Von Michael Klug
Seit Wochen hat der Winter Deutschland mit frostigen Temperaturen im Griff. Dass die grimmige Kälte wenigstens lästige Insekten und Schädlinge wie Mücken und den Borkenkäfer dezimieren werde, ist für viele dabei eine tröstliche Hoffnung. Allerdings vergeblich.
«Entgegen der landläufigen Meinung fühlen sich Borkenkäfer und andere Insekten im Schnee sauwohl», sagt Michael Habermann von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen. Die Prognose des für den Bestandschutz des Waldes im gesamten Harz zuständigen Biologen lautet: Der lange Winter wird die Plagegeister nicht aufhalten.
Hauptgrund dafür ist laut Habermann die jahrtausendlange Anpassung der Tiere an das Ökosystem: «Die Natur in Mitteleuropa ist bei den heute noch herrschenden Klimabedingungen entstanden und zu denen gehören nun mal auch kalte Winter», sagt Habermann. Nützliche wie auch schädliche Insekten wiederum seien ein fester Bestandteil dieses Systems.
Als wohl bekanntester Schädling hat sich der Borkenkäfer mit gleich mehreren Mechanismen gegen den Winter gerüstet. Bei nahendem Schnee und Eis fährt der Käfer seinen Stoffwechsel herunter und lagert zudem den Alkoholstoff Glykol in seine Zellen ein. «Dadurch verhindert er, dass seine Zellen bei Frost platzen oder spitze Eiskristalle das Gewebe zerstören», sagt Habermann. Mit dem natürlichen Frostschutzmittel im Blut halte der Käfer «locker bis zu Minus 50 Grad aus».
Dieses Abwehrmechanismus bedienen sich nahezu alle Insekten. Ausgewachsene Schädlinge überwintern dank Glykol nahezu unbeschadet, ebenso Jungstadien wie die Eier von Blattläusen oder die Puppen der Miniermotte. Eingewanderte Arten wie der von Landwirten zwischen Oberbayern und Ostsee gefürchtete Maiszünsler bieten indes dem Winter auf anderer Weise die Stirn. Der aus Südeuropa eingewanderte Falter verkriecht sich in den Stoppeln und dem Wurzelwerk seiner Wirtspflanze im Erdreich.
Häuserwände dienen als Unterschlupf
Der wohl größte sommerliche Plagegeist, die gemeine Stechmücke, findet indes Schutz vor Minusgraden und Schnee ausgerechnet beim Menschen. Bei Temperaturen weit unter dem Tiefpunkt eigentlich dem sicheren Tod geweiht, verkriechen sich die befruchteten Weibchen bevorzugt in Ritzen von Häuserwänden und Kellern. In freier Wildbahn dienen Baumrinden und Astwerk als Unterschlupf.
Den Garaus machen könnte den Tierchen ein feuchter Frühling mit wechselweise warmen und kalten Perioden. Dann erreichen Spinnen, Käfer und Milben ihre Betriebstemperaturen nur schwerlich und werden zu einem leichten Opfer ihres eigentlichen ökologischen Gegenspielers. «Bei Wetter mit auftauenden Böden und zwischenzeitlichen Frösten sind Insekten besonders anfällig für Pilze», sagt Habermann. Die feuchtigkeitsliebenden Myzele setzen sich auf den wenig mobilen Insekten fest, bis sie eingehen.
Ein kühles Frühjahr böte auch dem zügellosen Ausbreiten der Stechmücke Einhalt. So verzögert die Kälte den Zyklus der Entwicklung der Eier, welche das Weibchen sofort nach dem Erwachen aus dem Winterschlaf ablegt, bis zum stechfähigen Weibchen um bis zu 40 Tage. Gerät der Frühling dagegen mild, fallen die jungen Blutsauger schon rund zwei Wochen nach dem Schlüpfen über ihre Opfer her und produzieren dementsprechend schneller Nachwuchs.
Wespen fressen Kieferwälder kahl
Allerdings sind im Zuge des Klimawandels die Monate März und April in den vergangenen Jahren eher trocken und konstant warm gewesen. Zu massenhaften Vermehrungen, etwa des Borkenkäfers, hat das Ausbleiben der bereinigenden Frühjahrsfröste aber noch nicht geführt, beruhigt Habermann. «Seit die Schäden durch Kyrill im Jahr 2007 in den Wäldern beseitigt sind, ist das Geschäft mit dem Borkenkäfer ziemlich ruhig», sagt Habermann.
Ein Schädling hingegen nutzt die mediterranen Frühlingsphasen schamlos aus. Die Gemeine Kiefernbuschhornblattwespe (Diprion pini) reagiert auf die günstigen Wetterbedingungen mit gleich mehreren Fortpflanzungsperioden im Jahr. In der Folge ziehen Heerscharen der geselligen Wespen auf der Suche nach etwas Fressbarem über die Kiefernwälder Mitteldeutschlands hinweg. Im Gebiet der Colbitzer Heide im Norden Sachsen-Anhalts haben die Wespen so bereits mehrere tausend Hektar Kiefernwald kahl gefressen. Hiergegen hilft am Ende nur das brachiale Einschreiten durch Menschenhand. «Im Frühjahr muss aus der Luft gegengesteuert und gesprüht werden», sagt Habermann.
car/ivb/news.de/ddp
Wie viele Beine hat ein Mistkäfer?
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