Fr., 25.05.12

Haiti 05.02.2010 Amerikaner am Pranger

Mehr als 200 000 Tote in Haiti (Foto)
Wie viele Menschen unter den Trümmern begraben wurden, werden wir nie erfahren. Bild: dpa

Wegen Kindesentführung müssen sich zehn US-Amerikaner vor Gericht behaupten, Journalisten prangern das Vorgehen der US-Armee an und um Hilfsgüter wird gerungen: Haiti kämpft mit dem Ausnahmezustand, Ex-Präsident Clinton soll's richten.

Zehn US-Bürger müssen sich in Haiti wegen Kindesentführung verantworten. Sie wurden in ein Gefängnis der haitianischen Hauptstadt gebracht, wie ihr Anwalt Edwin Coq mitteilte. Die Angeklagten wurden in der vergangenen Woche bei dem Versuch festgenommen, 33 Kinder außer Landes zu bringen. Ihr Ziel soll es gewesen sein, die Kinder illegal an Adoptiveltern zu vermitteln.

Die fünf Männer und fünf Frauen, baptistische Christen aus dem Staat Idaho, wiesen die Vorwürfe indes zurück und betonten, sie wollten für die Kinder ein Waisenhaus in der an Haiti angrenzenden Dominikanischen Republik errichten. «Sie sind nach Haiti gekommen, um den Menschen nach dem Erdbeben zu helfen», sagte Coq nach der Anhörung der Staatsanwaltschaft in Port-au-Prince. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte, die Vorgehensweise sei unglücklich gewesen, was auch immer die Motive gewesen seien.

Die Kinder im Alter von zwei bis zwölf Jahren sind derzeit in einem SOS-Kinderdorf in Port-au-Prince untergebracht. Angehörige der Kinder sagten, sie hätten den Missionaren die Kinder mitgegeben, weil sie sie selbst nicht ernähren könnten. Die Leiterin der christlichen Gruppe, Laura Silsby, hatte dagegen erklärt, die Kinder kämen aus Waisenhäusern oder seien von entfernten Verwandten übergeben worden.

Die haitianische Regierung hat alle Adoptionen gestoppt, die nicht schon vor dem Beben am 12. Januar eingeleitet waren. Zu groß ist die Befürchtung, dass verwaiste oder von ihren Familien getrennte Kinder verschleppt und verkauft werden. Ohne Papiere könnten sie für immer von Angehörigen getrennt werden, die willens und in der Lage wären, für sie zu sorgen.

Kritik an US-Armee und Regierung

Auch die Vorgehensweise der US-Armee auf Haiti ist in die Kritik geraten. Die Organisation Reporter ohne Grenzen hat Soldaten die Zensur unerwünschter Bilder vorgeworfen. Sie hätten die Kamera eines einheimischen Reporters konfisziert und mehrere Bilder von einer anti-amerikanischen Demonstration gelöscht.

Ein französischer Fotograf in Port-au-Prince sagte, er habe beobachtet, wie US-Soldaten einen haitianischen Demonstranten bei einer Lebensmittelverteilung zusammengeschlagen hätten. «Anschließend kam der Soldat zu mir und sagte: Du hast das hoffentlich nicht fotografiert», berichtete der Fotograf. Die haitianische Bevölkerung hat eine zwiespältige Haltung zum Einsatz der US-Soldaten. Einerseits hoffen sie auf ihren Schutz, andererseits fürchten viele, wie bereits früher unter massiven Einfluss der USA zu geraten.

Insgesamt sind nach jüngsten Schätzungen von Haitis Regierung mehr als 200.000 Menschen bei dem verheerenden Erdbeben vor dreieinhalb Wochen ums Leben gekommen und 300.000 Menschen seien verletzt worden. Dabei seien noch nicht die Toten enthalten, die noch immer unter den Trümmern liegen oder diejenigen, die von ihren Verwandten bestattet worden seien, sagte Bellerive. Die tatsächliche Zahl der Toten und der Verletzten wird sich nach Meinung von Experten nie endgültig ermitteln lassen. Die Regierung geht von 250.000 zerstörten Häusern und mehr als einer Million Obdachlosen aus. Zudem seien etwa 4000 Menschen Arme oder Beine amputiert worden.

Unterdessen mehren sich Proteste von Erdbebenopfern, die bei der Verteilung von Hilfsgütern noch nicht berücksichtigt wurden. Oppositionelle Politiker hatten bereits am Dienstag die Bildung einer Notstandsregierung gefordert. Demonstranten warfen der Regierung vor, nichts zur Linderung ihrer Not unternommen zu haben. Im Stadtteil Petionville protestierten am Mittwoch etwa 300 Menschen vor dem Rathaus und beschuldigten die Bürgermeisterin, Lebensmittelgutscheine ausländischer Hilfsorganisationen verkauft zu haben statt sie gratis abzugeben.

Bill Clinton will Hilfe koordinieren

Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton erklärte sich unterdessen bereit, im Auftrag der Vereinten Nationen alle Hilfen für Haiti zu koordinieren. Clinton war schon vor dem Erdbeben als UN-Sondergesandter für Haiti tätig. In diplomatischen Kreisen in New York hieß es, er sei der ideale Mann für den Posten, weil er sowohl die Erfahrung aus den Jahren im Weißen Haus als auch das Ansehen als etablierter UN-Repräsentant mitbringe.

Da die Regen-Saison in der Region bald einsetze, seien Notunterkünfte jetzt das Wichtigste, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Ex-Präsident Clinton soll schon am Freitag nach Haiti fliegen, um mit seiner neuen Aufgabe zu beginnen.

Jordan Ryan vom UN-Entwicklungsprogramms UNDP sagte in New York: «Wir müssen den Menschen Jobs anbieten. Nicht nur, weil viel Arbeit zu tun ist, sondern auch um wieder normale Strukturen zu schaffen.» Nach Ryans Worten läuft das UN-Programm «Cash for Work» («Bares gegen Arbeit») in Haiti gut an. «Die Leute räumen Straßen, bauen die Wasserversorgung wieder auf und errichten Unterkünfte. Vor allem aber räumen sie noch Trümmer weg. Auf den Straßen von Port-au-Prince liegen mehr als 15 Millionen Kubikmeter Trümmer. Das wird lange ein Problem bleiben.»

Die Arbeiter bekommen für sechs Stunden Arbeit etwa fünf Dollar (etwa 3,60 Euro) am Tag ausgezahlt, zum Teil in Nahrungsmitteln. Von den für das Projekt angeforderten 33,6 Millionen Dollar (etwa 24,3 Millionen Euro) sind laut UNDP erst zehn Millionen da.

Ein Experte der Vereinten Nationen verlangte einen umfassenden Schuldenerlass für Haiti. Das Karibikland habe derzeit etwa 890 Millionen Dollar (646 Millionen Euro) Schulden, davon einen großen Teil bei multilateralen Gebern wie der Weltbank, sagte Cephay Lumina. Er begrüßte, dass der Pariser Club, eine Gruppe von Geberländern, Haiti 214 Millionen Dollar entlassen will. Dies sei jedoch nicht ausreichend.

iwi/car/news.de/dpa
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