Menschenhändler wollen aus dem Unglück in Haiti noch Profit schlagen. Die haitianische Regierung befürchtet deshalb, dass auch Kinder, die noch eine Familie haben, ins Ausland verkauft werden.
Das kleine Mädchen mit den bunten Plastikperlen in den Zöpfen ist überraschend zutraulich. Die etwa Dreijährige klammert sich an die Hand einer Besucherin und möchte auf den Schoß genommen werden. Sie sucht Nähe, aber sie spricht nicht. Ihre Eltern sind seit dem Erdbeben in Haiti vermisst.
Verwandte haben sie aufgenommen, sie lebt in einem improvisierten Zeltlager auf einem Fußballplatz. «Niemand weiß, wie viele Kinder bei der Katastrophe ihre Eltern verloren haben», sagt Christian Jung von der Duisburger Organisation Kindernothilfe. Die Lage sei noch immer unübersichtlich, die Abstimmung der zahlreichen Hilfsorganisationen laufe erst an.
«Es besteht die Gefahr, dass Kinder verschleppt werden», sagt Jung. «Nichts ist einfacher, als sich als internationaler Helfer auszugeben, um sich Zugang zu den Kindern zu verschaffen.» Sollten sie in die Fänge von Menschenhändlern geraten, könnten Kinderarbeit, Prostitution oder vielleicht sogar Organhandel drohen.
Die haitianische Regierung fürchtet auch, dass Kinder für Adoptionen ins Ausland gebracht werden, die möglicherweise noch Familien haben. «Es darf nicht sein, dass eine Hilfsorganisation oder sonst wer bei uns Kinder in der Straße aufliest und behauptet, es seien Waisen», warnte kürzlich Premierminister Jean-Max Bellerive. Internationale Adoptionen sind vorerst ausgesetzt. Lediglich in Fällen, in denen der Schriftverkehr mit den Behörden weitgehend abgeschlossen war, durften die Kinder ausgeflogen werden, unter anderem nach Deutschland, in die USA und nach Frankreich.
Derzeit erregt eine Gruppe amerikanischer Missionare Aufsehen, die mehr als 30 Kinder ohne Papiere per Bus in die Dominikanische Republik bringen wollte. Haitianische Sicherheitskräfte haben die Missionare festgenommen. Nun hocken sie in einem Gefängnis in Port- au-Prince und beteuern, dass sie die Kinder retten wollten. Voraussichtlich werden sie an die USA ausgeliefert. Die Kinder im Alter zwischen mehreren Monaten und 14 Jahren, von denen einige noch Eltern haben, sind derzeit in einem SOS-Kinderdorf untergebracht.
Schon vor dem Erbeben gab es nach Schätzungen des Kinderhilfswerks UNICEF etwa 400 000 Waisen in Haiti - bei nur etwa neun Millionen Einwohnern. Vor einigen Tagen begann UNICEF damit, unbegleitete Kinder zu registrieren. «Es ist sinnvoller, Kinder hier in erweiterten Familien unterzubringen und die Familien dann zu unterstützen», meint Jung. «Sonst erleben sie nach dem Trauma des Erdbebens direkt ein zweites Trauma, indem sie aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen werden», fügt er hinzu.
In Haiti hatten Kinder es schon vor dem Erdbeben nicht leicht. Nur etwas jedes zweite Kind ging zur Schule, ein Drittel hat keine Geburtsurkunde. Etwa 300 000 Kinder wurden als «restaveks» (aus dem Französischen: rester avec - bei jemandem bleiben) in fremden Familien untergebracht, wo sie sich Kost und Logis durch Hausarbeit verdienen mussten. Nach Einschätzung von Hilfsorganisationen artete das oft in Sklaverei aus, mit 18-Stunden-Tagen und Peitschenhieben.
In dem Zentrum der Kindernothilfe werden derzeit etwa 800 Kinder betreut und mit Essen versorgt. Die Stimmung ist fröhlich, Jungen und Mädchen rennen lachend und kreischend auf dem Gelände herum. Doch der Anblick trügt. «Viele Kinder sind traumatisiert», sagt der Kinderpsychologe Vladimir Constant. «Sie haben das schlimme Erlebnis noch längst nicht verarbeitet.» Er versucht in Gesprächen, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Wenn sie Stift und Papier haben, malen sie immer dasselbe: Umfallende Häuser und fliehende Menschen.
tfa/news.de/dpa