Fr., 25.05.12

Tiger 01.02.2010 «Sonst werden wir diese Katze verlieren»

Nur noch 350 Tiger am Mekong (Foto)
Seit dem letzten Jahr des Tigers sind die Wildkatzen um mehr als die Hälfte dezimiert worden. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Am 14. Februar beginnt in China das Jahr des Tigers, aber wild leben nur noch 3200 dieser Katzen. Nun haben sich die 13 Tigerstaaten getroffen, um die totale Ausrottung zu verhindern. WWF-Experte Volker Homes erklärt news.de, ob es Chancen gibt.

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Früher waren Tiger vor allem die bösen Raubkatzen - wie Shir Khan im Dschungelbuch. Wie werden die Tiere heute in ihren Ländern wahrgenommen?

Homes: Nicht einheitlich natürlich. In China ist der Tiger eine Symbolfigur, aber bei den ärmeren Bevölkerungsschichten kann er noch als Gefahr empfunden werden. Das ist auch in Russland zu beobachten: In Wladiwostok macht sich inzwischen eine Art Nationalstolz bemerkbar, dass sie den Tiger wiederhaben, aber für die Menschen, die vor Ort mit ihm konfrontiert sind und gar nicht das Wissen haben, wie bedroht diese Katzenart ist, kann er nach wie vor eine tägliche Bedrohung sein. Nicht unbedingt für den Menschen, aber wenn ein Tiger die einzige Kuh reißt, ist das für die Bevölkerung wirtschaftlich bedrohlich.

Wo ist der Tiger am stärksten gefährdet?

Homes: Drei Tigerarten sind etwa seit den 1940er Jahren ausgestorben, der Java-Tiger, der Bali-Tiger und der Kaspische Tiger. Vom Sumatra-Tiger gibt es noch maximal 400. Er ist vor allem vom Lebensraumverlust bedroht, durch das Vordringen der Plantagen, aber auch durch die Holzindustrie und die Wilderei.

Womit machen die Wilderer ihre Geschäfte?

Homes: Da steckt immer noch der Volksglaube an die Kraft in der Medizin dahinter, rheumatische und Knochenleiden werden mit Tigerknochen behandelt. Aus der traditionellen chinesischen oder asiatischen Medizin hat man ihn allerdings rausgenommen.

Seit wann existiert denn ein Bewusstsein, dass man den Tiger schützen muss?

Homes: Das gibt es schon länger. Dass in Indien zum Beispiel die Bestände zurückgehen und dass man sie schützen muss, ist weltweit seit spätestens den 1970er Jahren bekannt. Präsidentin Indira Ghandi hat damals den Tigerschutz praktisch verordnet. Trotz aller Bemühungen und des vielen Geldes, das aufgewendet wurde, stehen wir heute jedoch bei einem Bestand von 3200 Tigern. In den letzten zwölf Jahren, seit dem letzten Jahr des Tigers (Anmerkung der Redaktion: Das letzte Jahr des Tigers wurde in China 1998 gefeiert), hat sich die Anzahl nochmal etwa halbiert.

Was muss man anders machen, um die Tiger effektiv zu schützen?

Homes: Das ist der Punkt. Es gibt natürlich viele Initiativen und es ist auch eine ganze Menge richtig gemacht worden. Ein Tiger darf nirgendwo mehr legal geschossen, nirgendwo gehandelt werden, in allen 13 Verbreitungsstaaten und auch international nicht. Trotzdem verschwinden ja die Lebensräume, und es gibt die Wilderei. Das größte Problem ist, das, was man sich vorgenommen hat, auch umzusetzen.

Sind Sie zufrieden mit dem Treffen von Hua Hin? Es war immerhin das erste Mal, dass sich alle 13 betroffenen Staaten für den Tiger zusammengesetzt haben.

Homes: Wir sind sehr zufrieden, aber es ist natürlich erstmal nur ein Papier. Im September wollen sich die Staatspräsidenten in Wladiwostok treffen und die Beschlüsse formal festklopfen, und dann beginnt erst die Arbeit. Es wurde ein Ziel aufgenommen, das sich auch der WWF gesetzt hat: die Verdoppelung der Bestände bis zum nächsten Jahr des Tigers 2022. Das ist ein Meilenstein, den müssen wir erreichen.

Ist das realistisch?

Homes: Ja, das ist eine Zahl, die machbar ist. Wir haben allein in Südostasien eine Fläche so groß wie Frankreich (die Greater-Mekong-Region, Anm. d. Redaktion), wo Tiger leben könnten. Es gibt dort in Kambodscha, Vietnam und Laos jeweils einige Dutzend Tiger, die könnten aber anwachsen, denn es gibt genügend Lebensraum.

Warum vermehren sie sich dann derzeit nicht?

Homes: Wilderei ist Schuld - und fehlende Beutetierbestände, ein Phänomen, das man lange Zeit unterschätzt hat. Die Hirsche und Antilopenarten, die der Tiger braucht, werden auch von Menschen gegessen.

Was müssen die Regierungen also tun?

Homes: Der Kern sind die Schutzgebiete, darum herum muss es Pufferzonen geben, damit sich der Tiger vermehren und ausbreiten kann, aber eben auch eine Reglementierung der Jagd, damit er genug zu fressen hat. Dabei gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade in verschiedenen Regionen. In Sumatra zum Beispiel kann man nur sagen, retten, was zu retten ist. Die großen Firmen dort haben ein massives Wirtschaftsinteresse, und sie dazu zu bewegen, dass sie die Tigerlebensräume in Ruhe lassen, das sind sehr, sehr dicke Bretter, die wir bohren müssen. Eine Mischung aus Angeboten und Druck - die Gesetze knallhart umsetzen.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Volker Homes dennoch optimistisch ist

Wenn es so lange nicht funktioniert hat, den Tiger zu schützen, woher kommt jetzt ihr Optimismus?

Homes: Weil wir es erreichen müssen, sonst werden wir diese Katze verlieren, dann wird sie nur noch im Zoo bekannt sein. Es ist weit, weit nach fünf vor zwölf. Was uns optimistisch stimmt, ist, dass gerade im Jahr des Tigers viele hochrangige Politiker sagen, es ist höchste Zeit, etwas zu tun. Und, dass wir die Weltbank als Partner haben. Der Präsident Robert Zoellick hat gesagt, wenn wir in Projekte in den Regionen investieren, dann müssen die tigerfreundlich sein.

Gibt es ein Budget für den Tigerschutz?

Homes: Das muss auf jeden Fall wachsen. Es soll vor dem Gipfel im September nochmal eine Geber-Konferenz geben. Die großen Banken wie die Weltbank oder die asiatische Entwicklungsbank müssen sich mit der Europäischen Union oder nordamerikanischen Staaten zusammentun und in einen Topf einzahlen, aus dem dann gerade so arme Länder wie Kambodscha nutznießen können.

Helfen Zoos eigentlich?

Homes: Sie haben eine wichtige Rolle. Durch den Bildungsaspekt, wo man den Tiger auch mal life sehen kann, und die Erhaltungszuchtprogramme, die sind wissenschaftlich anerkannt. Der allerletzte Notanker ist, dass es die Tiere noch in Zoos gibt.

Gibt es Versuche, Tiere wieder auszuwildern?

Homes: Mit dem Luchs macht man erste Testverfahren, wo man versucht, sie völlig ohne menschlichen Kontakt aufzuziehen. Im Harz werden Jungluchse wieder rausgeschmissen in die Natur. Mit dem Tiger hat man das noch nie gewagt. Das wäre der absolute Notanker, wenn man alle Tiger aus der Wildnis verlieren würde.

Leben in den Zoos mehr Tiger als in der Wildnis?

Homes: Nicht ganz so viele, es gibt einige tausend. Aber wo es richtig viele gibt, ist in den Tigerfarmen, und die haben mit Naturschutz überhaupt nichts zu tun. In China rechnet man mit ungefähr 6000 Tigern. Von den Besitzern wird ein großer Druck ausgeübt, den nationalen Handel mit Tigerprodukten wieder zuzulassen. Wir sagen, die Farmen müssen geschlossen werden.

War das auf der Konferenz ein Thema?

Homes: Er findet sich zumindest nicht in der Erklärung, aber das ist eines der explosivsten Themen.

car/ivb/news.de
Leserkommentare (2) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Antonietta
  • Kommentar 2
  • 19.03.2010 10:19
 

Verschiedene Unterarten des Tigers scheinen bereits ausgerottet zu sein. Verantwortlich ist neben der Zerstörung ihres Lebensraumes vor allem die Jagd auf sie. Früher war die Trophäenjagd auf Tiger in Mode - es wurden regelrechte Treibjagden veranstaltet. Heute sind Tiger in ihrem gesamten Lebensraum geschützt. Unterbinden kann dies die Jagd auf sie aber leider nicht. So hat z.B. die Wilderei in den letzten Jahren wieder verstärkt zugenommen. Es scheint auch an politischem Willen zu mangeln.

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  • qwert
  • Kommentar 1
  • 02.02.2010 13:36
 

Ich glaube, Tiger werden ein Revival (Wiederauferstehung) feiern. Denn ist ein Jäger ausgerottet, so wird seine Beute krank. Siehe das Rehwild in Deutschland.

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