Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Nach ein paar Jahren im Knast ist die Freiheit alles andere als leicht. Wer hilft ehemaligen Häftlingen zurück ins Leben? So richtig zufriedenstellend ist das in Deutschland nicht geregelt.
Was ist Freiheit, wenn man hinter Gittern sitzt? «Häufig eine Illusion», sagt Peter Reckling. In 20 Jahren als Bewährungshelfer hat er das oft genug erlebt. Was ist Freiheit, wenn man sie hat? «Nichts mehr zu verlieren», sang Janis Joplin.
Wenig poetisch ist der Übergang von der Haft in die Freiheit für alle, die damit zu tun haben. «Eigentlich hat der Vollzug die Aufgabe, sich darum zu kümmern, dass der Übergang geregelt ist», erklärt Reckling, der heute Geschäftsführer beim Fachverband für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik (DBH) ist. Der Sozialdienst knüpft Kontakte nach draußen, zur freien Straffälligenhilfe. Irgendwie gibt es ein Netz aus Behörden und privaten Initiativen mit hauptsächlich ehrenamtlichen Mitarbeitern. So wie den Arbeitskreis Resozialisierung in Leipzig. Seit 1997 kümmert sich Peter Krebs darum, dass der Weg aus dem Knast nicht gleich wieder in den Sumpf führt.
90 Prozent der Bewohner im Wohnprojekt des AK Reso, wie sie sich kurz nennen, sind Haftentlassene. Sie haben aus der Gefängnis-Zeitschrift von der Möglichkeit erfahren oder direkt über den Sozialdienst. «Die sind gehalten, niemanden ins Obdachlosenheim zu schicken», erklärt Krebs. Wohnen ist für viele ein Problem. Manche hatten schon vorher keine Bleibe, andere verlieren die Wohnung während der Haft, weil sie keine Miete zahlen können, oder verlieren gleich die ganze Familie. In dem Altbau im Leipziger Osten gibt es 21 abschließbare Zimmer, ein Stück Privatsphäre.
Aber Resozialisierung bedeutet nicht nur ein Dach über dem Kopf. Deshalb setzen sich Peter Krebs, die Sozialarbeiterin Claudia Gütter und andere Betreuer mit den Leute zusammen und besprechen, was zu tun ist. Anmeldung am Bürgeramt, der Weg zur Arge, Schulden- oder Suchtberatung? «Es gibt Leute, die sind Ende 20, haben die letzten drei Jahre in der JVA verbracht und vorher als Drogenabhängiger auf der Straße gelebt. So jemand hat gar keinen Einblick in die Gesellschaft», erklärt Claudia Gütter. Auch das soziale Umfeld klopfen sie ab: Familie, Freunde, Nachbarn, um mögliche Andockstellen auszumachen.
Für jeden Einzelnen die geeignete Form finden, entscheiden, wann er in die Selbstständigkeit entlassen werden kann, das ist die Herausforderung, der sich Gütter und Krebs stellen. «Ich kann uneingeschränkt sagen, dass mir mein Beruf Spaß macht», sagt Claudia Gütter. Weil sie hier für Menschen etwas erreichen kann, denen normalerweise keine Wertschätzung entgegengebracht werde. Krebs geht der jugendliche Enthusiasmus seiner jungen Kollegin ab, aber auch er sagt: «Wenn das Ergebnis stimmt, wird es wohl Freude gemacht haben.»
Warum so viele rückfällig werden
Doch so ein Wohnprojekt ist nur eine Oase im Wirrwar der Zuständigkeiten. «Der Übergang von der Haft zurück in den Alltag ist derzeit überhaupt nicht zufriedenstellend geregelt», sagt Kerstin Schreier. Sie erarbeitet für den DBH ein Projekt, um Jugendlichen bei diesem schweren Schritt zu helfen. «Übergangsmanagement» ist jetzt ein neues Wort. Derzeit sei das gesamte Feld sehr dezentral organisiert, kritisiert Peter Reckling: «Es gibt keine bundesweite Organisation mit Durchgriffsfunktion.» In jedem Bundesland sind die Zuständigkeiten anders verteilt, involviert sind die Justizvollzugsanstalten, die Bewährungshilfe, Vereine und die Arge. Der große Schwachpunkt seien die Schnittstellen, betont Kerstin Schreier.
Besonders schwierig sei es, wenn die Ex-Häftlinge nicht selbst die Initiative ergreifen. «Viele sehen keinen Bedarf, sie kennen kein anderes Leben, weil sie vorher schon auf der Straße gelebt haben», sagt der ehemalige Bewährungshelfer. Nur wer länger als zwei Jahre sitzt, bekommt normalerweise einen Bewährungshelfer beigeordnet. Doch wie oft dieser seinen Schützling aufsucht, liegt wiederum im Ermessen des Bewährungshelfers.
Das Ergebnis einer mangelhaften Koordination ist knallhart und heißt Rückfall. Wie viele rückfällig werden? Peter Krebs schätzt ungern, tippt auf 20 bis 30 Prozent. «Die meisten sind interessiert daran, nicht wieder krumm anzufangen und in geregelter Form zu leben», meint er und fügt hinzu: «Andere nehmen sich auch vor, alles besser zu machen: sich nicht mehr erwischen zu lassen.» Im Haus selbst gibt es Regeln – kein Alkohl, keine Drogen, keine Knastregeln – doch die Leute sind frei, zu kommen und zu gehen wann sie wollen. Wenn es gar nicht klappt, muss man sich trennen. Trotzdem gibt es Zeiten, da steht regelmäßig die Polizei vor der Tür. Manche ehemaligen Bewohner melden sich nämlich an ihrem neuen Wohnsitz nicht an und lassen die Gesetzeshüter vergeblich im Osten Leipzigs nach ihnen suchen.
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