Fr., 10.02.12

Raimund Stecker «Geld ist das gleiche wie Kunst»

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 18.02.2010

Nach der Versteigerung eines Giacomettis aus der Sammlung der Commerzbank für 74 Millionen Euro fürchten Kunsthistoriker den großen Ausverkauf. Raimund Stecker nicht. Der Leiter des Duisburger Lehmbruck-Museums hält das schlicht für Marktwirtschaft.

Herr Stecker, für die Skulptur L'Homme qui marche I von Alberto Giacometti sind bei Sotheby's rund 74 Millionen Euro gezahlt worden. Was sagen Sie zu dem Preis?

Stecker: Es wollten anscheinend zwei oder drei diese Skulptur haben, und dann wird das so teuer. Wenn zwei das Gleiche wollen, bekommt es der, der mehr zahlt.

Ist der Preis denn gerechtfertigt?

Stecker: Es handelt sich um eine der wichtigsten Skulpturen des 20. Jahrhunderts, ganz klipp und klar. Ich würde es mal so sagen: Endlich ist der ästhetische Wert einer Skulptur des 20. Jahrhunderts einmal finanziell gegengespiegelt worden.

Dennoch haben selbst Experten mit diesem Ergebnis nicht gerechnet. Warum ist ausgerechnet der Preis für diese Skulptur derart durch die Decke gegangen?

Stecker: Sie ist ein Schlüsselwerk, weltweit bekannt. Denkt man an Giacometti, denkt man an den Schreitenden oder die Frau auf dem Wagen. Das ist bei anderen Künstlern ähnlich. Denkt man an Picasso, denkt man an Les Demoiselles d'Avignon und Guernica, denkt man an Bacon, denkt man an das Kardinalsporträt, denkt man an Lehmbruck, denkt man an die Kniende. Das sind Signets geworden, und da der Markt mittlerweile global ist, möchten auch die neu Hinzugekommenen finanziell nicht mehr so ganz armen Länder diese gesetzten Werte besitzen. So wie Frankreich die Mona Lisa besitzt.

Die neu Dazugekommenen – nicht wenige spekulieren, der Käufer käme aus dem Ostblock. Gerade in Russland boomt der Kunstmarkt ...

Stecker: Das sind Spekulationen, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass diejenigen, die dort sehr schnell sehr gutes Geld machen, sich jetzt auf einen Markt der klaren, bewährten und eindeutigen Werte begeben.

Rechnen Sie denn damit, dass das Auktionsergebnis die Preise für Giacometti in die Höhe treibt?

Stecker: Ja, ohne Frage. Natürlich müssen wir im Lehmbruck-Museum jetzt unsere Versicherungspolicen überdenken, wir haben nun einmal gemeinsam mit den Freunden und Förderern unseres Museums die größte Giacometti-Sammlung in Deutschland. Wir überlegen aber dennoch, unsere Sammlung durch ein Bild Giacomettis zu erweitern. Zum Glück haben wir ein Agreement vor der Auktion mit einer Sammlerin und Leihgeberin unserer jetzigen Giacometti-Ausstellung getroffen. Die Auktion bedeutet übrigens nicht, dass jetzt jede Giacometti-Auktion so wahnsinnig abgeht, aber es kann sein, dass die Preise noch weiter hochgehen. Denn wenn einmal eine solche Marke gesetzt ist – das ist Marktwirtschaft, das hat mit Kunst nichts zu tun –, dann möchten eben viele auf der Gewinnerseite sein.

Die Alternative zur Erweiterung der Sammlung wäre ja, Kunstwerke gerade jetzt zu verkaufen, so, wie es der französische Abgeordnete Jean François Mancel den Museen schon 2008 empfohlen hat, um ihre Finanzprobleme zu lösen ...

Stecker: Ich glaube, Museen sind kollektive Gedächtnisse und sollten davon Abstand nehmen, sich in diese Gedankenwelt hineinzubegeben. Basta. Museen sind Tresore gesellschaftlicher Werte und Zeugnisse gesellschaftlicher Entwicklungen, daraus sollte nicht ausverkauft werden. Ich würde es lieber sehen, wenn aus solchen Gewinnen den Museen etwas zukommt. Dieser Giacometti, dieser Schreitende, war zweimal in Ausstellungen im Lehmbruck-Museum zu sehen, wir gehörten zu den ersten – vor französischen Museen –, die Giacometti gekauft haben. Die Museen haben mithin einen nicht unbeträchtlichen Anteil an solchen Wertsteigerungen. Aber sie dürfen sich jetzt nicht drängen lassen, finanziell durch Verkäufe zu partizipieren. Das halte ich für fundamental falsch. Sie sollten lieber an die gesellschaftliche Verantwortung der heute Partizipierenden appellieren, diese gesellschaftlichen Tresore mit Werten unserer Zeit für die Zukunft zu erweitern.

Teilen Sie die Sorge einiger Kunsthistoriker, dass genau dieser Giacometti nun in der Versenkung verschwinden wird?

Stecker: Ich glaube an die Repräsentationsbedürftigkeit derjenigen, die ihn jetzt ersteigert haben, um damit auch gesellschaftliche Anerkennung zu erzielen, sprich: ihn der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und ich fände es schön, wenn ich ihn in Zukunft am Schwarzen Meer oder in China oder wo auch immer sehe. Warum auch nicht? Es ist sehr schade, dass er nicht mehr in Deutschland ist, das ist klar. Aber die Commerzbank, die das Geld ja unter anderem für ihre Kulturstiftung erzielt hat, kann nun wieder helfen, Werke anzuschaffen, die zu unserem kollektiven Gedächtnis beitragen.

Manfred Meier-Preschany, der ehemalige Vorstand der Dresdner Bank, der für den Giacometti seinerzeit 750.000 Dollar ausgegeben hat, sagte kürzlich, er habe ihn gar nicht als Spekulationsobjekt gekauft. Glauben wir ihm das einmal. Doch warum sammeln dann Banken, Versicherungen und andere Konzerne eigentlich Kunst?

Stecker: Unter anderem, weil in der Kunst immer noch dieser Nebel herrscht, unterstützt werden zu müssen. Künstler legen das Gelübde der Armut ab, heißt es. In den Museen sind die Löhne alles andere als üppig, Kunstjournalisten werden nicht so gut bezahlt wie Wirtschaftsjournalisten. Die sind froh, wenn sie einen Katalog bei der Ausstellung bekommen, Autojournalisten bekommen Autos für ein halbes Jahr zur Probe, frei, mit allen Gebühren. In diesem Armutsnebel gibt es immer noch diese großbürgerliche Unterstützungsmentalität – und das ist gut so!

... also das, was früher einmal Mäzenatentum hieß?

Stecker: Genau.

Das Phänomen Geldanlage spielt natürlich dennoch eine Rolle, zumindest heutzutage ...

Stecker: Was ist Geld? Geld ist das gleiche wie Kunst. Der Brennwert eines Geldscheins ist gleich dem einer Zeichnung. Der ästhetische und Tauschwert ist abhängig von Vereinbarungen. Ich habe einmal einen Vortrag vor der Deutschen Bank gehalten und seinerzeit eine wunderbare Burg und ein Porträt beschrieben und gesagt: «Diese wunderbaren Bilder können Sie für 1000 Mark kaufen, denn ich habe Ihnen gerade den 1000-Mark-Schein beschrieben.» Lasst und doch das Geld einmal ästhetisch anschauen und nicht immer nur die Kunst unter Renditegesichtspunkten.

Die Commerzbank hat für die Versteigerung ja nicht gerade die beste Presse bekommen. Kann der Kunstmarkt also auch zum Imageproblem werden?

Stecker: Das wird da zu einem Imageproblem, wo Neid aufkommt. Und ich habe ganz, ganz große Probleme mit dieser Neidgeschichte. Vor 30 Jahren haben sie diese Skulptur erworben und damit den Markt angekurbelt. Wenn wir uns zum Kapitalismus bekennen, was wir glaube ich zu über 90 Prozent in Deutschland tun, dann ist das einfach der Lauf der Zeit, wenn solche Werke wieder auf den Markt kommen. Da soll man nicht neidisch sein, sondern froh. So sind 74 Millionen Euro wieder auf dem Markt – und durch die Stiftung der Bank auch auf dem Kunstmarkt.

Das heißt, Sie fürchten nicht, dass der Giacometti der Beginn des großen Ausverkaufs war?

Stecker: Was heißt Ausverkauf? Ich lebe seit 1988 in Düsseldorf und muss sehen, dass mindestens 30 kapitale Werke von Gerhard Richter, den ich künstlerisch gar nicht mal so wahnsinnig schätze, aus Düsseldorf und Köln in den letzten zehn, fünfzehn Jahren über amerikanische Galerien in internationale Sammlungen gekommen sind. Das ist Marktwirtschaft. Nur, weil es um den Idealismus Kunstwerk geht, jetzt eine Kapitalismuskritik aufzumachen, halte ich für unredlich.

Sie haben kürzlich eine große Giacometti-Ausstellung in Duisburg eröffent. Hat die Auktion Ihnen PR gebracht?

Stecker: Die Ausstellung ist unendlich gut besucht, es stehen Schlangen vor dem Museum, das hat es seit Jahren nicht mehr gegeben. Ich glaube, das ist auch auf das Auktionsergebnis zurückzuführen, vor allem aber auf den Künstler und das Konzept der Ausstellung. Jetzt erlaube ich mir aber auch einen kleine Pressekritik: 254 Mal wurde das Lehmbruck-Museum in den Berichten über die Auktion als größte Giacometti-Sammlung Deutschlands erwähnt. So viele Ergebnisse haben wir bisher über die Ausstellung selber nicht. Wenn eine Ausstellung wissenschaftlich so brillant aufbereitet ist, wie die jetzige von Gottlieb Leinz, und sie bekommt weniger Pressezeilen als das Ergebnis einer Auktion, dann muss sich auch die Presse fragen, auf wessen Seite sie steht: auf der gesellschaftlicher Werte oder der spektakulärerer Auktionsergebnisse, die immer auch Spekulationsgelüste schüren.

 

Prof. Dr. Raimund Stecker, geboren 1957, ist seit Februar Leiter des Wilhelm Lehmbruck Museums in Duisburg und lehrt als Gastprofessor Kunstgeschichte an der Kunstakademie Münster. Der Kunsthistoriker studierte in Bochum, Florenz und Hamburg. Er war unter anderem Direktor des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen, geschäftsführender Gründungsdirektor des Arp-Museums Bahnhof Rolandseck und arbeitete als Kurator.

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