Serie blinder Gewalt
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Von Sabine Dobe
Artikel vom 08.03.2010
Sie haben einfach zugeschlagen, weil sie Lust dazu hatten. Fünf Münchner wurden dabei teils schwer verletzt. Dafür stehen die Schweizer Jugendlichen Ivan, Mike und Benjamin jetzt vor Gericht.
Der Fall sorgte in ganz Deutschland und in der Schweiz für Fassungslosigkeit: Aus reiner Lust am Prügeln sollen drei 16-jährige Schüler aus der Schweiz im vergangenen Sommer in München binnen einer knappen halben Stunde fünf Menschen niedergeschlagen haben. Von heute an müssen sich Mike, Ivan und Benjamin wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung vor der Jugendkammer des Landgerichts München I verantworten.
Die Öffentlichkeit bleibt wegen des jugendlichen Alters der Angeklagten ausgeschlossen. Zwei der Opfer werden als Nebenkläger teilnehmen. 34 Zeugen und ein halbes Dutzend Sachverständige sind benannt. Den drei Jugendlichen drohen bis zu zehn Jahre Haft nach Jugendstrafrecht. Sie sitzen seit der Tat in Untersuchungshaft.
Die Schüler aus der zehnten Klasse einer Weiterbildungs- und Berufsfachschule in Küsnacht am Zürichsee waren auf Klassenfahrt in München. Sie sollen mit Klassenkameraden in einem Park in der Innenstadt gefeiert, getrunken und Haschisch geraucht haben. Es sei ein friedlicher Abend gewesen, sagte ein Mitschüler dem Züricher Tages-Anzeiger zufolge später. Warum die Stimmung plötzlich kippte, ist nicht ganz klar. Mike ärgerte sich angeblich, dass seine Geldbörse verschwunden war - doch kann das der Auslöser einer Serie von blinder Gewalt gewesen sein? Warum auch immer: Die Jugendlichen wollten «ein paar Leute wegklatschen», es sei darum gegangen, «ein bisschen Spaß zu haben», zitierten die Ermittler einen Beschuldigten.
Drei Männer in dem Park, in dem die Schüler gerade noch gefeiert hatten, sind die ersten Opfer. Einen von ihnen schlagen und treten sie den Ermittlungen zufolge so, dass die Staatsanwaltschaft von einem Mordversuch ausgeht. Wenige hundert Meter weiter, am Sendlinger Tor, überfallen die Jugendlichen laut Ermittlern einen damals 46 Jahre alten Versicherungskaufmann aus Ratingen in Nordrhein-Westfalen. Sie treten ihm den Erkenntnissen zufolge ins Gesicht und zerschmettern ihm Kieferhöhlen, Jochbein und eine Augenhöhle - für die Anklage ebenfalls versuchter Mord.
Erneut sollen die Schüler ihr Opfer bewusstlos liegengelassen haben - um wenige Minuten später offenbar wieder ohne jeden Anlass auf einen Studenten aus Bulgarien loszugehen. Der damals 27-Jährige kommt vergleichsweise glimpflich davon, er erleidet nach damaligen Polizeiangaben nur Hämatome im Gesicht und am Hals. In der Unterkunft ihrer Klasse werden Mike, Ivan und Benjamin wenig später festgenommen. Nach damaligen Angaben der Polizei zeigen sie in ersten Vernehmungen keine Reue. Aus der Untersuchungshaft schreibt einer der Jugendlichen dann laut Tages-Anzeiger in einem Brief, dass es ihm leidtue.
Entsetzen bei Eltern, Lehrern und Klassenkameraden. «Wir hätten ihm so eine Tat nie zugetraut, er ist ein friedlicher Junge», sagten Mitschüler über den Jugendlichen nach der Tat dem Newsportal 20 Minuten Online. «Es ist eine unglaubliche Katastrophe», wurde der Vater damals auf Tagesanzeiger.ch zitiert. «Ich stehe unter Schock und weiß nicht, wie es weitergehen soll.» Mal ein Diebstahl, mal eine Schlägerei - dafür waren die Jugendlichen in der Schweiz bereits mit Sozialdienst bestraft worden. Aber alle drei waren nicht mit extremen Taten aufgefallen.
Manche Ermittler bezeichneten die Tat in München als noch alarmierender als den Fall der Münchner U-Bahn-Schläger vor Weihnachten 2007. Damals hatten zwei junge Männer einen Rentner fast zu Tode geprügelt, weil er sie auf das Rauchverbot in der U-Bahn hingewiesen hatte. Im vergangenen Herbst erreichte jugendliche Gewalt noch einmal eine neue Dimension: Zwei junge Männer prügelten an einem Münchner S-Bahnhof den Geschäftsmann Dominik Brunner tot, weil er sich schützend vor vier Kinder gestellt hatte.
Wenn der Prozess gegen die Schweizer Jugendlichen beendet ist, wird die Jugendkammer unter Vorsitz von Richter Reinhold Baier den Fall Brunner verhandeln. Die mutmaßlichen Täter sind wegen Mordes angeklagt. Baier hat vor knapp zwei Jahren schon die beiden U-Bahn- Schläger hart verurteilt: Sie bekamen Haftstrafen von achteinhalb und zwölf Jahren.
iwe/cvd/news.de/dpa
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