Fr., 25.05.12

Erdbeben 27.01.2010 «Vor uns eine Wand aus Staub»

Ararat Haydeyan (Foto)
Ararat Haydeyan Bild: news.de

Von news.de-Redakteur Christian Mathea

Naturkatastrophen wie in Haiti treffen Menschen immer wieder. Vor 22 Jahren bebte die Erde in Armenien. Ararat Haydeyan hat das Beben erlebt, geholfen, die Stadt erneut aufzubauen, und hat nun ein Denkmal für die Opfer entworfen.

Wenn Ararat Haydeyan im Fernsehen die Bilder aus Haiti sieht, kann er es fühlen; das Leid der Menschen in dem Katastrophengebiet. «Das ist sehr traurig und schmerzhaft. Auch meine Erinnerungen kommen dann wieder», sagt der heute in Elsterwerda lebende Künstler. Man spürt seine Betroffenheit.

22 Jahre vor Haiti traf das Schicksal die armenische Stadt Spitak. An einem 7. Dezember bebte die Erde mit einer Stärke von 6,9 auf der Richterskala. Offizielle Quellen sprachen von Millionen Obdachlosen und 25.000 Toten in Spitak und Umgebung. Andere Quellen gingen von deutlich höheren Zahlen aus.

25.000 Tote. Das ist nur eine Zahl. Doch der Verlust jedes Menschenlebens, das durch diese Naturgewalten ausgelöscht wurde, ist für die Hinterbliebenen bis heute unbegreiflich. Das Beben erfasste Spitak so plötzlich und zu einer Zeit, in der Schüler gerade in ihren Klassenzimmern lernten und Arbeiter an den Maschinen standen. Über ihnen die Last von tonnenschweren Betondecken, die 11.41 Uhr in sich zusammenbrachen.

Das Erdbeben dauerte weniger als eine Minute

Keine 40 Sekunden bebte die Erde. Danach war nichts mehr wie vorher. Ararat Haydeyan saß gerade mit einem Kollegen in seinem Büro. «Die Wände haben sich plötzlich bewegt, ich habe schnell nach oben geschaut, um zu sehen, ob die Betondecke herunterfällt», erzählt der 57-Jährige. Er habe keine Ahnung gehabt, was gerade um ihn herum passiert. «In so einem Moment sucht man nicht nach einer Erklärung», so Haydeyan, der schnell mit den anderen Mitarbeitern ins Freie rannte.

Dort angekommen sah er vor seinen Augen nur noch ein Meer aus gefallenen Steinen. Die mehrstöckigen Wohnhäuser an der Straße waren komplett zusammengebrochen. Von der Stadt dahinter war nichts mehr zu sehen. «Vor uns war nur noch eine weiße Wand aus Staub.»

In dieser Staubwolke befand sich sein Wohnhaus und seine Frau, die an diesem Tag zu Hause geblieben war. Das war alles, an das Ararat Hayeyan in diesem Moment denken konnte. Er rannte die große Straße entlang, bis er das Gebäude sah. Es stand zwar noch, hatte aber große Schäden davongetragen. Er lief hinein und fand seine Frau im Eingangsbereich liegend. Nach dem ersten Schock bemerkte er, dass sie unversehrt war. Ein Kleiderschrank, der seitlich über ihr lag, hatte den Aufprall der eingestürzten Zwischenwand abgefangen, so dass sie sich den Kopf nicht verletzt hatte.

Beide rannten anschließend gemeinsam die Straße zurück zum Kindergarten, von dem nur noch eine Ruine stand. Von den 140 Kindern hatten 50 überlebt, seine beiden Söhne waren darunter. Der Vierjährige hatte draußen gespielt und saß völlig verängstigt bei seiner Gruppe und versuchte, zu begreifen, was geschehen war. Der erste Anblick seines älteren Sohnes, der wie durch ein Wunder im Gebäude überlebt hatte, hat sich tief in sein Gedächtnis gebrannt: «Ich konnte es nicht fassen. Ich hatte drei Mal so großes Glück gehabt.»

Gorbatschow öffnet den Eisernen Vorhang

Am nächsten Tag brachte er seine Frau und die Kinder zu seinen Eltern in die armenische Hauptstadt Jerewan. Im Gegensatz zu vielen Überlebenden, die das Katastrophengebiet verließen und ins Ausland gingen, fuhr Haydeyan zurück. Er wollte helfen. Wenn er heute erneut entscheiden müsste, würde er anders entscheiden: «So einen Schock muss man erst einmal verarbeiten. Das ist zuviel für den Körper und für die Seele.»

Bereits einen Tag später liefen die Rettungsmaßnahmen an. Helfer aus der ganzen Welt brachten Wasser, Lebensmittel, Decken, Zelte und Baukräne, damit Einsatzkräfte mit ihren Hunden unter den Trümmern nach Überlebenden suchen konnten.

Die schnelle Hilfe war möglich, weil der damalige Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, trotz des tobenden Kalten Krieges die USA und andere Länder um Hilfe gebeten hatte. «Es war das erste Mal in der Geschichte der Sowjetunion, dass ausländische Helfer ins Land durften. Für uns war es ein großes Glück, dass sie kamen. Die Hilfsbereitschaft war extrem.»

Manchmal war es bald zu viel für einen Moment. Der kleine Flughafen konnte die vielen Maschinen kaum fassen - das gleiche Problem trifft heute Haiti. Haydeyan, der als Stadtarchitekt zu den Organisatoren der Hilfsmaßnahmen und des Wiederaufbaus zählte, musste versuchen, die vielen Helfer zu koordinieren. Jeden Morgen teilte er Russen, Italiener, Engländer und andere für Stadtteile ein, in denen sie weiter nach Überlebenden suchten.

Lesen Sie auf Seite 2, wie eine neue Stadt wuchs

Gleichzeitig plante Moskau bereits den Wiederaufbau. «Gorbatschow hat entschieden, in zwei Jahren eine komplett neue Stadt für 25.000 Menschen aufzubauen und das alte Spitak verfallen zu lassen.» In Rekordzeit wurden auf einem vier Kilometer entfernten Gelände neben der alten Stadt geologische Tests durchgeführt und die Pläne für die neue Stadt entworfen.

Mit Hilfe vieler Nationen begannen bereits im März die Baumaßarbeiten. Die Norweger errichteten ein Krankenhaus, die Finnen eine Poliklinik, die Italiener und Schweizer Wohngebiete. Auch die Deutschen bauten ein Dorf - aus Holz und Fertigteilen. Es steht bis heute und trägt den Namen Germania.

Doch die Euphorie für das neue Spitak hielt nicht lange an. Es zeigte sich schnell, dass viele Bürger ihre verfallene Wohnung nicht aufgeben wollten. «Die Menschen sind so stark verbunden mit ihrem Eigentum. Sie zogen es vor, ihre Häuser mit ihren eigenen Händen wieder aufzubauen», erzählt der Mann.

Das zweite Problem war der Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre und damit das Ende der Unterstützung durch Moskau. Hinzu kam der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan, der selbst bei der Regierung in Jerewan die Agenda neu ordnete und Spitak in Vergessenheit geraten ließ. Damals waren erst 18 Prozent der Neustadt fertig gestellt.

Die zweite Katastrophe

Es kamen die harten Jahre, kein Baumaterial, kein Brot, wenig Hoffnung für die Menschen. Für Ararat Haydeyan gab es keine Arbeit mehr. «Es war für die Stadt wie eine zweite Katastrophe. Ich habe damals den Rest meiner Kräfte gelassen», erinnert er sich.

Um einen Ausweg zu finden, verließ er seine Heimat, ging nach Westeuropa und lebte eine zeitlang bei Freunden in Österreich, die er in Spitak bei den Rettungsmaßnahmen kennengelernt hatte. Er fand seine Kraft wieder in der Kunst, arbeitete viel, gab Ausstellungen, bis er fühlte, dass ein Neuanfang möglich war. Er entschloss sich, nach Deutschland zu gehen, wo er bis heute als erfolgreicher Künstler und Architekt mit seiner Familie lebt.

Spitak hat er nie vergessen. Mit seiner ganzen Kraft unterstützt er die dortige Kunstschule mit Spenden, holt armenische Kinder in den Ferien nach Deutschland und fährt jedes Jahr nach Armenien. Spuren von dem schrecklichen Erdbeben gebe es heute kaum noch. Nachdem Armenien die Folgen des Kaukasus-Krieges überwunden habe, wurde auch das neue Spitak fertig gebaut.

Mittlerweile blühe auch die alte Stadt wieder auf.  Von der jetzigen Stadtverwaltung wurde der einstige Stadtarchitekt gebeten, ein Denkmal an das Erdbeben zu entwerfen. Das Modell ist bereits fertig: Ein Halbkreis aus auferstehenden Steinen, darin eine runde Fläche mit zwei tiefen Rissen, die von der Mitte nach außen zeigen. «Das sollen Uhrzeiger darstellen, 11.41 Uhr. Die Zeit, in der die Erde in Spitak bebte.»

seh/reu/news.de
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Kommentar  
Ihr Name
Ihre Emailadresse
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'

Erdbeben: «Vor uns eine Wand aus Staub» » Gesellschaft » Nachrichten

URL : http://www.news.de/gesellschaft/855041827/vor-uns-eine-wand-aus-staub/1/

Schlagworte:

Agenda , Ahnung , Anblick , Anfang , Arbeit , Arbeiter , Architekt , Armenien , Aserbaidschan , Aufgeben , Aufprall , Augen , Ausgelöscht , Ausland , Ausländische , Ausstellungen , Ausweg , Bau Stadt , Baumaterial , Beben , Belgien Glück , Besonderheit , Betondecke , Betroffenheit , Bewegt , Bilder , Brot , Bürger Hacker , Bürger Sportler , Büro , Christian Ahlmann , Christian Arbeit , Christian Bandurski , Christian Becker , Christian Berkel , Christian Breuer , Christian Brucia , Christian Butz , Christian Cantwell , Christian Danner , Christian Ditter , Christian Eggert , Christian Eigler , Christian Glatting , Christian Görlitz , Christian Gruber , Christian Henn , Christian Hirte , Christian Hock , Christian Hoffmann , Christian Jaletzke , Christian Jeltsch , Christian Klaue , Christian Lademann , Christian Maggio , Christian Meyer , Christian Mürau , Christian Noyer , Christian Ochsenbauer , Christian Polanc , Christian Prochnow , Christian Rahn , Christian Redmann , Christian Reichert , Christian Schacht , Christian Schönhals , Christian Schropp , Christian Schüttenkopf , Christian Schwochow , Christian Sinniger , Christian Stief , Christian Taube , Christian Taylor , Christian Theede , Christian Ude , Christian Urban , Christian Vander , Christian Vieri , Christian Wilhelmsson , Christian Wolff , Christian Zübert , Daniel Schweizer , Decken , Denkmal , Deutschen , Deutschland , Dezember , Dietmar Wunder , Dorf , Eigentum , Eingangsbereich , Einsatzkräfte , Einstige , Eisernen , Elsterwerda , Eltern , Engländer , Entscheiden , Entworfen , Erdbeben , Erde , Erfolgreicher , Erinnert , Erinnerungen , Erklärung , Erzählt , Euphorie , Fakt , Familie , Ferien , Fernsehen Anfang , Fertigteilen , FIA Tests , Finnen , Fläche , Flughafen , Folgen , Freunden , Fühlen , Fuhr , Gebäude , Gebaut , Gebeten , Gedächtnis , Gefallenen , Gegensatz , Geholfen , Gelände , Gelassen , Germania Halberstadt7133-47 , Geschichte , Gespielt , Gingen , Glück , Gorbatschow , Großes , Gruppe A-1 , Gruppe A-2 , Gruppe A-3 , Gruppe A0000 , Gruppe B-1 , Gruppe B-2 , Gruppe B-3 , Gruppe B0000 , Gruppe Boko , Gruppe C-1 , Gruppe C-2 , Gruppe C-3 , Gruppe Calle , Gruppe D-1 , Gruppe D-2 , Gruppe D-3 , Gruppe Deutschland , Gruppe Eltern , Gruppe Favorit , Gruppe Femen , Gruppe Flaschen , Gruppe Flying , Gruppe Independiente-Fans , Gruppe Japan20 , Gruppe LulzSec , Gruppe Menschen , Gruppe No-Name , Gruppe Puj , Gruppe RangLandSpieleSiegeNiederlagenKorbverhältnisPunkte1 , Gruppe Schüler , Gruppe Schwuhplattler , Gruppe Stiftung , Gruppe Trainierten , Gruppe Within , Haiti , Halbkreis , Halle Dahinter , Händen , Hannelore Kraft , Harten , Hase Erinnerungen , Hauptstadt , Hause , Häuser Behördenvertreter , Häuser Berlins , Häuser Kirchen , Häuser Spezialisten , Haydeyan , Heimat , Helfer , Henning Bürger , Hielt , Hilfe , Hilfsbereitschaft , Hilfsmaßnahmen , Hinterbliebenen , Hinzu , Hoffnung , Holz , Hunden , Italiener , Jahr , Jahre , Jahren , Kalten , Kamen , Katastrophe , Katastrophengebiet , Kennengelernt , Kilometer , Kinder , Kindergarten , Kindern , Klassenzimmern , Kleiderschrank , Kollegen , Komplett , Kopf , Körper , Kraft Anfang , Kraft Beziehungen , Kraft Klitschkos , Kräfte , Krankenhaus , Krieg , Krieges , Kunst , Künstler , Land Menschen , Land Moment , Land Stadt , Land Trotz , Land Wasser , Länder Ausnahmeregelungen , Länder Freaks , Länder Gemeinden , Lange Zeit , Last , Lebende , Lebensmittel , Lebt , Leid , Lief , Ließ , Marie Kleine , März , Maschinen , Mathea , Meer Aber , Meer Altstadt , Meer Fische , Meer Griechische , Meer Schweiz , Meer Wärmer , Menschen , Michail Gorbatschow , Michail Kalaschnikow , Michail Ledowskich , Michail Madanski , Millionen , Mitarbeitern , Mitte , Mittlerweile , Modell , Moment , Moskau , Nachdruck , Namen , Nationen , Naturgewalten , Neuanfang , Neustadt , Nicole Schweizer , Norweger , Obdachlosen , Offizielle , Organisatoren , Österreich , Österreicher , Pläne , Poliklinik , Präsident , Problem , Prozent , Quellen , Regierung , Rekordzeit , Rest , Rettungsmaßnahmen , Richterskala , Rissen , Ruine , Russen , Santiago Schüler , Schäden , Schicksal , Schmerzhaft , Schock , Schrecklichen , Schüler , Schweizer , Seele , Sekunden , Söhne , Sohnes , Sowjetunion , Spenden , Spitak , Spuren , Stadt , Stadtteile , Stadtverwaltung , Stärke , Staub , Staubwolke , Steinen , Stephanie Bürger , Straße , Tag , Tests , Tote , Toten , Trifft , Trümmern , Überlebenden , Uhr , Uhrzeiger , Unterstützung , USA Anfang , USA Anschließend , USA Dezember , USA März , USA Tests , USA Zeit , Verbunden , Verließen , Verlust , Vierjährige , Wand , Wände , Wasser , Welt , Werner Holt , Westeuropa , Wiederaufbau , Wiederaufbaus , Wohngebiete , Wohnhaus , Wohnhäuser , Wohnung , Wuchs , Wunder , Zahlen , Zeit , Zelte , Zora Holt , Zusammenbruch ,
Wir empfehlen
Anzeige
Facebook
Twitterbox
Follow Us!
Anzeige