Xynthia hat sich ausgetobt
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Orkantief «Xynthia» ist so gut wie überstanden. Nachdem in Nordrhein-Westfalen gestern der Schienenverkehr komplett stillgestanden hatte, nahm die Bahn heute früh den Betrieb wieder auf. Die bisherige Bilanz: Fünf Tote und schwere Schäden.
Das Orkantief «Xynthia» hat eine Schneise der Verwüstung durch Westeuropa gezogen und mindestens 54 Menschen in den Tod gerissen. In Frankreich kamen 45 Menschen vor allem bei Überschwemmungen an der Atlantikküste ums Leben, wie das Innenministerium nach einer Krisensitzung am Sonntagabend mitteilte. Die Zahl der Opfer könnte aber auf bis zu 50 steigen. Die Regierung kündigte Nothilfe-Kredite und Steuererleichterungen an. Insgesamt vier Opfer meldeten Spanien und Portugal. Der Orkan erreichte in Spanien einen Rekord von 228 Stundenkilometern.
In Deutschland hat «Xynthia» ein sechstes Menschenleben gekostet: Auf der Bundesstraße 65 starb am Sonntagabend bei Bückeburg in Niedersachsen ein 46 Jahre alter Autofahrer. Nach Polizeiangaben vom Montagmorgen war er mit seinem Wagen wegen der heftigen Windstöße von der Fahrbahn abgekommen und auf dem Grünstreifen zunächst mit mehreren kleinen und dann einem großen Baum kollidiert. Der Mann, der aus Bückeburg kommend in Richtung Minden unterwegs war, starb noch an der Unfallstelle.
Zuvor waren bereits fünf andere Tote infolge des Sturms gemeldet worden. So fiel im westfälischen Ascheberg am späten Sonntagnachmittag ein Baum auf ein fahrendes Auto auf der Bundesstraße 54. Die 70-jährige Fahrerin kam von der Straße ab und rutschte in den Graben. Die Aschebergerin wurde in ihrem Auto eingeklemmt und musste mit einer Rettungsschere befreit werden. Sie erlag noch am Unfallort ihren schweren Verletzungen, wie die Polizei Coesfeld mitteilte.
Bahn nimmt in NRW Betrieb wieder auf
Nachdem in Nordrhein-Westfalen am Sonntag der Schienenverkehr komplett stillgestanden hatte, nahm die Bahn am Montagmorgen langsam wieder den Betrieb auf. «Die ersten Züge fahren wieder», sagte ein Sprecher. Das betreffe vor allem den Personen-Fernverkehr. Welche Züge wieder fahren und wie die Störungen den morgendlichen Berufsverkehr beeinflussen werden, konnte der Sprecher noch nicht sagen.
Auch im Saarland und in Rheinland-Pfalz kontrollierte die Bahn nach Angaben eines Sprechers in der Nacht zum Montag, auf welchen Strecken ein problemloser Betrieb möglich ist. Der regionale Verkehr war in beiden Ländern aus Sicherheitsgründen eingestellt worden.
Aufräumarbeiten im Südwesten Deutschlands
Während die Einsatzkräfte der Polizei, der Feuerwehren und der Technischen Hilfswerke im südwestlichen Teil Deutschlands bereits die Sturmschäden aufräumten, bereitete sich Brandenburg in den frühen Morgenstunden auf den Orkan vor. «Wir sind gewappnet», sagte ein Sprecher der Polizei in Brandenburg.
In den anderen Bundesländern hat «Xynthia» mittlerweile deutlich an Kraft verloren. Nach Mitternacht gingen bei den Polizeistationen keine größeren Schadensmeldungen oder Notrufe mehr ein, sagten die Sprecher übereinstimmend. In der Nacht hatten die Einsatzkräfte lediglich mit herabstürzenden Dachziegeln, umgestürzten Bäumen und regionalen Stromausfällen zu kämpfen. Weitere schwere Schäden oder verletzte Menschen meldeten die Polizeidienststellen nicht. Der Deutsche Wetterdienst hob die Unwetterwarnung für Mitteldeutschland am frühen Montagmorgen wieder auf.
Die bis zu 166 Kilometer schnellen Böen wüteten am heftigsten in Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Im südhessischen Biblis wurde ein Zweijähriger in einen Fluss geweht und konnte nur noch tot geborgen werden. Im Schwarzwald kam ein 74-jähriger Autofahrer ums Leben, bei Wiesbaden ein 69 Jahre alter Wanderer. In Nordrhein-Westfalen starben eine Joggerin und eine Autofahrerin. Der Sturm richtete Millionenschäden an.
«Xynthia» forderte mehr Menschenleben in Europa als die zerstörerischen Orkane «Lothar» (1999) und «Kyrill» (2007). Die Europäische Union erklärte sich zur Hilfe bereit. Die EU-Kommission werde Unterstützung für die am meisten betroffenen Länder prüfen, erklärte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in Brüssel. Demnach sind Zahlungen aus dem EU-Solidaritätsfonds möglich.
Der Sturm richtete bundesweit große Schäden an. Orkanböen entwurzelten Bäume, deckten Dächer ab und wirbelten Baustellenteile durch die Luft. Im Reiseverkehr brach ein Chaos aus: Züge standen still, Flüge fielen aus, Straßen waren blockiert. Reisende müssen auch am Montag mit Beeinträchtigungen rechnen. Nachdem in einigen Regionen der Zugverkehr eingestellt wurde, stehen nach Angaben der Bahn viele Züge nicht dort, wo sie am Montag gebraucht werden.
Züge stehen still
In ganz Nordrhein-Westfalen ruhte der Verkehr auf den Schienen am Abend. Die Polizei in NRW rückte bis 20 Uhr zu fast 5000 sturmbedingten Einsätzen aus, mindestens 28 Menschen erlitten Verletzungen. «Auf den Autobahnen sieht es grausam aus», sagte ein Polizeisprecher. Die Feuerwehr in Iserlohn sprach von «Kyrill II». Der Orkan hatte im Januar 2007 eine Schneise der Verwüstung durch Europa geschlagen. In Düren stürzte ein Kirchturm ein.
In Frankfurt am Main wurde die A3 gesperrt. In der Stadt waren der Hauptbahnhof und der Bahnhof am Flughafen vorübergehend geschlossen. Bis zum Abend fielen fast 250 Flüge aus. «Es ist alles im Einsatz, was fahren und laufen kann», sagte ein Polizeisprecher in Frankfurt. Bis zu 20.000 Menschen waren in Hessen von Stromausfällen betroffen. In Rheinland-Pfalz fiel in einigen Orten der Strom aus.
Aus Sicherheitsgründen war die Geschwindigkeit vieler Fernzüge gedrosselt worden. Ein Intercity-Express mit etwa 800 Reisenden saß nach einer Kollision mit einem entwurzelten Baum stundenlang auf freier Strecke zwischen Fulda und Hanau fest. Ein ICE auf dem Weg von Berlin nach Basel strandete in Göttingen. Im Saarland stellte die Bahn den Regionalverkehr komplett, in Rheinland-Pfalz fast ganz ein.
Viele Straßen Baden-Württembergs waren von entwurzelten Bäumen blockiert. Im Raum Stuttgart fiel der Bahnverkehr aus, ein Ersatzverkehr über die zum Teil verwüsteten Straßen war nicht möglich. Bei Würzburg in Bayern erlitt ein Mann schwere Quetschungen, als er im Sturm die Arretierung eines Krans lösen wollte.
Thüringen meldete am frühen Abend Stromausfälle und Straßensperrungen. Bei Eisenach wurde eine Mittelleitplanke einfach umgeweht. «Man sollte nicht denken, dass so etwas geht», sagte ein Polizeisprecher. Für die Nacht rechneten die Meteorologen auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt mit orkanartigen Stürmen. Im südlichen Niedersachsen meldete die Polizei «Notrufe im Sekundentakt».
«Xynthia» sei ein Sturmtief, «wie man es nicht jedes Jahr hat», sagte Meteorologe Peter Hartmann vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Die höchste Windgeschwindigkeit in Deutschland wurde nach DWD-Angaben mit 166 Kilometern pro Stunde am 557 Meter hohen Weinbiet bei Neustadt/Weinstraße (Rheinland-Pfalz) gemessen.
«Meteorologische Bombe»
In Spanien, wo die Wetterexperten von einer «meteorologischen Bombe» gesprochen hatten, erreichte «Xynthia» die Rekordgeschwindigkeit von 228 Stundenkilometern. Der am Samstag gegen 21 Uhr in der baskischen Kleinstadt Orduña gemessene Wert liegt noch über den 213 Stundenkilometern, die Jahrhundert-Orkan «Lothar» 1999 im Schwarzwald erreichte - den bislang höchsten Wert seit Beginn der wissenschaftlichen Wetterbeobachtung Ende des 19. Jahrhunderts.
In Frankreich hatten eine Million Einwohner keinen Strom. An den Küsten habe der Wind eine Geschwindigkeit von bis zu 150 Stundenkilometern erreicht, berichtete der Sender France- Info. Präsident Nicolas Sarkozy sprach den Angehörigen der Opfer seine Anteilnahme aus und wollte am Montagvormittag mit mehreren Ministern die am schlimmsten beschädigten Regionen besuchen. Am Sonntagnachmittag gab es beim Premierminister François Fillon ein Krisentreffen. Wirtschaftsministerin Christine Lagarde appellierte an die Versicherungen, so schnell wie möglich Entschädigungen zu zahlen.
In zahlreichen Orten in der Nähe von La Rochelle stand das Wasser bis zu 1,50 Meter hoch in den Straßen. Air France strich etwa 100 von insgesamt 700 Flügen am Pariser Flughafen Charles de Gaulle. In den Pyrenäen stürzten Felsbrocken auf die Straßen. Die Grenze zu Spanien wurde zeitweise geschlossen.
car/news.de/dpa
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