Fr., 25.05.12

Missbrauchsskandal 09.03.2010 «Schulpersonal muss sich kontrollieren»

Der ehemalige Leiter der Odenwald-Privatschule, Gerold B., während des Unterrichts in den 1970er Jah (Foto)
Der ehemalige Leiter der Odenwald-Privatschule, Gerold B., während des Unterrichts in den 1970er-Jahren. Bild: ddp

Von Xenia von Polier

In Internaten gibt es nach Ansicht des Kieler Rechtspsychologen Günter Köhnken ein größeres Risiko für sexuelle Übergriffe als an anderen Schulen. Persönliche und räumliche Nähe, wie sie die Reformpädagogik fördert, böten viel mehr Gelegenheiten zum Missbrauch.

Um solche Fälle zu vermeiden, fordert Köhnken vom Schulpersonal stärkere gegenseitige soziale Kontrolle. «Die Mentalität des Schweigens muss durchbrochen werden», sagte der Psychologe. Für Kinder sei es wichtig, dass es Anlaufstellen gebe.

Die Reformpädagogik der Odenwaldschule ist nach Köhnkes Ansicht aber kein Auslöser für die Übergriffe. «Man würde es sich zu einfach machen, zu sagen: Das ist ein Problem dieser Schule.» Die Zahl der Opfer relativiere sich sehr stark, wenn man überlegt, wie häufig solche Übergriffe auch in anderen Lebensbereichen seien.

Nach den jüngsten Diskussionen falle es vielen Betroffenen leichter, sich den Missbrauchs einzugestehen, da die Opfer durch die öffentliche Erörterung das Gefühl bekämen, Leidensgenossen zu haben. «Das Gefühl, allein zu sein, erhöht die Schwelle, über den Missbrauch zu reden. Durch die öffentliche Thematisierung fassen nun viele Mut, über ihre Erfahrungen zu sprechen.»

Jungen tun sich schwerer, über Missbrauch zu sprechen

Bei den Tätern sieht Köhnken das Zusammengehörigkeitsgefühl an Internaten und den Elite-Anspruch als Gründe für die jahrelange Vertuschung. Personal, das von Missbrauch wusste, habe offenbar versucht, den Schein zu wahren.

Jungen tun sich nach den Erfahrungen Köhnkens besonders schwer, über sexuellen Missbrauch zu sprechen. «Für einen 12- oder 13-Jährigen ist es nicht nur außerordentlich peinlich, von dem Missbrauch zu erzählen. Hinzu kommt auch die Angst, schwul zu sein oder für schwul gehalten zu werden.» Köhnken sieht zudem Parallelen zum Missbrauch in Familien. Auch hier dauert es oft sehr lange, bis sich die Kinder äußern, da sie sich dem Täter ausgeliefert fühlen.

Missbrauchsskandal
Nur Geld allein hilft nicht
Video: news.de

mac/cvd/news.de/dpa
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