Aussterbendes Naturschauspiel
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von Susanne Donner
Artikel vom 06.02.2010
Ob Gnus in der Serengeti oder Karibus in Nordamerika - viele Tiere legen auf ihren Wanderungen riesige Distanzen zurück. Zoologen fürchten, dass diese Wanderungen wegen schrumpfender Bestände und verbauter Zugwege zunehmend verschwinden.
Die Erde zittert. Ein dumpfes Poltern schwillt zu einem rollenden Donnern an. Es sind Millionen Hufpaare, die in rascher Folge auf die Erde schlagen. Dann taucht eine unermessliche Herde Gnus auf der gesamten Breite des Horizonts auf. Dicht gedrängt rasen sie für Stunden über die Savannen der afrikanischen Serengeti.
Bis heute sind Menschen von diesem grandiosen Naturschauspiel überwältigt. Gnus, Zebras und Karibus legen in Herden von einer Million Tieren viele tausend Kilometer im Jahr zurück. Ihr Strom folgt Wasserstellen und Futterquellen. Bisons und Elche fliehen vor zu tiefem Schnee und suchen geschützte Regionen für die Aufzucht ihrer Jungen.
«Tausende Tiere, die über die Landschaft ziehen, mit klackenden Hufen und aufwirbelndem Staub - das ist ein visuelles Spektakel, das auf unserem Planeten seinesgleichen sucht», schwärmt Grant Harris vom amerikanischen naturhistorischen Museum in Albuquerque, der es mit eigenen Augen erlebt hat. «Das Phänomen ist ein Schatz, den wir einfach nicht vergeuden dürfen.»
Die Herden schrumpfen bedrohlich
Harris fürchtet um diesen Schatz. Denn seit den 1970er Jahren wird er zusehends geplündert. Die Routen der Tiere werden immer kürzer. Die Herden schrumpfen bedrohlich. Sechs Arten, darunter Springbock und Säbelantilope, begeben sich heute gar nicht mehr auf Reisen, schreibt Harris zusammen mit Ökologen aus Europa und den USA sowie der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt in der Zeitschrift Endangered Species Research.
Die Forscher hatten die Pfade von 24 Landsäugetieren ausgewertet. Mit Ausnahme der Gnus in der Serengeti, der Weißohr-Kobs - einer Antilopenart im Südsudan - und der Karibus in Nordamerika sind die Wanderrouten aller anderen Tiere geschrumpft oder verschwunden. Beispielsweise taucht das Streifengnu in drei afrikanischen Regionen nicht mehr auf. In den Athi- und Kapiti-Ebenen Kenias wurde es nicht mehr gesichtet. Im Etosha-Nationalpark, dem bedeutendsten Schutzgebiet Namibias, ist sein Bestand von 30.000 auf 2000 zurückgegangen. Seit der Einzäunung des Parks 1993 sucht man außerhalb des Parks vergeblich nach Gnus, berichtet Harris.
Im südafrikanischen Krüger-Nationalpark sind die Herden in den vergangenen drei Jahrzehnten auf ein Sechstel dezimiert worden. Ihre jährlichen Streifzüge über die Parkgrenzen hinaus haben sie gänzlich eingestellt, seit das Gelände abgesperrt wurde. In Australien und Südamerika kann man das Schauspiel der wandernden Herden schon seit längerem nicht mehr bewundern. Tierwanderungen gibt es überhaupt nur noch in Afrika, Eurasien und Nordamerika.
Für ihre Migrationen müssen die Herden fast immer - mit Ausnahme der Gnus in der Serengeti - angestammte Schutzgebiete verlassen, bewirtschaftete Wälder und Felder durchqueren und Städte umgehen. Zäune, Straßen und Bauwerke schneiden den Karawanen den Weg ab und zwingen sie dazu, andere Pfade einzuschlagen und häufig insgesamt kürzere Wegstrecken zurückzulegen, erklärt Harris. Weil sie dann nicht mehr genug Futter finden, verenden viele der Tiere.
Warum die Vagabunden sesshaft werden
Zu einem solchen Massensterben kam es in den 1980er Jahren in Botsuana. 80.000 Gnus überlebten eine Dürre nicht, nachdem ein Nationalpark abgeriegelt worden war. «Die wandernden Herden werden dann sehr klein und halten sich nur noch in winzigen Regionen auf», erklärt Harris. Sobald die Zahl der Tiere derart schrumpft, ist es für die Herde oft auch nicht mehr notwendig, umherzuziehen. Die Nahrung vor Ort reicht aus. Die Vagabunden von einst werden sesshaft.
Mit der zunehmenden Heimattreue der Tiere treten neue Probleme auf. Die Artenvielfalt der Ökosysteme nimmt deutlich ab. Vor allem bestimmte Pflanzen wachsen seltener oder sterben aus. Ihre Samen werden normalerweise mit den Tieren über riesige Gegenden verteilt und großflächig ausgesät. Die Exkremente der Herden dienen zusätzlich als Dünger. Sobald die Steppen verarmen, hungern aber auch Pflanzenfresser und in ihrem Gefolge Raubtiere wie Löwen und Geparden.
Nicht nur die Streifzüge der großen Landsäuger werden zunehmend beschnitten. «Die Gesamtzahlen der Kleinsäuger und Vögel nehmen ebenfalls ab. Bei Greifvögeln, Wartvögeln und Knuttstrandläufern haben wir entsprechend klare Indizien», sagt Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Ornithologie an der Vogelwarte Radolfzell. Genauso verändern sich deren Wanderrouten. In manchen Jahren tauchen Störche nicht mehr in Afrika auf, sondern überwintern in Europa. Bei Mönchsgrasmücken weiß man von Ringfunden, dass sie nicht mehr jedes Jahr nach Spanien fliegen. Auch deutet sich an, dass sich die Verbreitung der Greifvögel in den nördlichen Breiten verändert hat.
Allerdings klaffen viele Wissenslücken, klagt Wikelski. «Wir können jedes schwarze Loch fotografieren. Aber Vogelschwärme aller Arten können wir nicht verfolgen», ärgert er sich. Er fordert einen Zusammenschluss international tätiger Ökologen und Biologen, um ein globales Beobachtungssystem für die wandernden Tiere aufzubauen. So wäre es möglich, ihre Routen exakt zu kartieren.
Sein Team hat damit begonnen, zumindest sämtliche bekannten Wanderpfade für verschiedene Spezies in einer Datenbank zusammenzutragen. Nur mit diesem Wissen können Schutzgebiete adäquat ausgewiesen, Zäune und andere Barrieren entfernt und die Landnutzung angepasst werden. Aber die Ökologen kommen zu langsam voran. Grant Harris ist ernüchtert: «Im Augenblick verschwinden die Tierwanderungen schneller, als wir sie verstehen und bewahren können.»
car/news.de/ddp
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Von wegen vom Winde verweht: Ein innerer Kompass führt Schmetterlinge zu ihrem mehr ...
Brunei auf Borneo ist Heimat seltener Tiere und Pflanzen. Ein Paradies für mehr ...
Kranke Ameisen verlassen kurz vor dem Tod ihr Nest und sterben in Einsamkeit. Ziel des Verhaltens: mehr ...
Die Weltnaturschutzunion hat die aktuelle Rote Liste der weltweit bedrohten Tiere und Pflanzen mehr ...
Schimpansen können genauso hilfsbereit sein wie Menschen. Umso mehr, wenn sie in Freiheit mehr ...
Der Mensch hat mit Tieren schon so ziemlich alles gemacht. Nur die Fellfarbe konnte er bisher nicht mehr ...