtung anonymer Meldestellen vor: An diese sollten sich Lehrer oder Jugendliche wenden, denen ein Schüler auffällig erscheine.

Für Lehrer müsse eine Checkliste mit Risikofaktoren erarbeitet werden, sagte Hurrelmann. Dazu gehöre zum Beispiel ein besonderes Interesse an Waffen und die intensive Beschäftigung mit früheren Amokläufen. Typisch sei auch die Flucht in eine virtuelle Welt - ins Internet oder zu Computerspielen.

Jugendliche, die eine solche Tat begingen, hätten durchgängig eine hohe Aktivität bei Computerspielen gehabt, erklärte er. «Damit schulen sie sich und versetzen sich in andere Welten.» Es würde weiterhelfen, wenn bestimmte Computerspiele schwerer erreichbar wären, sagte der Wissenschaftler, betonte aber zugleich, dass ein Verbot nicht unbedingt sinnvoll sei. «Damit erreicht man manchmal den gegenteiligen Effekt.»

Kämen bei einem Jugendlichen mehrere Risikofaktoren zusammen, könnten Lehrer diesen Schüler der professionell geschulten Anlaufstelle melden - diskret, notfalls auch anonym, ohne Angst haben zu müssen, ihn jetzt «anzuschwärzen». Auch Mitschüler müssten diese Möglichkeit haben.

Eigentlich gar kein Amok

Weltweit seien inzwischen rund 125 Amokläufe bekannt und dokumentiert, sagte Hurrelmann, und «überall schälte sich ein Muster heraus»: Es habe sich nicht um ein spontanes Verbrechen gehandelt - Amok sei also eigentlich nicht das richtige Wort. Es seien im Gegenteil langfristig, zum Teil schon über ein Jahr hinweg geplante und genau durchkalkulierte Taten gewesen.

Bei den Tätern kämen drei Faktoren zusammen - ihre Persönlichkeit, die oft pathologische Züge trage, das soziale Umfeld, das häufig durch Spannungen bestimmt sei, und die Waffe, fast immer eine Schusswaffe. «Der Zugang zu Waffen ist ein Risikofaktor», sagte Hurrelmann. Ob man aber allein durch Verschärfung des Waffengesetzes eine Einschränkung der Verfügbarkeit erreiche, sei fraglich.

Ausschließlich in kleineren Städten

Hurrelmann verwies darauf, dass die 125 dokumentierten Amokläufe so gut wie alle in kleineren Städten stattgefunden hätten. Das könne auf Gruppenstrukturen unter Gleichaltrigen hinweisen, aber auch reiner Zufall sein. In allen Fällen jedenfalls hätten die Täter den Druck auf sich subjektiv als sehr hoch empfunden.

In Winnenden hatte am 11. März 2009 ein 17-Jähriger 15 Menschen und sich selbst erschossen; in seiner ehemaligen Schule tötete er neun Schüler und drei Lehrerinnen und auf der Flucht drei weitere Menschen. Seitdem seien in allen Schulen Handreichungen entwickelt worden, was im Fall eines Amoklaufes zu tun sei, sagte Hurrelmann. Der Fall von Ludwigshafen - hier hatte ein 23-Jähriger Mitte Februar in einer Schule einen Lehrer erstochen - habe gezeigt, dass viele Lehrer ihr eigenes Notrufsystem entwickelt hätten. In Ludwigshafen hatte eine Lehrkraft ein Handy-Alarmsystem ausgelöst.

iwi/news.de/ap
Zum Thema Thema verfolgen » Newsletter abonnieren Artikel kommentierenArtikel kommentieren
Amoklauf von Winnenden und Wendlingen (Foto)
Ein Jahr nach Winnenden «Ich kann nicht mehr»

Ihre Tochter ist beim Amoklauf in Winnenden getötet worden: Gisela Mayer spricht mit news.de über den Tag, der ihr Leben mehr ...

Der Amoklauf von Winnenden und Wendlingen jährt sich am 11. März. (Foto)
Winnenden «Amoklauf ist keine Kurzschlusshandlung»

Ein Sonderausschuss hat nun 100 Handlungsempfehlungen zur Prävention von Amokläufen mehr ...

Winnenden Amoklauf 06 (Foto)
Nach Winnenden Schulen nicht ausreichend sicher vor Amokläufern

Nach einem GAU wie dem Amoklauf in Winnenden erwartet die Gesellschaft Konsequenzen. «Wie können wir solche Bluttaten mehr ...

St. Augustin (Foto)
Amok-Urteil erwartet Sie hatte einen grausamen Plan

Im Prozess um einen geplanten Amoklauf an einem Gymnasium in Sankt Augustin wird das Bonner Landgericht heute das Urteil mehr ...

«Warum?» fragen sich die Schüler des Ansbacher Carolinum-Gymnasiums. (Foto)
Weiterer Amoklauf vereitelt Psychologe warnt vor dem Werther-Effekt

Fünf Tage nach dem Amoklauf von Ansbach hat die Polizei einen weiteren Amoklauf an einer mehr ...

Ansbach kerze (Foto)
Ansbacher Amoklauf war geplant «Apokalypse» im Terminkalender

Auf einem Kalenderblatt hatte er für den 17.9. das Wort «Apokalypse» eingetragen: Bei einer Durchsuchung mehr ...

Ein Jahr nach Winnenden: Die Botschaften der Amokläufer lesen » Gesellschaft » Nachrichten

URL : http://www.news.de/gesellschaft/855047582/die-botschaften-der-amoklaeufer-lesen/1/
Schlagworte:
Leserkommentare (0)
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
Ihr Name
Ihre Emailadresse
noch 600 Zeichen übrig
Ihr Kommentar
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'
Zum Thema
Anzeige
Meistgelesene Artikel
Fotostrecken Videos
zurück
vor
Anzeige
drucken
Bookmarken
Bookmarken
RSS-Newsfeed
Newsletter abonnieren
Newsletter abonnieren