Von Eva Zimmermann
Den ersten, einen lachsfarbenen, bekam René Koch von der Knef. Der Berliner Visagist sammelt Lippenstifte, seit mehr als 30 Jahren. Seine Schätze präsentiert er in einem kleinen Museum.
Mit einem Finger tippt René Koch in die blutrote Paste. «Eine Original Geisha-Farbe. Freunde von mir haben sie in Japan auf einer Auktion ersteigert», sagt er und stellt das Döschen zurück in die Glas-Vitrine. «So ist das als Sammler, an manche Exemplare gelangt man durch Zufall, an manch andere durch einen Glücksfall.» Die japanische Dose war für den Visagisten René Koch ein Glücksfall. Sie stammt aus dem Jahr 1746 und ist das älteste Exponat in seinem Lippenstift-Museum in Berlin-Wilmersdorf.
Rote Lippen passen jedoch nicht nur zu den Geishas, sondern gehören für Koch vor allem zum Auftritt im Scheinwerferlicht. Wenn dieser Tage rote Teppiche für die Berlinale ausgerollt werden, dürfe der Mut zur Farbe nicht fehlen, meint er. «Ein knalliges Rot versprüht den richtigen Glamour.»
Koch war selbst mehrere Jahrzehnte lang auf den Filmfestspielen anzutreffen, schminkte die Stars für ihren großen Auftritt. «Heute gehe ich nicht mehr hin», sagt er. «Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste.» Außerdem fordere sein Museum im Moment viel Engagement.
Vor zwei Jahren stellte Koch seine Sammlung zum 125-jährigen Geburtstag des Lippenstifts erstmals der Öffentlichkeit vor. Nachdem die Objekte in mehreren Städten Deutschlands zu sehen waren, haben sie ihre Heimat nun als Museum in Kochs Wilmersdorfer Beletage gefunden.
Der Visagist selbst fühlt sich ebenfalls in Berlin am wohlsten. Als Sohn einer Hutmacherin und Schneiderin kam der gebürtige Heidelberger 1963 in die Hauptstadt. «Die Welt der Mode und des Schminkens war schon immer meine Welt», erzählt er. In Berlin besuchte er die Kosmetikschule. Anschließend arbeitete er für internationale Marken wie Yves Saint Laurent und schminkte Stars von Hildegard Knef über Shirley Bassey bis Claudia Schiffer.
In über 30 Jahren hat Koch rund 250 Exponate seines liebsten Schminkutensils gesammelt. Lippenstifte mit Spieluhren und Zigarettenkästchen, Original-Modelle, die einst Grace Kelly oder Eva Perón gehörten, Stifte mit Hüllen aus Elfenbein und Holz.
Neben den Vitrinen hängt ein edler Zweiteiler. Koch streicht über den Blazer und erklärt: «Hildes Hochzeitskostüm. Ich habe ihr den passenden Lippenstift dazu entworfen.» Er zückt einen rosafarbenen Stift und sagt: «Dezente Farben mochte sie am liebsten.»
Ufa-Stars wie Hildegard Knef haben nach Ansicht Kochs den Lippenstift in Deutschland populär gemacht. Als der Stift aus Rizinusöl, Hirschtalg und Bienenwachs im Jahr 1883 auf der Weltausstellung in Amsterdam vorgeführt wurde, haftete ihm zunächst etwas Frivoles an. Huren und Tänzerinnen benutzten ihn. Erst in den 1920er Jahren fand der «Liebesstift» durch den Film auch Zuspruch bei den Damen der Gesellschaft.
In Deutschland ist der Lippenstift laut einer Studie des Kosmetik-Verbands VKE heute das beliebteste Kosmetikutensil. 40 Prozent der Frauen benutzen den Lippenstift demnach regelmäßig, das heißt täglich oder mehrmals in der Woche. «Die Lippen stehen für Sinnlichkeit. Diese möchten die Frauen mit roter Farbe betonen», erklärt Antje Brüne vom VKE die Beliebtheit der roten Schminke.
Im Jahr 1996 gründete Koch den «Arbeitskreis Camouflage», einen Verein für Menschen mit Brand- und Unfallnarben. Für seine Arbeit erhielt er 2002 das Bundesverdienstkreuz. «Dass ich an so unterschiedlichen Projekten arbeite, macht es ja erst spannend», sagt er.
Ein neues Vorhaben ist bereits in Planung. Im September bringt Koch ein neues Buch heraus, pünktlich zu seinem 65. Geburtstag. Es wird ein Buch über das Älterwerden.
Weitere Informationen: Das Museum ist nur mit Führung durch René Koch zu besichtigen. Termin nach Vereinbarung per Telefon (030) 854 28 29.
car/news.de/ddp