Nach dem Beben kommen die Plünderer
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Von Jan-Uwe Ronneburger
Artikel vom 01.03.2010
Nach dem katastrophalen Erdbeben in Chile mit mehr als 700 Toten und immensen Schäden ist die Hilfe für hunderttausende Opfer langsam angelaufen. Außerdem gehen Sicherheitskräfte gegen Plünderungen vor.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte dem südamerikanischen Land nach den Erdstößen mit einer Stärke von 8,8 Hilfe beim Wiederaufbau zu. Die chilenische Regierung ging im Krisengebiet gegen Plünderer vor, dabei setzten die Einsatzkräfte auch Tränengas ein. Die Behörden verhängten den Ausnahmezustand über die besonders betroffenen Regionen Maule und Bíobío und entsandten 10.000 Soldaten. In der Nacht seien in der stark zerstörten Stadt Concepción 55 Menschen wegen der Verletzung der Ausgangssperre festgenommen worden.
In einem Telefonat mit Präsidentin Michele Bachelet stellte Merkel auch über die Nothilfe hinaus Unterstützung in Aussicht, teilte Vize- Regierungssprecherin Sabine Heimbach am Montag in Berlin mit. «Die Bundesregierung steht bereit, bei der Bewältigung der Folgen zu helfen.»
US-Außenministerin Hillary Clinton wurde am Dienstagmorgen in Chile erwartet. Das teilte das argentinischen Außenministerin in Buenos Aires mit, wo Clinton am Montagnachmittag im Rahmen einer Südamerikarundreise erwartet wurde. Die Politikerin wolle sich ein Bild von den Auswirkungen des Erdbebens verschaffen.
Bachelet kündigte einen Aktionsplan an, der die Verteilung von Lebensmitteln, Decken und Medikamenten vorsieht. Vielerorts fehlt es an Nahrungsmitteln, Wasser und Strom. Das Ausland bat sie vor allem um technische Hilfe. Suchtrupps, Krankenhäuser, Anlagen für die Aufbereitung von Trinkwasser, Behelfsbrücken und Kommunikationseinrichtungen würden dringend benötigt. Der designierte Präsident Sebastián Piñera will einen Wiederaufbauplan für das Land auflegen.
Minister: Zahl der Toten wird steigen
Die Zahl der registrierten Todesopfer wurde mit 711 angegeben. Diese Summe werde in nächster Zeit noch weiter steigen, sagte Innenminister Edmundo Pérez Yoma. «In den Küstenregionen hat ein Tsunami ganze Ortschaften fortgerissen. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr schlechte Nachrichten werden wir bekommen.» Das Erdbeben vom Samstag ist das fünfstärkste Beben gewesen, das jemals gemessen wurde.
In der Stadt Concepción, die dem Epizentrum der Erdstöße am nächsten liegt, etwa 500 Kilometer südlich von der Hauptstadt Santiago, leerten sich in der Nacht zum Montag wegen der Ausgangssperre die Straßen. Zuvor hatte es zahlreiche Plünderungen gegeben. Bei der Verteilung von Lebensmitteln kam es zu Rangeleien. Auch aus der Hauptstadt Santiago wurden Plünderungen gemeldet. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. In Concepción musste deshalb sogar die Suche nach Verschütteten vorübergehend eingestellt werden.
Schwierig ist die Lage auch in dem kleinen Küstenort Pelluhue. Dort starben mindestens 40 der 3000 Einwohner durch die vom Beben ausgelöste Flutwelle. Fast der ganze Ort wurde durch eine nach Augenzeugen bis zu zehn Meter hohe Flutwelle zerstört. Sie traf den Ort schon 40 Minuten nach dem Beben. Viele der Leichtbauten aus Holz verschwanden vollständig. Am Montag flüchteten die traumatisierten Überlebenden erneut in höher gelegene Gebiete, weil das Gerücht über einen neuen Tsunami umging. Es gab kein Wasser, keinen Strom und alle Lebensmittel waren vernichtet. Die Menschen brauchen vor allem um Wasser, Zelte und Decken.
Hilfsmaßnahmen laufen an
Das internationale Kinderhilfsorganisation World Vision begann nach eigenen Angaben mit Hilfsmaßnahmen. In Santiago verteilte die Organisation Decken und Wasserbehälter. Ein Erkundungsteam sei in die Region Bíobío geflogen. Dort hat das Beben nach Aussagen chilenischer World Vision Mitarbeiter einige Ortschaften bis zu 95 Prozent zerstört. Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) betonte, es sei auf einen Einsatz vorbereitet, habe aber bisher noch keinen internationaler Alarmruf erhalten.
Keine Erkenntnisse über deutsche Opfer
Auf dem erheblich beschädigten internationalen Flughafen von Santiago landeten am Sonntag erstmals wieder einige Passagiermaschinen. Auch die U-Bahn nahm ihren Betrieb wieder auf. Die EU-Kommission gibt drei Millionen Euro als Soforthilfe. Die deutsche Botschaft in Santiago de Chile wurde durch zusätzliches Personal verstärkt. Bislang gebe es aber «keine Erkenntnisse über deutsche Opfer», sagte ein Ministeriumssprecher. Das Technische Hilfswerk (THW) ist nach Angaben des Innenministeriums mit vier Mitarbeitern in Chile aktiv.
Vor allem in Maule und Bíobío gelten zahlreiche Menschen noch als vermisst. Die genaue Zahl der Obdachlosen war unbekannt. Bachelet hatte von 1,5 Millionen zerstörten oder beschädigten Wohnungen gesprochen. Concepción hat sich in ein Niemandsland verwandelt. Menschen plünderten Apotheken und andere Geschäfte, die Polizei setzte auch hier Wasserwerfer, Tränengas und Gummigeschosse ein.
Auch Chile braucht Spenden
Oliver Müller von Caritas International sagte in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in Freiburg, dass die Spendenbereitschaft nach Katastrophen wie in Haiti oder Chile «abhängig von der nachrichtlichen Großwetterlage» sei. «Ich befürchte, dass da nicht so viel Geld zusammenkommen wird», sagte Müller. Neben Haiti habe in den vergangenen Tagen auch das Orkantief «Xynthia» die Schlagzeilen beherrscht. «Ein solches Ereignis lenkt ab und sorgt dafür, dass ein Thema wie Chile in den Nachrichten nicht an erster Stelle, sondern erst später landet», sagte Müller. «Aber wir dürfen auch die Lage in Chile nicht unterschätzen.»
bjm/dpa/news.de
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