Fr., 25.05.12

Dialog im Dunkeln 28.01.2010 «Schön, euch zu sehen!»

Dialog im Dunkeln (Foto)
In der Ausstellung können Besucher mit Hilfe von Blindenstöcken die Erfahrung von absoluter Dunkelheit machen. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach

Das Gefühl ist beklemmend. Es ist stockdunkel. So dunkel, wie noch niemals zuvor im Leben. Und plötzlich sagt Miro Miletic, der durch die Ausstellung «Dialog im Dunkeln» führt: «Schön, euch zu sehen!»

Am Eingang wird gescherzt. «Nehmen Sie keine Taschenlampen mit und machen Sie keine Bilder mit Blitz», sagt der junge Mann, der die weißen Stöcke verteilt. Jede Viertelstunde geht eine neue Gruppe durch die Tür - einem schwarzen Schlund gleich - in eine Ausstellung, die Perspektiven verändern soll. Und wird.

In Windeseile merkt sich Miro, der Führer, alle Namen der acht Teilnehmer. Er wird sie im Laufe der nächsten anderthalb Stunden mehrfach wiederholen. Eine Art Gedächtnissport und die Klarheit für ihn, dass wirklich niemand in der Finsternis verloren geht.

Alles beginnt mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust. Beängstigend die Vorstellung, hier nicht mehr herauszukommen. Ist es so, wenn man blind wird? Eine absolute Schwärze erfüllt neben Miros Stimme den Raum. Dass alles nach kurzer Zeit vorbei sein soll, tröstet. «In der Ausstellung ist es absolut unrealistisch dargestellt», wird Miro später in einem Gespräch sagen. «Selbst für die blinden Mitarbeiter ist das Schwarz sehr ungewohnt, wenn sie zum ersten Mal die Ausstellung betreten.»

Durch eine blinde Welt

Seit über einem Jahr kennt er die Räume der Ausstellung wie seine Westentasche. Braucht keinen Stock, um sich hier zu bewegen. Die acht Stöcke der Gruppe klappern beim Zusammenstoßen mit der Wand oder den anderen Teilnehmern. Miro führt durch eine blinde Welt, in der sich niemand ohne seine Hilfe orientieren könnte. Er sagt, wo's langgeht.

Rechts an seiner Stimme vorbei an der Wand entlang, in einen Raum, in dem es Gegenstände zu ertasten gilt. Ein Fass, ein Fischernetz, Kaffeebohnen – die Hamburger Speicherstadt. Weiter auf weichem Boden, Vögel singen, in diese Szenerie gehört eigentlich die Sonne. Doch sie muss hier draußen bleiben. Auf dem Markt werden Ananas, Kartoffeln, Zwiebeln, Orangen und Unerkennbares ertastet. Die Gruppe schlängelt sich um Häuserfronten mit Klingelschildern, Autos am Straßenrand, Fahrräder, Briefkästen. Sie folgt Miros Stimme.

Alle außer ihm sind still, jeder mit sich selbst und seiner Orientierung beschäftigt. Miro wiederholt die Namen, bittet auf ein Boot zur Hafenrundfahrt. Das nächste sinnliche Erlebnis: Wasser spritzt. Ein 1,93 Meter großer Besucher wird später sagen, dass er seine Hände die ganze Zeit über dem Kopf hatte, aus Angst, sich an einem Hindernis zu stoßen.

Die Augen gewöhnen sich mit der Zeit an das schwarze Nichts. Die Brust kann aufatmen, vertraut Miro, denkt an das Sehen danach. «Die Gäste sind manchmal so fasziniert, wie selbstverständlich wir uns hier bewegen, dass sie fragen, ob wir Nachtsichtgeräte benutzen», sagt Miro. «Aber die nutzen einem Blinden wenig.»

Am Ende wird die Hand mit vorher abgezähltem Geld vertrauensvoll in die Richtung der Stimme einer Kellnerin gestreckt. Im Gegenzug gibt es ein Bier. In einer Dunkelbar ist Zeit, über das Erlebte zu sprechen. «Hast du einen Fernseher?», ist die Frage an den blinden Tourguide. «Sonst könnte ich ja nicht fernsehen», ist die flapsige Antwort.


«Dialog im Dunkeln» wurde bisher in 30 Ländern und 110 Städten weltweit präsentiert und beeindruckte über sechs Millionen Besucher. In Hamburg werden seit dem Jahr 2000 neben der Ausstellung auch Seminare und Dinner im Dunkeln angeboten.

seh/reu/news.de
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