100 Schüler missbraucht
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Wer sich gegen den Missbrauch wehrte, soll als «Spießer» verrufen gewesen sein. An der Odenwaldschule in Heppenheim weitet sich der Missbrauchsskandal aus.
Wie die Frankfurter Rundschau unter Berufung auf frühere Schüler berichtete, gab es an der Reformschule in Heppenheim auch Übergriffe auf Mädchen. In einem Fall sollen sich demnach zwei Lehrer ein Mädchen als sexuelle Gespielin «geteilt» haben. «Es ging da in all den Jahren sehr freizügig zu», wurde der frühere Schüler zitiert. In mehreren Fällen sollen Lehrer ihre jugendlichen Geliebten später geheiratet haben. Die Schule will am Nachmittag auf einer Pressekonferenz über neue Erkenntnisse berichten.
Ein weiterer Absolvent der Odenwaldschule berichtete in der Frankfurter Rundschau von einer «Anti-Spießer-Hysterie», welche die Übergriffe in den 1970er und 1980er Jahren erst möglich gemacht habe. Wer seinerzeit etwas bemerkt und gesagt habe, sei «sofort als Spießer geächtet worden - das war grauenhaft», wird er zitiert. Eine unabhängige Kontrollinstanz habe es nicht gegeben.
Im Grunde hätte die Schulleitung eingreifen müssen, dort aber habe der Rektor gesessen, also derjenige, der die systematischen Übergriffe erst möglich gemacht habe. «Und da keine Krähe der anderen ein Auge aushackt, konnte dem niemand Einhalt gebieten.» Sämtliche Vorwürfe sind nach bisherigem Kenntnisstand strafrechtlich verjährt.
Allerdings erwägen Altschüler laut Frankfurter Rundschau, eine Verwaltungsklage anzustrengen, um auf diese Weise Versäumnisse der hessischen Landesregierung aufzudecken. Hintergrund sind Vorgänge aus dem November 1999, als die Zeitung nach eigener Darstellung erstmals über den jahrelangen Missbrauch durch den früheren Schulleiter berichtete.
Insgesamt sollen bis zu 100 Schüler betroffen sein
Am Wochenende war bekannt geworden, dass an der renommierten Schule für Reformpädagogik zwischen 1970 bis 1985 bis zu 100 Schüler von dem Schulleiter und mindestens drei Lehrern missbraucht worden sein sollen. Die seit 2007 amtierende Leiterin Margarita Kaufmann sagte am Sonntag zur Aufklärung der Fälle würden nun alle früheren Schüler in einem Schreiben aufgefordert, über solche Vorfälle zu berichten.
Ehemalige Schüler berichteten der Zeitung davon, dass sie als «sexuelle Dienstleister» für ganze Wochenenden eingeteilt und zu Oralverkehr gezwungen wurden. Einzelne Pädagogen hätten ihren Gästen Schüler zum sexuellen Missbrauch überlassen.
Schon 1999 hatten zwei frühere Schüler den ehemaligen Schulleiter des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Das Ermittlungsverfahren war aber wegen Verjährung eingestellt worden. Kaufmann sagte der Frankfurter Rundschau: «Es war eine Unterlassung und ein grober Fehler, dass die Schule damals nicht nachgeforscht hat.»
Die Odenwaldschule ist in freier Trägerschaft und hat seit den 1960er Jahren den Status einer Unesco-Modellschule. Derzeit hat sie gut 200 Schüler. Besonderheiten sind das Lernen inmitten der Natur, die Möglichkeit, neben dem Abitur auch berufliche Abschlüsse zu erwerben sowie das Leben in Kleingruppen: Diese werden als «Familien» bezeichnet, «Familienoberhaupt» ist der Klassenlehrer. Eine Klasse besteht aus 16 bis 17 Schülern. Die Jahresgebühr für das laufende Schuljahr gibt die Schule mit 26.640 Euro an.
iwe/seh/news.de/ap
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Ein weiterer Missbrauchskandal: Auch eine Privatschule in Hessen hat eine dunkle mehr ...
Der Papst soll im Missbrauchskandal Farbe bekennen. Das fordert die mehr ...
Nach den Opfern will nun auch der Vatikan eine Aufklärung der Missbrauchsfälle voran mehr ...
Die Mißbrauchsfälle, bzw. auch deren erst jetzt bekanntwerden, haben ein derartiges Ausmaß erreicht, das man sich wirklich fragen muss, ob eine Verjährungsfrist für dieses abscheuliche Verbrechen nicht längst abgeschafft werden sollte. Das jahre, jahrzehntelange Vertuschen dieser Seelenmorde hält hingegen an. War letztlich ja auch der Grund, das nichts an die Öffentlichkeit kommt. Vielleicht sollte man im nachhinein die Verjährungsfrist aufheben. Das die Täter sich wegen einer Verjährung heute so sicher fühlen, ist ein zusätzlicher Skandal
jetzt antwortenKommentar melden