Die Botschaften der Amokläufer lesen
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Alle Amokläufer haben vorher auf ihre Tat aufmerksam gemacht. Jugendforscher Klaus Hurrelmann schlägt deshalb anonyme Stellen vor, wo Lehrer auffällige Schüler melden können. Klassisch seien Interesse an Waffen und die Flucht ins Computerspiel.
«In allen uns bekannten Fällen haben die Täter explizite Botschaften hinterlassen», sagte Hurrelmann knapp ein Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden. «Wenn wir die lesen könnten, wäre das ein erster Schritt.» Hurrelmann schlug die Einrichtung anonymer Meldestellen vor: An diese sollten sich Lehrer oder Jugendliche wenden, denen ein Schüler auffällig erscheine.
Für Lehrer müsse eine Checkliste mit Risikofaktoren erarbeitet werden, sagte Hurrelmann. Dazu gehöre zum Beispiel ein besonderes Interesse an Waffen und die intensive Beschäftigung mit früheren Amokläufen. Typisch sei auch die Flucht in eine virtuelle Welt - ins Internet oder zu Computerspielen.
Jugendliche, die eine solche Tat begingen, hätten durchgängig eine hohe Aktivität bei Computerspielen gehabt, erklärte er. «Damit schulen sie sich und versetzen sich in andere Welten.» Es würde weiterhelfen, wenn bestimmte Computerspiele schwerer erreichbar wären, sagte der Wissenschaftler, betonte aber zugleich, dass ein Verbot nicht unbedingt sinnvoll sei. «Damit erreicht man manchmal den gegenteiligen Effekt.»
Kämen bei einem Jugendlichen mehrere Risikofaktoren zusammen, könnten Lehrer diesen Schüler der professionell geschulten Anlaufstelle melden - diskret, notfalls auch anonym, ohne Angst haben zu müssen, ihn jetzt «anzuschwärzen». Auch Mitschüler müssten diese Möglichkeit haben.
Eigentlich gar kein Amok
Weltweit seien inzwischen rund 125 Amokläufe bekannt und dokumentiert, sagte Hurrelmann, und «überall schälte sich ein Muster heraus»: Es habe sich nicht um ein spontanes Verbrechen gehandelt - Amok sei also eigentlich nicht das richtige Wort. Es seien im Gegenteil langfristig, zum Teil schon über ein Jahr hinweg geplante und genau durchkalkulierte Taten gewesen.
Bei den Tätern kämen drei Faktoren zusammen - ihre Persönlichkeit, die oft pathologische Züge trage, das soziale Umfeld, das häufig durch Spannungen bestimmt sei, und die Waffe, fast immer eine Schusswaffe. «Der Zugang zu Waffen ist ein Risikofaktor», sagte Hurrelmann. Ob man aber allein durch Verschärfung des Waffengesetzes eine Einschränkung der Verfügbarkeit erreiche, sei fraglich.
Ausschließlich in kleineren Städten
Hurrelmann verwies darauf, dass die 125 dokumentierten Amokläufe so gut wie alle in kleineren Städten stattgefunden hätten. Das könne auf Gruppenstrukturen unter Gleichaltrigen hinweisen, aber auch reiner Zufall sein. In allen Fällen jedenfalls hätten die Täter den Druck auf sich subjektiv als sehr hoch empfunden.
In Winnenden hatte am 11. März 2009 ein 17-Jähriger 15 Menschen und sich selbst erschossen; in seiner ehemaligen Schule tötete er neun Schüler und drei Lehrerinnen und auf der Flucht drei weitere Menschen. Seitdem seien in allen Schulen Handreichungen entwickelt worden, was im Fall eines Amoklaufes zu tun sei, sagte Hurrelmann. Der Fall von Ludwigshafen - hier hatte ein 23-Jähriger Mitte Februar in einer Schule einen Lehrer erstochen - habe gezeigt, dass viele Lehrer ihr eigenes Notrufsystem entwickelt hätten. In Ludwigshafen hatte eine Lehrkraft ein Handy-Alarmsystem ausgelöst.
iwi/news.de/ap
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