Die Chinesische Mauer wächst
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Von news.de-Mitarbeiter Bernhard Mackowiak
Artikel vom 25.02.2010
Die Chinesische Mauer ist das längste Bauwerk der Welt. Aber die bisherige Länge muss korrigiert werden, denn Archäologen sind auf neue Mauerreste gestoßen, welche die Chinesische Mauer um weitere 726 Kilometer verlängern.
Wànlĭ Chángchéng - «10.000 Li lange Mauer» lautet die deutsche Übersetzung für den Eigennamen der chinesischen Mauer. Der Name «10.000 Li lange Mauer» beinhaltet eine Längenangabe. Dabei entspricht ein Li etwa 575,5 Meter; und danach sind 10.000 Li etwa 5755 Kilometer.
Die Zahl 10.000 steht im Chinesischen für «Unendlichkeit» oder «eine unzählbare Menge», weshalb denn auch der Ausdruck etwa «unvorstellbare lange Mauer» bedeutet. Unvorstellbar lang ist sie jedoch nicht. Recherchen ergeben - unter Berücksichtigung aller Verzweigungen - einen Wert von 6350 Kilometer. Doch das ist viel zu wenig, wie man jetzt weiß.
Denn kürzlich sind Archäologen erneut auf Mauerreste gestoßen, so dass die offizielle Länge um weitere 726 Kilometer korrigiert werden muss. Fundort der bisher verborgenen neuen alten Mauerreste ist die Region Shaanxi; und es waren Forscher um Wang Weilin vom Archäologischen Forschungsinstitut der Provinz, die die vergessenen Kilometer des gewaltigen Bauwerks wieder ans Tageslicht brachten.
Kein geplantes einheitliches Ganzes
Bei aller Bewunderung und Faszination, die auch heute noch dieses Bauwerk ausübt: Die weltbekannten Ansichten einer sich wie eine Brandungswelle über die Bergkämme ziehenden, mit Zinnen und Wachtürmen versehenen Befestigungsanlage bei dem 70 Kilometer nordwestlich von Peking gelegenen Badaling sind nur der populärste, weil am besten restaurierte Teil – und: Die uns heute bekannte Form erhielt sie erst in der Zeit der Ming-Dynastie (1368 – 1644 n. Chr.), der letzten großen Ausbauphase.
Ein rund 200 Kilometer des neu entdeckten Teilstücks stammt aus dem frühen Baustadium, nämlich der Zeit des ersten Kaisers von China, Qin Shihuangdi, und ist über 2200 Jahre alt. Der Rest wurde erst viel später im 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. errichtet.
1493 begann unter Kaiser Hongzi der Bau der Ming-Mauer, und zwar zum Schutz gegen die Mongolen und zur besseren Überwachung des Handels. Ihr Verlauf folgte den Bergkämmen, was eine besonders aufwendige und teure Bauweise aus gebrannten Steinen sowie zum Teil auch Natursteinen zur Folge hatte. Der verwendete Mörtel bestand aus gebranntem Kalk und Klebreis. Das Innere wurde mit Lehm, Sand und Schotter gefüllt. Die im Abstand von einigen hundert Metern ungefähr 12 Meter hohen Türme dienten als Waffenlager und Signalstationen, boten aber auch bei Angriffen Schutz für die Verteidiger. Bis zu 25.000 Türme sollen nach Schätzungen der Historiker und Archäologen in die Mauer integriert gewesen sein, weitere 15.000 Signaltürme die Kommunikation mit der Hauptstadt absichern.
Eine Kulturgrenze auch sichtbar aus dem All?
Aber die Chinesische Mauer stand neben der Verteidigung noch für etwas Anderes: Sie markierte auch die Grenze zwischen dem kulturell und technisch überlegenen China und den eher unterprivilegierten Nomadentümern, sollte sie doch den einheimischen Chinesen bewusst machen, wo die kultivierte Lebensweise aufhören würde und dass sie stolz sein können, auf dieser Seite der Mauer zu leben. Etwas von diesem Bewusstsein regt sich heute wieder.
Da muss doch ein derartiges Mammutwerk aus dem All zu sehen sein, und das nicht nur aus der Erdumlaufbahn, sondern sogar vom Mond. Dieser möglichen Perspektive schob allerdings bereits 1971 der Apollo-15- Astronaut James Irvin einen Riegel vor. Er erklärte nach Abschluss der Mission, es sei unmöglich, die Große Mauer zu sehen. Um diese Deklassierung – und noch vom Klassenfeind - kümmerten sich damals die Chinesen nicht, sondern behaupteten es in ihren Schulbüchern weiter.
Denn neben der gewaltigen Länge weist dieses Bollwerk, wenn auch nicht überall gleich, eine eindrucksvolle Breite auf. Zumindest im Gebiet von Peking beträgt sie vier bis acht Meter auf der Krone und zehn Meter an der Basis und die Mauerhöhe liegt allgemein zwischen sechs bis neun Meter. So konnten denn auch Soldaten in Zehnerreihen zu den Gefahrenpunkten eilen. Doch der erste Raumfahrer Chinas, Yang Liwei, hatte nach seinem Raumflug im Oktober 2003 nur Enttäuschendes zu berichten: «Die Aussicht war wunderschön. Aber ich konnte die Große Mauer nicht sehen!» Die chinesische Regierung ließ daraufhin neue Schulbücher drucken, die diesem geänderten Blickwinkel Rechnung trugen.
2005 konnte die Besatzung der Internationalen Raumstation ISS den Verlauf der Mauer aus dem All erspähen und der chinesischstämmige Astronaut Leroy Chiao sogar Fotos von ihr mit einer normalen Kamera anfertigen. Allerdings sollen dazu äußerst gute Wetterbedingungen geherrscht haben.
Im Winter ist die mit Schnee bedeckte chinesische Mauer als schmale weiße Linie zu erkennen, in der übrigen Zeit bei tiefstehender Sonne wirft dieses Bauwerk einen breiten – auch aus der Erdumlaufbahn auszumachenden – Schatten. Nach den neuen Entdeckungen und Vermessungen würde die chinesische Mauer in gerader Linie von Peking bis nach London reichen.
car/reu/news.de
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