Fr., 25.05.12

Frauendemo 08.03.2010 «Weil wir arm sind, müssen wir früh sterben»

Demo (Foto)
In der DDR geschiedene Frauen kämpfen für ihr Recht. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach, Leipzig

Sie werden nicht gehört. Das ist ihr Problem. Nicht nur auf dem Augustusplatz in Leipzig, sondern auch von der Bundesregierung nicht. Die in der DDR geschiedenen Frauen wollen Gerechtigkeit - und den Versorgungsausgleich.

Die Lautsprecherbox ist zu leise. Ein Raunen geht durch die Menge von 200 Frauen, die nach Leipzig gekommen sind, um für ihr Recht zu kämpfen. «Dann drehen Sie ihre Hörgeräte ganz auf», sagt jemand. Versorgungsausgleich heißt das Schlagwort, das von den zumeist älteren Damen auf Pappschildern hochgehalten wird. «Nach 20 Jahren Einheit sind wir die Armen der Gesellschaft», heißt es auf einem T-Shirt. Dutzende orangefarbene Luftballons wehen im Wind. An einem Faden sind Wünsche angebracht.

Der Verein der in der DDR geschiedenen Frauen hat am Internationalen Frauentag zur Kundgebung eingeladen, um auf sein Ziel aufmerksam zu machen: Er will die Ungerechtigkeit bei der Rentenberechnung für diese Frauen beseitigen. Frauen, die in der DDR geschieden wurden, haben keine Ansprüche mehr an ihre Männer. Beim Rentenrecht seien die Ostfrauen den westdeutschen Rentnerinnen nicht gleichgestellt, bekämen so viel weniger Geld, erfährt man hier.

So wie Annelies Stark. Sie lebt von 615 Euro im Monat. «Ich habe meinem Mann den Rücken freigehalten, die Kinder erzogen», sagt die 69-Jährige. Dafür müsse sie nun büßen. Außerdem habe sie selbst 20 Jahre lang gearbeitet. Die Rente dafür reiche jedoch hinten und vorne nicht. So wie ihr geht es schätzungsweise 450.000 Frauen in Deutschland. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Mitstreiterinnen habe sie nun Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht. Zwei Klagen seien bereits vom Sozialgericht und sogar vom Bundesverfassungsgericht abgeschmettert worden.

Doch Marion Böker, Beraterin für Menschenrechte und Genderfragen, tritt ans Mirko und macht Mut für den europäischen Anlauf. Sie zählt eine Reihe von Diskriminierungen auf, denen die Frauen, die vor ihr stehen unterliegen. «Die Bundesregierung hätte längst handeln müssen.» Doch all die Schreiben, die an die Kanzlerin und ihre Regierung aufgesetzt wurden, seien bisher mit Standardantworten quittiert worden.

«Weil wir arm sind, müssen wir früher sterben», sagt eine Frau im Gespräch mit ihren Leidensgenossinnen. Es kümmert sich niemand um uns, ist der allgemeine Tenor. Die Frauen sind aus den Untervereinen in Mecklenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen angereist. So wie Johanna Burkert aus Gotha. «Wir fühlen uns als ständige Bittsteller», sagt sie. «Alle vier Wochen treffen wir uns im Verein und werten unseren Kampf aus. Das ist oft frustrierend.»

Die Vereinsvorsitzende Ute Lauterbach will ihre «Mitschwestern» anspornen. «Wir müssen weiter darum kämpfen, dass unsere Lebens- und Familienleistung anerkannt wird», sagt sie ins Getöse der Trillerpfeifen. Immer wieder wird aufgrund des Alters der Demonstrantinnen die «biologische Lösung» des Problems angesprochen. «Auch wenn es nur noch eine Frau geben würde - es lohnt sich weiterzumachen.»

Die Hoffnung der Frauen liegt nun auf der Klage von Annelies Stark. «Das könnte ein Exempel für alle sein. Ein großer Fortschritt», sagt Lauterbach. Vielleicht werde sie vom Europäischen Gerichtshof erhört, sagt Stark. Jetzt lassen die Frauen ihre Wünsche in den Himmel steigen. «Wir hoffen auf den Versorgungsausgleich» und «Die verordnete Altersarmut kann so nicht weiter gehen.»

iwi/news.de
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