Von Mirjam Mohr
Obdachlose Kinder in Deutschland - das darf es nicht geben, findet der Journalist Markus Seidel. Deshalb holt er seit Anfang der 1990er mit «Off Road Kids» Ausreißer von der Straße. Im Interview beklagt Seidel die Organisation der Jugendämter.
Was war Ihre Motivation, 1992 Off Road Kids zu gründen?
Seidel: Es gab zwei Motivationen. Es war mir unerträglich, dass es in Deutschland überhaupt Straßenkinder gibt - ein Zustand, der für einen damaligen G-7-Staat einfach nicht tragbar war. Ich war davon ausgegangen, dass die Jugendhilfe in Deutschland weltweit die effektivste und am besten ausgestattete ist und dass es hierzulande eigentlich kein Kind und keinen Jugendlichen geben darf, der durch das Jugendhilfesystem durchrutscht. Die zweite Motivation war die Frage, ob junge Bürger - ich war damals 26 - etwas verändern können, wenn sie einen Missstand entdecken. Heute weiß ich, wir können Missstände sehr wohl verändern, auch in sehr verregelten Bereichen wie der Jugendhilfe, aber wir müssen das Geld selbst mitbringen. Vom Staat bekommen wir dafür keinen Cent. Uns helfen Förderer wie etwa die Bahn - sonst wäre unsere Straßenkinderarbeit gar nicht möglich.
Wie arbeitet Ihre Organisation und was ist das Ziel?
Seidel: Es gibt bei Off Road Kids nur ein einziges Ziel: Für jeden Jugendlichen, den wir betreuen, die bestmögliche Perspektive zu erarbeiten. Unsere Straßensozialarbeiter sind an sieben Tagen der Woche in Berlin, Hamburg, Dortmund und Köln unterwegs und halten nach Neuankömmlingen Ausschau. So können wir Ausreißer frühzeitig entdecken und ihnen anbieten, eine tragfähige Lösung zu finden, damit sie gar nicht erst zu Straßenkindern werden. Unser Ziel ist es, einen Ausreißer allerspätestens nach sechs Tagen von der Straße zu bekommen. Im vergangenen Jahr haben wir 322 Ausreißer nachhaltig von der Straße geholt, seit vier Jahren haben wir jährliche Steigerungsquoten von mehr als 20 Prozent.
Haben Sie in den vergangenen Jahren irgendwelche Veränderungen beobachtet?
Seidel: Nein, aber wir bemerken immer dann Wellen, wenn RTL die Sendung Die Ausreißer sendet. Dann kommen offenbar recht viele Jugendliche auf die Idee, von zu Hause auszureißen. Ich will das gar nicht bewerten, es ist einfach so. Vielleicht haut ein verzweifelter Jugendlicher dann eher ab als zu resignieren oder sich das Leben zu nehmen. Wenn er im Fernsehen sieht, da gibt es einen Streetworker, da kannst du hin, dann ist das anders, als wenn er davon nie etwas hört. Das ist eine zweischneidige Geschichte, da die Straße natürlich gerade für Minderjährige extrem gefährlich ist: Wie soll ein Jugendlicher wissen, was viele Erwachsene nicht wissen, zum Beispiel, wie leicht ansteckend und lebensgefährlich Hepatitis C ist?
Was kann man vorbeugend tun, damit jemand gar nicht erst zum Straßenkind wird?
Seidel: Wir wissen, dass diese Jugendlichen aus allen gesellschaftlichen Schichten stammen - somit liegt es nicht einfach an Armut, wenn ein Kind von zu Hause wegläuft. Es sind üblicherweise die familiären Strukturen, die aus dem Lot geraten und meistens nur noch fragmentarisch vorhanden sind. Meistens ist es eben doch der Alleinerziehendenhaushalt, der völlig überfordert ist, in dem dann sehr häufig auch die Stiefvater-Problematik dazukommt, und da ist das Kind dann eben das fünfte Rad am Wagen. Eine frühzeitige Familienstabilisierung ist doch das Wichtigste.
Können Jugendämter da sinnvoll eingreifen?
Seidel: Vor allem muss Schluss damit sein, dass jedes Amt für sich seine eigene, private Jugendhilfepolitik macht, die überhaupt nicht kompatibel ist mit den Nachbarjugendämtern - und das auch noch in einer riesigen Finanznot der Kommunen. Letztlich entscheidet inzwischen über den Jugendhilfefall nicht mehr das Jugendamt, sondern der Kämmerer.
Wie sieht die Jugendhilfe denn in der Praxis aus?
Seidel: Jugendhilfemaßnahmen werden häufig viel zu spät und viel zu kurz gegeben, weswegen es eine größere Anzahl an Jugendlichen gibt als noch vor einigen Jahren, die aus allen Hilfseinrichtungen herausfallen und am Ende auf der Straße landen. Das gilt ganz verschärft für junge, entwicklungsdefizitäre Erwachsene, die man mit 18 Jahren plötzlich aus Kostengründen aus einer Einrichtung herausnimmt und in eine eigene Wohnung lässt. Das erscheint dann zwar als positiver Fall in der Statistik, im allgemeinen passiert aber meistens folgendes: Party - Vermüllung - Vereinsamung - Abbruch von Schule oder Arbeit - ALG II. Im Vorfeld werden pro Monat bis zu 4000 Euro in der vollstationären Jugendpflege investiert, und am Ende steht dann ALG II - das muss nicht sein.
Welche Forderungen haben Sie an die Politik?
Seidel: Ich erwarte, dass die Jugendhilfefinanzierung in Deutschland komplett neu gedacht wird. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz als solches ist gut, aber ich würde Kinder- und Jugendhilfe als wertvolles Stipendium betrachten und darauf achten, dass am Ende vor allem eins steht: die Integration auf dem Arbeitsmarkt und nicht in irgendwelchen Maßnahmen des Arbeits- oder Sozialamts. Ich erwarte, dass darüber nachgedacht wird, dass Jugendhilfe sowohl für den einzelnen jungen Menschen gut ist als auch einen volkswirtschaftlichen Vorteil für folgende Generationen mitbringt.
Der Journalist Markus Seidel hat Anfang der 1990er Jahre die Hilfsorganisation Off Road Kids gegründet, die sich um Kinder und Jugendliche kümmert, die auf der Straße leben. Die Stiftung betreibt Streetwork-Stationen in Berlin, Dormund, Hamburg und Köln, zwei Kinderheime in Bad Dürrheim im Schwarzwald, ein Hochschulinstitut für Pädagogikmanagement und eine Beratungs-Hotline für Eltern. Seit 1994 hat Off Road Kids nach eigenen Angaben mehr als 1700 jungen Menschen aus der Obdachlosigkeit geholfen.
iwi/seh/nbr/news.de/ap