Partys im Zug der Zukunft
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Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Artikel vom 28.01.2010
Bahnen werden zu Fahrzeugen des Individualverkehrs. Das sagt Bombardier-Innovationschef Martin Ertl. Mit news.de spricht er über geniale Entwürfe, den direkten Kontakt zum Kunden und angepasste Innenräume.
Wie wird die Bahn im Jahr 2020 aussehen?
Ertl: Das wird regional unterschiedlich sein. Wenn wir im deutschen Kontext bleiben, werden wir eine milde Zunahme an Hochgeschwindigkeitsstrecken sehen. Spanien ist auch sehr intensiv dabei, sein Hochgeschwindigkeitsnetz zu vollenden. Frankreich hat es schon sehr schön ausgebaut. In den beiden Ländern ist das Netzlayout strahlenförmig, mit den Hauptstädten in der Mitte. Deutschland fährt eher vernetzt in der Fläche mit verschiedenen Knotenpunkten. Daraus resultiert auch, dass bisher die Durchschnittsgeschwindigkeit geringer ist.
Das nächste Thema wäre die bisher «öffentliche Mobilität» genannte Art der Fortbewegung. Sie wird mit einer individuellen Form der Fortbewegung verschmelzen. Wir werden die Lücken zwischen Fahrrad, Auto, Taxi, Bus und Bahn ein bisschen besser schließen. Individualverkehr wird nicht nur das Auto sein, in dem ich alleine sitze. Sondern Individualverkehr ist das, was mich am schnellsten, günstigsten oder komfortabelsten von A nach B bringt. Und wir werden den Energieverbrauch des Zuges dramatisch senken, das wird ein Passagier direkt gar nicht mitbekommen.
Wie machen Sie das?
Ertl: Wir haben jetzt bereits ein Produkt-Portfolio mit Namen Eco 4, mit dem können wir bereits heute den Verbrauch eines Zuges um bis zu 50 Prozent senken. Züge gelten ja schon als energieeffizient, aber auch da ist noch Potenzial und wir arbeiten sehr intensiv daran, das auszuschöpfen.
Und daran wird auch der Innenraum angepasst.
Ertl: Im Innenraum wird das Thema mediale Vernetzung zunehmen, mit dem Gegentrend, dass es unter Umständen absolute Ruhezonen geben wird. Es gibt ja heute schon ICE-Wagen, wo es bewusst heißt: Hier kein Handy. Das könnte noch extremer werden. Und es gibt Zonen, in denen ich sehr aktiv sein kann, im Sinne von geschäftig oder vielleicht sogar körperlich aktiv. Dazu brauchen wir variable Innenraumkonzepte. So dass der Pendler mit dem Zug, in dem er von Eberswalde nach Berlin fährt zum Arbeiten, am Wochenende an die Ostsee fahren kann. Der Innenraum müsste flexibel sein, so dass mehr Koffer oder Fahrräder aufgenommen werden können.
Gibt es schon konkrete Vorhaben?
Ertl: Mitte 2010 geht der «Talent 2» an den Start. Er wird das neue Rückgrat der DB Regio bilden. Der Zug ist modular aufgebaut und kann sehr flexibel an verschiedenste Einsatzzwecke angepasst werden. Sie können ihn als S-Bahn einsetzen mit vielen Türen, um den Fahrgastwechsel an den zahlreichen Haltestellen zu erleichtern. Sie können die Plattform gleichzeitig als Regionalzug auslegen. Geräumige Multi-Funktions-Abteile, Bistros oder sogar Party-Bereiche, all das lässt sich darstellen.
Warum haben Sie einen Design Contest für die Innenraumgestaltung von Bahnen ausgeschrieben?
Ertl: Ästhetische Gestaltung wird für Bombardier immer wichtiger. Wir wollen aus dieser sehr funktionalen Röhre, die auf Schienen durch die Landschaft düst, deutlich mehr machen. Aber gutes Design muss nicht heißen, dass man mit teurem Schnickschnack arbeitet. Gutes Design kann hochgradig funktional und für einen vernünftigen Preis machbar sein. Komfort, funktionale und ästhetische Bedürfnisse sollen an dieser Stelle berücksichtigt werden.
Was haben sich für Bedürfnisse herauskristallisiert?
Ertl: Was sehr oft angesprochen wurde, sind Probleme der Sitzplatzgestaltung. Angefangen von der Frage, wie ich meinen Sitzplatz abschirmen kann, um ein bisschen mehr Privatsphäre zu haben bis hin zur Beleuchtung und dem Material. Es gibt auch den Wunsch nach Business-Class-Appeal oder Gestaltungen, die auf organische Formen hingehen. Wo man sich vielleicht ein bisschen mehr wie Zuhause fühlt und nicht in einem nüchternen Umfeld eingesperrt ist, bei dem alles im rechten Winkel ist.
Wer hat an diesem Contest teilgenommen?
Ertl: Wir haben uns konkret an die Design Community gewendet. Studenten, junge Professionals, die im Design-Business arbeiten; im Bereich Interior Design oder Architektur. Es gab aber auch Einsendungen aus dem Bereich Informations-Design mit Fragen wie: «Wie kann ich besser Informationen an die Passagiere heranbringen?»
Durften auch Laien mitmachen?
Ertl: Die Idee war, über das Trägervehikel Design die Menschen für dieses Thema zu interessieren. Dahinter verbirgt sich, dass wir konkrete Ideen darüber generieren möchten, mit welchen Funktionen künftig Züge ausgestattet werden sollen. Für uns war es ganz wichtig, nicht nur Menschen anzusprechen, die über das beneidenswerte Talent des Designens verfügen und die entsprechenden Werkzeuge dazu haben. Wir wollten ein möglichst breites Meinungsbild bekommen, deshalb haben wir ganz bewusst einen Sitzkonfigurator auf unserer Seite zur Verfügung gestellt. Damit konnte jeder ein Sitzmuster nach seinem persönlichen Geschmack gestalten.
Gab es völlig abwegige, vielleicht verrückte Entwürfe?
Ertl: Es kamen Einsendungen, die man auf den ersten Blick nicht verstanden hat, die eher in die Form- und Farblehre gingen. Was wollte der Künstler damit sagen? Es gab haufenweise Einsendungen mit sehr, sehr coolen Designs. Zum Beispiel eine Straßenbahn, die aussah wie die Schale einer Orange, die man eben geschält hat und dann auseinanderzieht. Oder Reisezüge mit einer Wellnesslandschaft im Innenraum. Das kennt man schon von Flugzeug-Designentwürfen.
Um welche Züge geht es?
Ertl: Ganz allgemein um Schienenverkehrsfahrzeuge. Die eingegangenen Business-Class-Entwürfe zielen natürlich eher auf Hochgeschwindigkeitszüge. Der Favorit in der Online-Community des Design Contests selbst ist allerdings ein klassisches Metrothema. Da geht es um die Möglichkeit, im Zug zu stehen, ohne sich an den Haltestangen festzuhalten. Gerade in Zeiten von Schweinegrippe ist es nicht so angenehm, die Griffe und Stangen ständig anfassen zu müssen, wenngleich sie mit hoher Frequenz gereinigt werden. Einer unserer Vorstände sagte schon, dass dieses Design ein kleiner Geniestreich ist, weil es ein grundsätzliches Problem löst und andererseits sehr einfach umzusetzen ist.
Werden außerhalb solcher Contests Verbesserungsvorschläge und Ideen von Passagieren an Sie herangetragen?
Ertl: Das geht eher über Betreiber wie die Deutsche Bahn, weil sie den direkten Kontakt haben. Das war auch eine der Motivationen für den Design Contest. Wir haben gesagt: «Lasst uns direkt weltweit mit den Passagieren in Verbindung treten.» Für uns ist es wichtig, diese Ideen mit denen der Kunden der Betreiber abzugleichen. Denn nur so können wir ein vernünftiges Produkt auf die Schiene bringen, das so nah wie möglich am Bedarf des Kunden liegt.
Manche Menschen denken sicher auch: Design schön und gut, aber ich möchte lieber, dass mein Bahnticket billig bleibt ...
Ertl: Das ist ein Standpunkt, den es zu berücksichtigen gilt. Aber wir haben ja nicht vor, eine Luxussänfte für die oberen Zehntausend daraus zu machen. Sondern der Ansatz ist, dass wir idealerweise alles sehr kosteneffizient umsetzen und dabei das Design permanent verbessern. Mit ein bisschen Hirnschmalz geht das an der einen oder anderen Stelle.
Martin Ertl ist Chief Innovation Officer bei Bombardier Transportation. Der Zughersteller hat unter dem Motto «YouRail – Visions of Modern Transportation» einen weltweiten Design-Wettbewerb ausgeschrieben. Ziel ist es, gemeinsam mit Fahrgästen innovative Ideen für die Innenraumgestaltung zukünftiger Züge zu entwickeln.
seh/reu/news.de
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jetzt antwortenKommentar meldenSo wie ich die Bahn kenne, müssen wir uns um die Zukunft jetzt ohnehin noch keine Sorgen machen. Denn höchstwahrscheinlich kommt die Zukunft verspätet.
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