Mo., 13.02.12

Chile «Es bebte und dann kam das Meer»

Von Mauricio Weibel

Artikel vom 28.02.2010

Hunderte Tote, ganze Stadtkerne in Trümmern und eine ungewisse Zukunft: Nach dem schweren Erdbeben ist in Chile auch einen Tag später das gesamte Ausmaß der Katastrophe noch nicht abzusehen. Die Behörden befürchten weitere Opfer.

An Chiles Küste blieb nach dem verheerenden Erdbeben vielerorts kein Stein mehr auf dem anderen. «Es bebte und dann kam das Meer in unser Haus, es reichte uns bis zum Hals. Ich habe meine Tochter umarmt und ihr gesagt: Durchhalten», erzählte Eloísa Fuenzalida, eine Einwohnerin des völlig zerstörten Ortes Iloca im Süden Chiles. «Als wir konnten, sind wir durch den Morast in Richtung Berge. Ich weiß nicht, wie viele gestorben sind.»

Ein Mann namens Luis Bravo berichtete, sie hätten das Gebiet zu Fuß verlassen müssen, weil alle Autos und Lkws unbrauchbar gewesen seien. «Das Meer hat die Autos weggeschwemmt, die Häuser, alles, alles», sagte ein Hörer einem Radiosender in Curicó, einem Ort etwa 120 Kilometer von Iloca entfernt. Das gewaltige Erdbeben der Stärke 8,8 verwüstete auch diese südchilenische Stadt. «Diese Trümmer waren eine Kirche, die ‹El Buen Pastor› (Der Gute Hirte) hieß. Wir hätten heute Messe gehabt», sagte Nelly Acevedo, Gemeindemitglied aus Curicó.

Kinder über und über mit Staub bedeckt

Der historische Stadtkern Curicós ist weitgehend dem Erdboden gleich gemacht. Die Lehmhäuser stürzten ein. In den Rinnsteinen sitzen Kinder über und über mit Staub bedeckt und halten ihre Kuscheltiere fest. Die Behörden vorsorglich eine Ausgangssperre verhängt, um Plünderungen zu verhindern. Kritisch war die Lage auch in der Stadt Chillán, wo 269 Häftlinge nach dem Erdbeben aus dem Gefängnis flohen. 28 von ihnen wurden gefasst, mindestens drei auf der Flucht erschossen. Die Polizei patrouilliert in den zerstörten Gebieten.

Unterdessen hat in der Stadt Concepción ein Wettlauf mit dem Tod begonnen. Dort ist bei dem Beben ein Gebäude mit 14 Stockwerken in zwei Teile zerbrochen. Nach einem Bericht der Zeitung «La Tercera» wurden bis zum späten Abend (Ortszeit) etwa 30 Menschen lebend aus den Trümmern befreit, 60 Menschen seien jedoch noch in dem Komplex gefangen, der jederzeit ganz einstürzen könnte, berichtete das Blatt. Finanzminister Andrés Velasco sagte den Opfern finanzielle Unterstützung zu. Der Staatshaushalt sei flexibel, so dass das Land in der Lage sei, derartige Katastrophen zu bestehen.

«Ich kann nicht reden»

Die Behörden fürchten, dass sich das volle Ausmaß der Katastrophe erst in den kommenden Tagen zeigen wird. Wassermangel, Kommunikationsprobleme und die Isolierung der Küstenregionen könnten die Lage nach und nach verschlimmern. Verteidigungsminister Francisco Vidal sprach von einer «Tragödie».

Zwischen den Trümmern ihrer Häuser warten die Leute auf den Straßen auf Hilfe oder irgendeine Lösung für ihre desolate Lage. Ein Feuerwehrmann, der völlig niedergeschlagen zwischen den Schutthaufen hin und her läuft, sagt nur: «Ich kann nicht reden. Ich kann nicht reden.» Auch das Gebäude der Feuerwehr ist teilweise eingestürzt.

Und die Zahl der Toten wird nach Behördenangaben weiter steigen. Carmen Fernández, die Direktorin des Notstandsbüros im chilenischen Innenministerium sagte am Samstagabend, das Ausmaß der Katastrophe werde frühestens in drei Tagen feststehen. Nach bisherigen Erkenntnissen sind bei dem Beben der Stärke 8,8 mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen. Vor allem in den am stärksten Betroffenen Regionen von Maule und Bíobío gelte zahlreiche Menschen als verschollen.

hav/news.de/dpa
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