Von news.de-Redakteurin Kristina Schmidl, Leipzig
Stricken ist wieder «in» - vor allem gemeinsam. Daher werden Strickcafés immer beliebter. Man trifft sich dort, um Tricks rund um den wollenen Faden auszutauschen und zu plaudern. Auch in Leipzig setzen sich Frauen allabendlich im kuscheligen Stricklokal zusammen.
Umgeben von raumhohen Regalen voller Wolle in allen erdenklichen Farben und Stärken haben sich Frauen jeden Alters bei Kaffee und Tee um einen hölzernen Tisch versammelt und frönen ihrer Leidenschaft: dem Stricken. Die meisten kommen regelmäßig zu Christine Manitz ins Leipziger Kreativ- und Strickcafé, manche sogar mehrmals die Woche. Denn Strick ist wieder chic und die Kunst des Maschenknüpfens wieder voll im Trend.
Angesagte Designer haben erkannt, wie vielseitig einsetzbar flauschige Wolle ist und den Staub von dem uralten Material gepustet. Selbst Promis wie Sarah Jessica Parker, Julia Roberts, Madonna oder die Biathletin Magdalena Neuner sind dem Virus mit Nadel und Faden verfallen. Genau wie die Besucherinnen des Leipziger Strickcafés. Sie kommen dorthin, weil sie die freundschaftliche, gemütliche Atmosphäre schätzen. Man duzt sich und jeder, der das Handwerk mit Nadel und Faden beherrscht oder erlernen möchte, ist herzlich willkommen.
«Ich stricke zwar auch gerne zu Hause, wenn ich alleine vor dem Fernseher sitze», erzählt Veronika, die mit ihren 60 Jahren eine der ältesten in der Runde ist, «aber ich möchte das Handarbeiten unter anderen Frauen nicht mehr missen». Denn obwohl sie schon seit ihrer Kindheit strickt, gibt es noch immer Techniken und Kniffe, die sie nicht kennt und von den anderen lernen kann.
Veronika lässt ihre Nadeln über einem viereckigen Strickwerk aus dicker, feuerroter Wolle klappern, das sie im Anschluss zu gefilzten Hausschuhen weiterverarbeiten möchte. Dass die Schuhe später wärmen werden, erkennt man auf den ersten Blick. «So sollen sie aussehen, wenn sie fertig sind», sagt Veronika und präsentiert stolz ein Paar Pantoffeln mit einem weinroten Herzchen auf der Spitze.
Gesprenkelte Socken als Freundschaftsbeweis
Seit eineinhalb Jahren ist Veronika regelmäßig Gast in dem Café. Genau wie die 33-jährige Silke. Die arbeitet an bunt gesprenkelten Socken für ihre Freundin. «Stricken ist eine Sucht», stellt sie klar. «Man kann sich dabei entspannen und gleichzeitig produziert man ein einmaliges Kleidungsstück.» Die junge Frau strickt nur nach Muster. Manchmal ist es für sie eine Herausforderung, die Anleitung zu verstehen.
«Stricken ist mitunter echt Knobelei. Einzelne Strickanleitungen lese ich zwanzig Mal durch und verstehe gar nichts. Und wenn ich sie dann nach dem dreißigsten Mal endlich kapiert habe, freue ich mich riesig.» Kommt sie einmal gar nicht allein zurecht, fragt sie im Café nach Rat. «Da kriege ich immer eine Antwort.» Oder zumindest fast immer, denn als Iris wissen möchte, wie man die Herzchenferse strickt, kann ihr niemand helfen. «Ist ja unglaublich», staunt sie. «Käppchen-, Bumerang- und Stufenferse, alles kein Problem, aber keine hier kann die Herzchenferse. Naja, dann bekommen meine Socken eben eine andere Ferse.»
Iris ist pragmatisch. Sie klappert seit ihrem achten Lebensjahr mit den Stricknadeln. Angefangen hat sie mit Kleidern für ihre Puppen, jetzt sind es meist Schals, Socken und Handschuhe. Denn was Wolle betrifft, sitzt Iris an der Quelle: Sie wohnt auf dem Land und hält Schafe, deren Pelz sie selbst spinnt und anschließend verstrickt oder zum Häkeln und Filzen nutzt. Ihr ganzer Stolz ist eine riesige braune Jacke, die sie für ihren Mann gefertigt hat. «Das war ein ganzes Stück Arbeit», erinnert sie sich. «Denn er ist echt groß.» Bevor Iris zu den Nadeln greift, studiert sie meist ein Muster, dass sie beim Stricken dann aber abwandelt. Genau wie die anderen Damen in der Runde, ist sie eine Meisterin in Sachen Wollkleidung - bis auf die Herzchenferse.
Christine, eine der Verantwortlichen für das Strickcafé holt sich auch gerne im Internet neue Anregungen. Sie ist Strickbloggerin und hat im Netz schon viele Gleichgesinnte gefunden. «Auch im Internet sieht man, wie bunt und schön Stricken ist», sagt sie. «Stricken ist überhaupt nicht altmodisch. Wir wollen weg von dem Klischee, dass nur Omas stricken und am Schluss ausschließlich altbackene Sachen dabei herauskommen.» Die Cafébesucherinnen seien eher jung, betont Christine.
Schals für Straßenkinder
Während die Damen so aus dem Strickkästchen plaudern, kommt ab und an eine Kundin ins Ladencafé und guckt verdutzt, wie viel hier los ist. Freundlich wird sie von Christine, die sich mit zwanzig weiteren Mitarbeiterinnen hobbymäßig um das Geschäft kümmert, durch den Laden geführt und kompetent bedient.
Das Stricken – insbesondere das gemeinsame – noch populärer zu machen, ist ihr ein großes Anliegen. Daher nehmen sie und ihr Damenkränzchen – schließlich kommt nur ein einziger Mann ab und an ins Café – jährlich am Weltstricktag teil, der immer im Juni stattfindet. «Voriges Jahr saßen wir auf dem Augustusplatz und strickten Socken und Schals für Leipzigs Straßenkinder und Mützen für Frühchen», erzählt Christine.
Außerdem veranstalten die Damen am 29. und 30. Mai schon ihr drittes Wolle-Fest im Garten hinter dem Café. «Das ist ein kleiner, schöner Handwerkermarkt der wollenen Zunft. Sogar Alpakas kommen zu Besuch und stellen ihre Pelze zur Schau.»
Die Strickdamen haben eine Menge zu erzählen. Aufgeschlossen und selbstverständlich rücken sie für jeden Neuling gerne einen Stuhl an ihren Arbeitstisch, reichen ihm einen Kaffee und verwickeln ihn in ein nettes Gespräch. Kein Wunder, dass sich laut Christine jeden Abend mindestens fünf Frauen hier treffen. Man muss sich einfach wohlfühlen in dem kleinen Ladencafé – auch wenn man selbst nicht stricken kann.
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Kollektive Woll-Lust: Wir in der Cafe & Woll-Stube bei der Alten Mühle in CH 9473 Gams nutzen dies Lustgefühl jeden Donnerstagabend ab 19:30 (Donnstig-Club) und Montagabend (Montags-Strickplausch)um gemeinsam einen netten Abend zu verbringen. Am 5.12. ist die Finale Veranstaltung der "Strickmeisterschaften.ch" in Gams. Interessierte können Sie unter www.strickmeisterschaften.ch oder www.wollcafe.ch informieren und zum Newsletter anmelden.
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