Fr., 10.02.12

Erdbeben Wenn die Krusten reiben, knallt's

Von news.de-Mitarbeiter Bernhard Mackowiak

Artikel vom 01.03.2010

Immer wieder bebte in den vergangenen Tagen die Erde und forderte zahlreiche Opfer. Obwohl die Unglücksorte Japan und Chile Tausende Kilometer entfernt liegen, ist die Ursache ein und dieselbe: die Verschiebung der Krustenplatten.

Lebten wir heute noch im Zeitalter der Mythen, so würden wir sagen, die Götter hätten ihren Zorn über den missglückten Kopenhagen-Umweltgipfel dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie die Erde an drei verschiedenen Punkten haben heftig beben lassen: in Haiti, Japan und zuletzt in Chile. Das für Kalifornien seit dem verheerenden Beben von San Francisco 1906 erwartete, weil längst überfällige Große Beben – Big One genannt – heben sie sich als Paukenschlag für später auf.

Mythen dieser Art halfen den Menschen früherer Zeiten, solche überraschenden unabwendbaren Schicksalsschläge zu ertragen. Sie galten als göttlicher Wille und waren somit auf übernatürliches Wirken zurückzuführen. Allerdings geht es uns in unserer aufgeklärten, rationalen, von Naturwissenschaft und Technik beherrschten Zeit nicht viel besser: Gerade gegenüber der Naturgewalt Erdbeben sind wir immer noch macht- und hilflos.

Die oft nur wenige Minuten dauernden «natürlichen Erschütterungen der festen Erde, durch von einem im Erdinnern gelegenen Ursprung ausgehend und sich über die ganze Erde verbreitend, wenn gespannte Energien in der Erde plötzlich frei werden» - so die allgemeine wissenschaftliche Definition – gehören zu den verheerendsten, weil heimtückischsten Naturkatastrophen. Auch wenn diese Einschätzung einen typisch menschlichen Standpunkt widerspiegelt.

Wer die Bilder aus Haiti und jetzt Chile gesehen hat, weiß, was die Glocke geschlagen hat. Oder sollte man treffender sagen, die Seismographen angezeigt haben? Erdbeben fordern nicht nur immer wieder zahlreiche Menschenleben, verursachen Sachschäden in Millionen-, wenn nicht sogar Milliardenhöhe. Sie führen auch zur Auflösung sämtlicher sozialer Ordnung, wie die letzten Bilder aus Chile zeigen, wo verzweifelte Menschen Supermärkte plündern. Anders als gegen Orkane, Hurrikans und auch Vulkanausbrüche lässt sich gegen Erdbeben nicht vorwarnen. Man kann ihnen nur so gut wie möglich versuchen vorzubeugen, wenn man weiß, dass man in einem erdbebengefährdeten Gebiet lebt und warum.

Die Theorie der Plattentektonik

Im Falle Haitis, Japans und Chiles kennt die Wissenschaft die Ursache sehr genau, dank der Theorie der Plattentektonik. Nach dieser in 1960er Jahren entwickelten universellen geophysikalischen Theorie besteht die Kruste unseres Planeten aus sieben großen sowie verschiedenen kleineren Platten und gleicht damit einem Tennisball mit seinen Nähten.

Diese Platten schwimmen auf dem zähflüssigen heißen Untergrund des Erdmantels, wie Knäckebrotstücke oder Zwieback auf einer köchelnden Erbsensuppe. Der vom erhitzten Boden des Topfes aufsteigende heiße Breianteil entspricht dem vom Erdkern aufsteigenden gutflüssigem Gesteinsmaterial. Es fließt an den Unterseiten der Platten entlang, um dann wieder abzusinken – ein Vorgang, der als Konvektion bezeichnet wird. Klar, dass durch diesen Antrieb die Platten an bestimmten Randzonen oder Grenzen aneinander stoßen müssen oder gegeneinander reiben oder auseinander treiben.

Somit unterscheiden die Geowissenschaftler: die Divergenzzonen, wo heißes Gesteins- und damit Krustenmaterial aufsteigt, dabei sich an den alten Krusten anlagert, sie somit erweitert, aber gleichzeitig auseinander drückt. Die Mittelozeanischen Rücken sind ein solches Gebiet. Und dann gibt es die Konvergenzzonen der Tiefseegräben und der Subduktionszonen, wo sich zwei Platten aufeinander zu bewegen und sich dabei verkleinern, wie das vor der Küste Südamerikas oder am Himalaya der Fall ist.

Verhakte Platten und der große Knall

80 Prozent aller Plattengrenzen gehören zu diesen beiden beschriebenen Bereichen; die restlichen sind die Transformstörungen, an denen zwei Platten aneinander vorbeigleiten, ohne ihre Größe zu verändern. Das ist in der Region San Francisco/Los Angeles am berühmen San-Andreas-Graben der Fall. Problem ist nur, dass die Platten sich dabei verhaken und die Spannung sich irgendwann in einem gewaltigen Erdbeben löst.

Die südamerikanischen Westküstenländer wie Chile und Peru liegen ohne Zweifel in der dramatischsten dieser drei Zonen, ebenso Japan. Hier treffen kontinentale und ozeanische Platten aufeinander. Während die Westküste Südamerikas nur zwei Plattengrenzen hat (Nasca- und Antarktische Platte), wird Japan gleich von vier Platten in die Zange genommen: der Nordamerikanischen, Eurasischen, Philippinischen und Pazifischen Platte.

Da kontinentale Kruste dicker und weniger dicht als ozeanische Kruste ist, wird die dichtere ozeanische Kruste(nplatte) unter die Kontinentalkruste(nplatte) gezogen und somit abgetaucht. Diese Stelle wird Subduktionszone genannt. Tief im Mantelinnern kommt es durch diese Bewegungen zu Erdbeben; zudem wird die abtauchende Platte allmählich erhitzt und aufgeschmolzen. Als Schmiermittel dient dabei Wasser.

Gleichzeitig wird die kontinentale Platte angehoben, und es entsteht ein vulkanisches Faltengebirge wie die Anden, weil die unter hohem Druck stehende Schmelze sich durch Klüfte und Spalten ihren Weg an die Oberfläche sucht. Außerdem kommt es zur Ausbildung reicher Erzlagerstätten. Die gesamten Ränder des Pazifiks gehören zu dieser Zone, markiert an vielen Stellen durch zahlreiche Vulkane. Da spricht man prosaisch auch vom «Feuerring des Pazifik» oder Neuhochdeutsch: Ring of Fire. Die Anwohner leben somit nicht nur auf heißem, sondern auch wackeligem Boden.

kat/news.de
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