Einen echten Warhol für 1,50 Euro
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Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Artikel vom 18.02.2010
In der Berliner Artothek kann man Bilder mieten. Der Verleih der Originale kostet weniger als eine DVD für einen Abend. Trotzdem ist es ein profitables Geschäftsmodell – für die Kunden, aber auch für viele Künstler.
Andy Warhol, Pablo Picasso oder Gerhard Richter – es sind vor allem die großen Namen, die die Kunden am Anfang anlocken. Aber nicht nur, manchmal kommen in die Berliner Artothek auch einfach nur Leute, die gerade ihre Wohnung neu einrichten wollen. «Denen sind die Namen egal», sagt Kunstexpertin Lisa Vos. «Die suchen dann einfach nur ein schönes, grünes Bild, das über dem neuen Sofa hängen soll.» Aber egal ob Laie oder Kunstsachverständiger, arm oder reich, jung oder alt – bislang sind noch alle in den Räumen an der Chausseestraße in Berlin-Mitte fündig geworden.
Bereits seit 1970 betreibt hier der Neue Berliner Kunstverleih seine Artothek. Sie ist ist in Deutschland keineswegs einzigartig, aber mit 4000 Werken des 20. und 21. Jahrhunderts ist der Berliner Kunstverleih einer der größten in der Bundesrepublik. Und vielleicht auch einer der billigsten. Die Sammlung besteht aus Gemälden, Skulpturen, Aquarellen, Collagen, Zeichnungen oder Fotografien. Für eine Versicherungsgebühr von nur 1,50 Euro können Privatpersonen ihr Wohnzimmer, Kunstlehrer den Unterrichtsraum oder Firmenbosse den Konferenzsaal drei Monate lang mit neuen Bildern schmücken. Und die Berliner machen von dieser Möglichkeit regen Gebrauch.
Das Geschäft jedenfalls läuft konstant. Pro Jahr verzeichnet der Verein über 10.000 Ausleihen. Rund zwei Drittel des gesamten Fundus sind permanent unterwegs. Auswirkungen der Finanzkrise? Fehlanzeige. Zumindest Vos ist noch nicht aufgefallen, dass nun plötzlich die im Zuge der Krise klamm gewordenen Unternehmer lieber mal ein Bild für die Firma leihen als kaufen. An der Zusammensetzung des Kundenstamms habe sich ebenso wenig verändert wie an der Zahl der Ausleihen, sagt sie. «Ich beobachte nur, dass die Kundenkontakte flüchtiger geworden sind.» Schuld sei wohl der Zeitgeist. Früher hätten die Menschen ihr Leben an einem Ort verbracht, heute müssten sie permanent mobil sein. «Das Pflegen einer Stammkundschaft wird dadurch immer schwieriger», sagt sie.
Stil statt Ramsch: Der Verleih folgt einem höheren Zweck
Seit zehn Jahren arbeitet sie jetzt schon für den Verein, ein Arbeitsplatz, umgeben von Kunst, der Schreibtisch steht mitten in der Galerie. Der Ausstellungsraum ist hell und von Licht durchflutet, die Wände sind weiß. Früher standen die Bilder einfach aneinandergereiht an der Wand herum. Doch mittlerweile werden die Werke in wechselnden Präsentationen zur Geltung gebracht. Dafür hat die Künstlerin Silke Wagner ein Regalsystem aus hellem Holz entwickelt, das in sich verschränkt ist und sich elegant durch den Raum schlängelt. An einer Wand flimmern Videoinstallationen. In einer anderen Ecke stehen weiße Sessel, in denen Kunden bequem sitzen und die Kataloge durchblättern können.
Die Botschaft ist klar: Es soll erst gar nicht der Eindruck entstehen, dass hier möglicherweise Kunst verramscht wird. Im Gegenteil, nichts läge den Mitarbeitern ferner. Ziel und Zweck des Vereins ist es, Bildende Kunst der Gegenwart einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der extrem niedrige Preis ist lediglich ein Beitrag zur Versicherungsgebühr. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Artotheken ist der Berliner Verein in der komfortablen Situation, auf die Erhebung einer zusätzlichen Leihgebühr verzichten zu können. Denn hinter dem Verein steht eine Stiftung der Deutschen Klassenlotterie Berlin, die den Kunstverleih in der Hauptstadt finanziert – und das in einer Art Win-win-Situation. Denn am Ende sollen beide Seiten profitieren – die Kunden und die Künstler.
Stiftungsmodell lockt Künstler und Kunden
«Aufgrund des Stiftungsmodells dürfen wir keine Gewinne machen», erklärt Vos. Deshalb werden mit den Mitteln nicht nur die Ausleihgebühren gering gehalten, sondern auch jedes Jahr neue Bilder angeschafft. Und laut der Artothek-Mitarbeiterin stehen die Künstler regelrecht Schlange. «Es gibt Wartelisten», sagt Vos. Damit versuche man, jedem Künstler eine Chance zu geben. Dass rege Interesse der Künstler findet sie dabei nicht weiter verwunderlich. Zum einen locke der Verkaufserlös, zum anderen – und das sei noch viel wichtiger – wolle niemand Kunst für den dunklen Keller produzieren. «Die Chance, dass die Bilder von einem breiten Publikum gesehen werden, sind durch unser Modell sehr hoch», sagt Vos.
Die Kunden wissen das Angebot jedenfalls zu würdigen. Großartige Schäden registrieren die Verleiher kaum. Glasbruch am Rahmen, das komme schon mal vor, ja. Aber ansonsten gingen die meisten gut mit den Exponaten um, sagt Vos. Für sie gibt es jedenfalls keine schönere Vorstellung, als dass die Menschen zuhause mit den Kunstwerken sitzen und sie in aller Ruhe betrachten können. «Im Museum ist der Eindruck doch sehr flüchtig», sagt sie. «Aber daheim kann man ein richtiges Zwiegespräch aufbauen.» Egal, ob da nun ein echter Warhol hängt oder nicht.
bla/nbr/news.de
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