Fr., 25.05.12

Wetter wie vor 30 Jahren 30.01.2010 Schnee ohne Ende

Winterwetter  (Foto)
Ein Winter wie vor 30 Jahren. Bild: ddp

Im Winter 1978/79 lag Deutschland das letzte Mal unter einer ähnlichen Schneedecke. Mecklenburg-Vorpommern hat am meisten von der weißen Pracht abbekommen. Experten glauben, dass uns der Winter noch lange erhalten bleibt.

Bis zu drei Meter hoch türmten sich am Samstag die Schneewehen, in denen im Nordosten Deutschlands dutzende Autofahrer über Stunden feststeckten. Tief «Keziban» hatte die Menschen der Region mit bis zu 40 Zentimetern Neuschnee überrascht, der von heftigen Böhen zu massiven Blockaden geformt wurde. Fahrten mit Bahn, Bus oder Auto wurden vielerorts unmöglich, etliche Menschen saßen fest. In Mecklenburg-Vorpommern, wo mittlerweile mehr Schnee liegt als in Bayern, gab es selbst für Räumfahrzeuge und Abschleppdienste kein Durchkommen mehr.

Bundesweit gab es hunderte wetterbedingte Unfälle, obwohl die Räumdienste im Dauereinsatz waren. Mindestens drei Menschen starben. Etliche Autobahnen mussten zeitweise gesperrt werden, nachdem Lastwagen verunglückt oder an Steigungen liegen geblieben waren. Die Bahn stellte den Verkehr auf vielen Strecken komplett ein - oft war auch kein Ersatzverkehr möglich. Betroffen war auch der Fernverkehr: Die IC-Züge auf der Strecke Schwerin-Rostock-Stralsund fielen aus, die aus Hamburg endeten in Schwerin.

Neues Chaos auf Straßen und Schienen könnte es schon am Dienstag geben: Dem Deutschen Wetterdienst (DWD) zufolge zieht bereits ein weiteres Tief mit anhaltendem Schneefall heran. «Eine flächendeckende Schneemenge, die so lange hält, hatten wir das letzte Mal im Winter 1978/79», sagte die DWD-Meteorologin Dorothea Paetzold.

Viele Menschen waren am Freitagabend und in der folgenden Nacht von den gewaltigen Mengen Neuschnee überrascht worden, die Tief «Keziban» binnen kürzester Zeit verteilte. Allein in Nordrhein- Westfalen zählte die Polizei bis zum Morgen 300 wetterbedingte Unfälle, auf der A61 bei Bedburg starb ein Autofahrer. Der 32-Jährige sei wahrscheinlich überfahren worden, als er nach einem Unfall aus seinem Auto stieg, hieß es.

Bei weiteren Unfällen wurden mehrere Menschen schwer verletzt. In Overath verlor der Fahrer eines Linienbusses die Kontrolle über den Wagen, krachte gegen parkende Autos und rutschte auf eine Wiese. Die 20 Fahrgäste blieben unverletzt. In der Aachener Region schlitterten zwei Autofahrer in Streifenwagen, die zu Unfällen gerufen worden waren.

Auch im Süden gab es etliche Unfälle, in Bayern kamen mindestens zwei Menschen ums Leben. Beide Fahrer waren mit entgegenkommenden Autos zusammengestoßen. Vereiste Nebenstrecken mussten komplett gesperrt werden, Gefahrguttransporter wurden gebeten, den nächsten Rastplatz anzusteuern. In Baden-Württemberg wurden bei Unfällen auf glatten Straßen mindestens acht Menschen schwer verletzt.

In Mecklenburg-Vorpommern steckten auf Bundesstraßen mindestens 70 Autos fest, teilte das Lagezentrum des Innenministeriums mit. In Steinhagen fielen 43 Zentimeter Neuschnee. Dort liegt die weiße Pracht nun mehr als einen halben Meter hoch, meldete der Deutsche Wetterdienst am Samstagmittag. Rekordschneehöhen wurden auch in Boitzenburg (50 Zentimeter) und Gross Lüsewitz (39 Zentimeter) gemessen.

Die Autobahn 20 war am Morgen an mehreren Stellen gesperrt. In Rostock wurde der öffentliche Nahverkehr eingestellt. Die Menschen wurden aufgefordert, ihr Auto nur in dringenden Fällen zu benutzen. «Die Leute sollen bloß zu Hause bleiben», warnten Polizisten. Für die Fans des FC Hansa Rostock gab es ohnehin keinen Grund mehr zum Rausgehen: Das Fußballspiel der 2. Bundesliga gegen den 1. FC Union Berlin wurde abgesagt. Auch etliche andere Veranstaltungen im Nordosten fielen aus.

Drastisch war die Lage auch im Nordwesten Brandenburgs. Die Behörden warnten davor, sich mit dem Auto auf den Weg zu machen. «Die fahren trotzdem. Es ist zum Verrücktwerden», stöhnte eine Polizeisprecherin in Potsdam. Zahlreiche Autofahrer saßen in Schneewehen fest, Windböen trieben immer neuen Schnee auf die Straßen. Etliche Nebenstrecken blieben im Tagesverlauf unpassierbar, weil die Räumdienste vollauf mit den Hauptstraßen beschäftigt waren. In Pritzwalk wurden Lastern Schneeketten aufgezogen, um sie überhaupt vom Fleck zu bekommen.

Zum Verhängnis wurden Schnee und Glätte zudem etlichen Fußgängern. Allein in Hamburg kam die Feuerwehr dutzenden Gestürzten zu Hilfe, mehrere von ihnen hatten Knochenbrüche. In Hamburg und Schleswig- Holstein rollten Autos und Busse im Schneckentempo umher, einige Buslinien wurden eingestellt. Auch bei der Bahn gab es Probleme. Auf Fehmarn waren einige Straßen wegen Schneeverwehungen nicht mehr zu befahren. «Das ist eine kleine 'Daisy'», kommentierte Fehmarns Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt die Situation auf der Ostseeinsel. Es gebe 25 Zentimeter Neuschnee.

Der starke Schneefall hatte auch seine schönen Seiten: Die Ski- und Rodelgebiete im Sauerland und in der Eifel vermeldeten beste Voraussetzungen für Wintersportler. Auf der zugefrorenen Alster in Hamburg tummelten sich - ausgestattet mit Picknickkörben und Schlittschuhen - zehntausende Menschen - allerdings ohne Behördensegen. Umgeben von Menschenmassen schwärmte eine Ausflüglerin: «Auf die zugefrorene Alster - das ist ein Muss.»

Lesen Sie auf Seite 2, wann es einen ähnlichen Winter gab

Nur Menschen, die älter als 30 Jahre sind können sich an einen ähnlich schneereichen Winter wie diesen überhaupt erinnern. «Eine flächendeckende Schneemenge, die so lange hält, hatten wir das letzte Mal im Winter 1978/79», sagte die Meteorologin Dorothea Paetzold vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach am Samstag.

Damals war der Winter kälter, die Höchstwerte lagen mehrere Tage lang im zweistelligen Minusbereich. Insgesamt war der Januar 1979 vier bis fünf Grad zu kalt, 31 Jahre später sind die Temperaturen «nur» drei Grad zu niedrig.

Am höchsten liegt der Schnee auf der Zugspitze mit gut zwei Metern. Insgesamt hat es in Mecklenburg-Vorpommern - wie bereits im vergangenen Jahr - am meisten geschneit. 2009 lagen dort zwei bis sechs Zentimeter Schnee, jetzt sind es bis zu 55 Zentimeter. Damit hängt Mecklenburg-Vorpommern sogar Bayern ab. «Dort hat es gar nicht so doll geschneit», sagte Paetzold. So liegen etwa im Bayerischen Wald und in Regensburg 23 Zentimeter Schnee, in Bamberg sind es sogar nur 9 Zentimeter.

Zurzeit gibt es in Deutschland zwar viel Schnee, aber zu wenig Sonnenschein. Im Januar 2009 war es genau andersherum: Damals lag nur in einigen Regionen Schnee, dafür ließ sich die Sonne ungewöhnlich oft blicken. 2009 schneite es bis in den März hinein, was laut Paetzold nicht ungewöhnlich ist.

Wie lange der Winter 2010 noch dauern wird, ist ungewiss. Ein Ende ist laut DWD noch nicht abzusehen, er scheint sich zur «Never ending Story» zu entwickeln. Seit etwa sechs Wochen herrscht in Deutschland Winter pur.

In den nächsten Tagen liegen die Temperaturen weiterhin um den Gefrierpunkt. Im Süden bleibt es meist trocken, im Norden kommen die Schneeschaufeln wieder zum Einsatz. Etwa 10 bis 15 Zentimeter Neuschnee werden dort am Sonntag fallen. Die Nächte werden wieder sehr kalt, die Temperaturen sinken fast bis auf zweistellige Minusgrade.

Ob sich die Wintersportfans auch in den nächsten Jahren auf ähnlich viel Schnee in Deutschland freuen können, ist ungewiss. «In der Natur passiert nichts regelmäßig», sagte Paetzold.

bjm/sis/news.de/dpa
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