So., 12.02.12

Felsabsturz Höllische Qualen

Von Paul Winterer

Artikel vom 26.01.2010

Vater und Tochter sind tot. Mutter und Sohn schweben in Lebensgefahr. Nachdem ein herabstürzender Felsbrocken ein Haus zertrümmert hat, wollen die Nachbarn dennoch wieder zurück in ihre Wohnungen.

Sie wissen nicht, ob sie trauern oder ob sie sich freuen sollen. Zwar haben die Helfer nach stundenlangem Graben mit bloßen Händen Mutter und Sohn der vierköpfigen Familie aus dem oberbayerischen Stein a. d. Traun retten können, doch müssen sie Vater und Tochter tot aus den Trümmern des zerstörten Hauses holen. Der Sturz eines gigantischen Felsens auf das rund hundert Jahre alte Wohnhaus, das direkt an die Steinwand gebaut war, hat am Montagabend unsagbares Leid über die Familie gebracht.

«Die beiden Opfer waren vermutlich sofort tot», sagt Polizeisprecher Franz Sommerauer. Die 40 Jahre alte Mutter und ihr 16-jähriger Sohn liegen mit schwersten Verletzungen - Brüchen und Quetschungen - im Traunsteiner Klinikum. Dort müssen sie nicht nur höllische körperliche Qualen ertragen, sondern auch den seelischen Schmerz über den Tod ihrer Liebsten verarbeiten.

Das Unfassbare geschieht gegen 19.45 Uhr. Nachbarin Rita Kimmeringer schildert, wie sie vor dem Fernseher saß. «Plötzlich hörte ich ein Geräusch, wie wenn große Steine aneinander gerieben werden. Aber ich dachte mir nichts dabei.» Erst als immer mehr Rettungswagen vorfahren, «schaute ich doch auf die Straße und sah eine riesige Staubwolke». Der Braumeister der unmittelbar danebenliegenden Schlossbrauerei hatte die Rettungskräfte alarmiert.

Der abbrechende bewaldete Fels, an den das zweistöckige Haus angebaut war, hat sekundenschnell alle Mauern, das Dach und die Zwischendecke zermalmt. Die Familie, die sich in einem Raum aufhielt, hat keine Chance, sich in Sicherheit zu bringen. Sie wird unter dem Bauschutt - mehr haben die zusammen über tausend Tonnen schweren Brocken nicht übrig gelassen - eingeschlossen.

Schon bald nach dem Felssturz sind die ersten Rettungsteams da. Sie stehen vor einem Trümmerhaufen. Als der Unglücksort von Scheinwerfern taghell ausgeleuchtet ist, sehen sie mehrere riesige Gesteinsbrocken aus den Trümmern ragen. Der Größte hat das Ausmaß eines Omnibusses. Nach Schätzung des Geologen Andreas von Poschinger vom Landesamt für Umwelt wiegt allein einer der bis zu 200.000 Jahre alten kleineren Brocken an die 250 Tonnen.

Mit bloßen Händen graben sich die Helfer zu einem Hohlraum inmitten des Schutthaufens vor, in dem sie die Familie vermuten. Nach zwei Stunden hören sie Klopfgeräusche, später die Stimmen von zwei Menschen, wie Polizeisprecher Sommerauer schildert. Es dauert aber noch einmal eine kleine Ewigkeit bis die mittlerweile an die 250 Helfer von Feuerwehren, Technischem Hilfswerk, Polizei, Rotem Kreuz und Malteser Hilfsdienst die Opfer sehen können. Zuerst finden sie den beim Wohlfahrtsverband Lebenshilfe beschäftigen 45 Jahre alten Familienvater - «leider tot», wie Feuerwehrkommandant Herbert Kusstatscher sagt. Auch für die 18-jährige Tochter kommt jede Hilfe zu spät.

Die Retter graben sich zu den beiden anderen Verschütteten vor. Ein schwerer Autokran und ein Radlader müssen unverrichteter Dinge wieder abrücken. Ihr Einsatz wäre zu gefährlich, es könnten weitere Gesteinsteile auf die Opfer stürzen. Gegen 1.30 Uhr holen die Helfer den Sohn aus den Trümmern, 45 Minuten später die Mutter. Wie durch ein Wunder haben sie überlebt. Nach der medizinischen Erstversorgung können sie sagen, dass außer den vier Familienmitgliedern keine weiteren Menschen in dem Gebäude waren.

Als auch Rettungshunde nicht mehr anschlagen, wird die Suche eingestellt. Es hat in bitterkalter Nacht zu schneien begonnen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) ist noch in der Nacht an den Unglücksort gekommen. «Es ist kaum zu fassen, dass aus diesem Trümmerfeld Menschen lebend geborgen werden konnten», sagt er.

Über die Unglücksursache gibt es am Tag danach nur Spekulationen. Vom anhaltend kalten Wetter als möglichem Auslöser ist die Rede und davon, dass sich schon wiederholt kleine Gesteinsbrocken aus der Felswand gelöst hätten. Geologe von Poschinger will sich darauf nicht einlassen. Er hat gerade erst mit seinen Untersuchungen begonnen.

Nachbarin Kimmeringer musste zusammen mit ihrem Bruder und der Schwägerin die Nacht bei Verwandten verbringen, ihr ebenfalls in den Fels gebautes Haus war vorsorglich evakuiert worden. Am Dienstagmorgen durfte sie in ihr Heim zurückkehren, nachdem der Geologe die Gefahr eines weiten Felssturzes verneint hatte. Angst, dass auch sie von einem Fels erschlagen werden könnte, verspürt die 73-Jährige nicht: «Ich wurde in dem Haus schon geboren. Da geh' ich nimmer raus.»

iwe/ruk/reu/news.de/dpa
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