Wer ist hier eigentlich Esau?
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Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Artikel vom 25.02.2010
Jeder ist sich ziemlich sicher, dass es ihn nur einmal gibt. Doch manchmal wird diese Sicherheit so intensiv erschüttert, dass damit das ganze Leben ins Wanken gerät. Groteskes aus der Wirklichkeit.
«Wer bin ich» ist hauptsächlich eine philosophische Frage. Behörden hingegen haben wenig Sinn für solche Lottergedanken, deshalb katalogisieren sie uns nicht nur mit Namen, sondern auch mit Geburtsort, -datum und diversen Nummern, die uns einwandfrei einer Identität zuordnen. Unserer Identität. Und Identitätsklau ist strafbar.
Wenn ausgerechnet eine Behörde uns ein falsches Ich überstülpt, wird es allerdings eng. Der Rentner, den die Rentenkasse einfach mal totgeschrieben hatte, bekommt nun nicht einmal sein Anwaltshonorar zurückerstattet. Trösten wird es ihn nicht, dass er nicht der erste ist, dem sowas passiert. Verwechslungen sind der Urstoff der Komödie, sie machen den wissenden Zuschauer wahnsinnig - enden aber klassisch im Happy End.
Doch echtes Leben ist nicht immer klassisch. Der Rentner lebt zwar noch, ist aber um 800 Euro ärmer, und auch das Alte Testament wusste: einmal gelackmeiert, immer gelackmeiert. Weil Isaak Jakob mit Esau verwechselte, bekam Jakob den Segen des Erstgeborenen – und wurde zum Star der Geschichte, während vom haarigen Esau nur noch einmal kurz die Rede ist, als er Jakob verzeiht. Auch das noch.
Auch Wolfgang Smidt fühlte sich irgendwann als Teilnehmer im Ersten Buch Mose. «Ich sag's diesmal so: «Da sprach Isaak zu Jakob: Tritt herzu, mein Sohn, dass ich dich betaste, ob du mein Sohn Esau bist oder nicht»», schrieb der Bürger am 29. Dezember 2000 an das Amtsgericht Oldenburg. Ob Wolfgang Smidt ein bibeltreuer Christ ist, wird nicht deutlich in dem bis dahin achtteiligen Briefwechsel mit der Justiz. Glasklar ist jedoch: Dieser Mann ist nicht der, den das Gericht sucht.
Er wurde verwechselt, weil er genauso heißt wie einer, der in der Stadt lebt, in der er geboren ist. Und dieser Jemand hatte offenbar den Unterhalt für sein Kind nicht gezahlt. Wolfgang Smidt peppte den Briefwechsel mit ironischen Kommentaren auf, stellte ihn online und erreichte eine kafkaeske Berühmtheit. Inzwischen hat er die Seite wieder abgestellt.
Neda Soltani hat ebenfalls versucht, aus der Nummer rauszukommen. Sie löschte mehrfach ihr Bild im Internet. Doch ironischerweise wurde dies ausgerechnet dem iranischen Staat als Zensur ausgelegt, vor dem sie nun flüchten musste, und die Opposition stellte ihr Bild wieder ein. Der Grund: Neda Soltani hat das Pech, so ähnlich zu heißen wie Neda Aghna-Soltan. Diese Studentin wurde am 20. Juni 2009 bei Unruhen in Teheran getötet und zur Märtyrerin der Regimegegner. Irgendjemand verknüpfte Soltanis Foto mit Aghna-Soltans Geschichte, denn überdies sehen sich die jungen Frauen auch noch ähnlich. So erlebte sich die lebende Soltani plötzlich als tote Ikone und Medienstar.
Bis dahin war sie Jungdozentin für englische Literatur, jetzt hofft sie in der Nähe von Frankfurt auf Asyl. Eine Verwechslung hat ihr bisheriges Leben zerstört. Das ist schon wieder biblisch. Der postmoderne Esau jedoch ist virtuell. Bei unseren Aktivitäten im Internet sind nicht mehr Name und Geburtsort entscheidend, sondern die IP-Nummer des Rechners. Diese wiederum einer realen Person zuzuordnen, hat schon manchen Provider vor eine unlösbare Aufgabe gestellt.
Einmal, im Jahr 2006 nach Christus, stand deshalb sogar Shaquille O'Neal in einem Wohnzimmer irgendwo in Virginia. Weil er sich als eine Art Hilfssheriff gegen Missbrauch im Internet engagierte, begleitete er die Staatsgewalt zu einem Farmer, der Kinderpornos auf seinen Rechner geladen haben sollte. Das stimmte jedoch nicht, und der Basketballer hatte seine 2,16 Meter umsonst in die Pampa geschleppt.
Wen es beruhigt: Nicht nur Menschen werden Opfer von Verwechslungen. Auch Mohn- und Mungo-Samen hat dies Schicksal schon ereilt. Britische Soldaten beschlagnahmten im vergangenen Sommer die größte je in Afghanistan dagewesene Rauschgiftmenge. Dachten sie. Denn statt mit Mohn, Morphium, Opium und Heroinsamen hatten sie es hauptsächlich mit Mungobohnen zu tun. Die wiederum sind an Verwechslung gewöhnt. Mungos nämlich sind die knackigen weißen Stäbchen, die wir gern als «Sojasprossen» in den Salat werfen.
/ivb/news.de
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