Fr., 25.05.12

Eisschlacht 08.02.2010 Spreekapitäne kämpfen für warme Stuben

Eisbrecher in Berlin (Foto)
Der «Seeotter» ist einer von fünf Eisbrechern, die zurzeit die Berliner Spree für die Kohlefrachter freihalten. Bild: news.de/dpa

Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin

Rund um die Uhr kreuzen Eisbrecher auf der Berliner Spree. Tun sie es nicht, brechen Brückenpfeiler - und 350.000 Berliner müssten schrecklich frieren. Denn der Berliner Fluss ist eine wichtige Versorgungsroute für ein Kohlekraftwerk.

Eis, Schnee, Kälte: Seit Wochen versinkt Berlin im Winterchaos. 18 Tage lang, das wollte kürzlich ein Boulevardblatt herausgefunden haben, sahen die Hauptstädter dabei keinen einzigen wärmenden Sonnenstrahl. Stattdessen: Viele dunkle Wolken, immer neuer Niederschlag und ständig eisige Minustemperaturen. Selbst die Spree, die sich kilometerweit durch die Metropole windet, wäre schon längst zugefroren - wenn nicht rund um die Uhr fünf Eisbrecher den Fluss durchpflügen würden.

Für 350.000 Berliner ist dieser Einsatz lebenswichtig. Denn über den Wasserweg bezieht das Kraftwerk Klingenberg bei Berlin-Rummelsburg seine Kohle. Zwischen 6000 bis 8000 Tonnen werden pro Tag mit sechs jeweils 65 Meter langen Schubverbänden in die Hauptstadt geliefert. Friert die Versorgungsroute zu, bleiben in den Berliner Bezirken Lichtenberg, Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf die Heizungen kalt. Doch so weit wollen es die Verantwortlichen erst gar nicht kommen lassen.

«Die Route wird unter allen Umständen aufrechterhalten», verspricht Jens Dingler vom Berliner Wasser- und Schifffahrtsamt. Trotz äußerst widriger Umstände gebe es für die Eisbrecher keine Leistungsgrenze. Mit einem Gewicht von 100 Tonnen haben sie bislang noch jede Eisschicht geknackt. «Die Eisbrecher sind jetzt erst in ihrem Element, die fühlen sich pudelwohl», sagt der Experte.

Die Stadt spendiert die Eisschlacht

Seit 28 Jahren arbeitet Dingler in dem Metier. Heute ist er Sachbearbeiter, aber in früheren Zeiten war er auch selbst als Kapitän im Einsatz - und hat dabei «so manche Eisschlacht» geschlagen. So außergewöhnlich sei der Winter ja gar nicht, sagt er. «Durch die milden Temperaturen in den vergangenen Jahren ist das normale Wetter nur ein bisschen in Vergessenheit geraten.»

Unterschätzen sollte man die Eismassen aber trotzdem nicht. So behindern sie nicht nur die Kohlefrachter, sondern sie könnten allzuschnell weiteres Unheil in der Stadt anrichten. Denn durch den Wind werden die losen Eisschollen in die Stadt getrieben und könnten sich dort an den vielen Flussbiegungen aufstauen. Ein Eisstau aber wäre aus Sicht der Experten verheerend, denn Berlin hat viele Brücken - und das Eis würde mit enormer Kraft auf die Pfeiler drücken. «Im schlimmsten Fall können die Pfeiler dann brechen», warnt Dingler.

Aus diesem Grund kreuzen mittlerweile drei der fünf Eisbrecher rund um die Uhr durch die City. Sie sollen das Eis in Bewegung halten und «einen kontrollierten Wasserabfluss gewährleisten», wie es im Fachjargon heißt. Die anderen beiden Eisbrecher mit den schönen Namen Seehund und Seeotter begleiten derweil im Konvoi die Kohlefrachter vom Hafen in Königs-Wusterhausen zum Klingenberger Kraftwerk. Die Kosten für den Eisbrecher-Einsatz trägt die Stadt - aus Daseinsvorsorge, wie es heißt. «Das ist ähnlich wie bei einer Autobahn», erklärt Dingler. «Wenn die gestreut werden muss, zahlt das ja auch nicht der Benutzer.»

Keine Ausweichroute: War der Kraftwerksbau eine Fehlplanung?

Eine alternative Versorgungsroute für das Kohlekraftwerk, von denen die Bundesregierung in den kommenden Jahren noch einige in Deutschland bauen will, gibt es jedenfalls nicht. Fehlplanung? Dingler sagt: Nein. «Es gibt eigentlich keine andere Möglichkeit, um die erforderlichen Mengen an Kohle ins Werk zu transportieren.»

Im Gegensatz zum Zug hätten die 65 Meter langen Schubverbände einen durchgehenden Laderaum, aus dem die Kohle mit einem großen Greifarm sehr schnell gelöscht werden könne. Zur Verdeutlichung hat der Experte stets ein Beispiel parat: «Der Schiffsladeraum gleicht einem Schuhkarton, der Zugwagon hätte im Vergleich dann die Größe einer Streichholzschachtel», sagt er. «Versuchen sie da mal, mit einem Kehrblech hereinzugreifen.»

iwi/reu/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Kaktus
  • Kommentar 1
  • 08.02.2010 12:38
 

Haben die ein Glück, die brauchen kein Streufahrzeug, das heute auch nicht mehr zur Standardausrüstung der Kommunen gehört, sie brauchen kein Streusalz, das zu teuer ist und sie brauchen keinen Sand, der auch eingefroren ist. Meine Überlegung: Autobahnen und andere Straßen werden nicht mehr gestreut, es heißt ja, kein Salzmehr da aber ich denke, kein Geld mehr da, aber wie geht das in den Karnevalshochburgen? Da schlittern die Prunkwagen über die nichtgestreuten Straßen? Ansonsten wünsche ich jeden Politiker, der dieses Desaster mit zu verantworten hat, einen guten Rutsch, aber auf den Ar..h.

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