Mo., 13.02.12

Öl oder Artenvielfalt Paradies am seidenen Faden

Von Annett Klimpel und Jan-Uwe Ronneburger

Artikel vom 20.02.2010

Nirgendwo sonst auf der Welt leben so viele unterschiedliche Arten wie im YasunÍ-Nationalpark in Ecuador. Aber es gibt dort auch massenhaft Erdöl. Würden die Ölfelder erschlossen, hätte das gravierende Folgen für Natur und Umwelt.

In wohl keinem anderen Schutzgebiet weltweit leben so viele Arten wie im Yasuní-Nationalpark in Ecuador. Er ist Heimat für ein Drittel aller im Amazonasgebiet vorkommenden Säugetiere, haben Forscher hochgerechnet. Allein 28 bedrohte Wirbeltierarten von der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN leben dort.

Zum Leidwesen von Umweltschützern hat Yasuní allerdings auch noch anderes zu bieten: massenhaft Erdöl. Im Nordosten des Parks, einem noch weitgehend intakten Waldgebiet, liegen drei gewaltige Ölfelder im Untergrund. Ob sie erschlossen werden oder nicht, hängt nicht nur von Ecuadors Regierung ab, sondern vor allem von der Weltstaatengemeinschaft.

«Yasuní liegt im Zentrum einer schmalen Zone, in der Südamerikas Amphibien, Vögel, Säugetiere und Gefäßpflanzen maximale Vielfalt erreichen», erläutern Forscher in einer Mitteilung des wissenschaftlichen Fachjournals ONE der Public Library of Science. So finden sich etwa in jedem Hektar Hochland des Regenwald- Parks im Schnitt 655 Baumarten - mehr als in den gesamten USA und Kanada zusammen, erläutern die Forscher. «Allein auf einem Hektar Yasuní gibt es mehr Arten von Bäumen, Sträuchern und Lianen als irgendwo sonst auf der Welt.»

Das Team um Matt Finer von der Umweltorganisation Save America's Forests hatte Daten zum Artenspektrum des 9820 Quadratkilometer umfassenden Amazonas-Schutzgebiets mit Angaben aus anderen Regionen verglichen. Allein das nur 6,5 Quadratkilometer große Gebiet der Tiputini-Forschungsstation im Yasuní-Park beherbergt dieser Inventur zufolge nicht nur unglaubliche 550 Vogelarten, sondern ist auch die an Fledermäusen reichste Region der Erde. «Wir schätzen, dass mehr als 100 verschiedene Fledermausarten in diesem kleinen Gebiet leben.»

Mehr als 100.000 Arten würde für drei Ölfelder sterben

150 Amphibienarten wurden im Yasuní-Park bislang entdeckt - «Weltrekord für ein Gebiet dieser Größe», erläutern die Forscher. Jeder Hektar des Regenwald-Parks sei zudem Lebensraum für hochgerechnet 100.000 Insektenarten - so viele wie in ganz Nordamerika vorkommen. Weltweit gebe es wahrscheinlich kein Gebiet mit einer höheren Dichte von Arten einer bestimmten Pflanzen- oder Tiergruppe.

Das könnte sich rasch ändern, würden die drei Ölfelder, der sogenannte ITT-Block, erschlossen. Straßen und Anlagen würden gebaut, die Tiere des Parks verscheucht und getötet. Ecuadors Präsident Rafael Correa hatte 2007 erklärt, sein Land würde auf die Erschließung verzichten, käme ihm die internationale Staatengemeinschaft finanziell zu Hilfe. Sie soll binnen 13 Jahren insgesamt rund 7,2 Milliarden US-Dollar (5,1 Milliarden Euro) zur Kompensation zahlen. Von Deutschland erhofft Ecuador sich einen Beitrag von etwa 50 Millionen US-Dollar jährlich.

Die «ITT-Initiative» stieß auf Interesse. Auch die Bundesregierung finanzierte Studien mit, die die Machbarkeit unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchteten. Eine konkrete finanzielle Zusage gab es nicht. Zuvor müssten offene Punkte geklärt werden, etwa zur Finanzierung und zur Garantie eines Verzichts auf die Ölreserven auf lange Sicht, betont das Bundesentwicklungsministerium.

In den vergangenen Tagen nun spitzte sich die Lage zu: Ecuadors Außenminister Fander Falconí, verantwortlich für das Projekt, erklärte seinen Rücktritt. Grund war die Kritik des Präsidenten, die von Falconí ausgehandelten Regeln für eine Treuhandgesellschaft für die Verwaltung der Kompensationszahlungen sei eine «Schmach». Correa wehrt sich dagegen, dass eine Kommission mit Vertretern der Geberländer die Verwendung der Gelder kontrolliert und sogar Projekte ablehnen kann.

Schatztruhe auf der Roten Liste

Der Präsident bekräftigte zwar, die ITT-Initiative vorantreiben zu wollen, setzte aber eine Frist: Wenn das Projekt nicht bis Juni unter Dach und Fach sei, werde mit der Förderung des Öls begonnen. Etwa ein Fünftel der gesamten Ölreserven des Andenlandes lagern Schätzungen zufolge im ITT-Block. Ecuadors Haushalt basiert zu einem Drittel auf den Einnahmen aus der Ölförderung. «Wenn es nicht geschafft wird, mit Yasuní einen der vielfältigsten Wälder der Erde überhaupt zu schützen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass irgendwo sonst ein Wald geschützt werden kann», mahnen die Wissenschaftler.

Es geht um viel: Zu den Yasuní-Tieren, die auf der Roten Liste stehen, zählen Primaten wie der Goldstirnklammeraffe (Ateles belzebuth) und der Silberne Wollaffe (Lagothrix poeppigii) sowie Greifvögel wie die Harpyie (Harpia harpyja). Auch Riesenotter (Pteronura brasiliensis), Waldhunde (Speothos venaticus) und Amazonas-Manatis (Trichechus inunguis) leben im Park. Zudem ist er Heimat für hunderte Arten, die nirgendwo sonst auf der Erde existieren.

Für den Erhalt dieser biologischen «Schatztruhe» zu kämpfen, lohnt auch noch aus einem weiteren Grund: Im Yasuní-Nationalpark leben mehrere Indianerstämme auf eigenen Wunsch fernab der Zivilisation.

car/news.de/dpa
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