Von news.de-Redakteur Timo Nowack
Hunderte Amputationen und kein Ende in Sicht: Nach dem Erdbeben in Haiti brauchen die Menschen Prothesen. Warum jetzt aber erstmal Physiotherapeuten gefragt sind, erklärt François De Keersmaeker, Geschäftsführer von Handicap International.
Wie ist die Lage in Haiti, was Amputationen und den Bedarf an Prothesen angeht?
De Keersmaeker: Schon jetzt sind tausend Menschen registriert, die amputiert wurden und eine Prothese brauchen. Am Ende wird die Zahl aber noch viel höher liegen. Denn es gibt 250.000 Verletzte, davon etwa 30 Prozent Schwerverletzte. Viele Leute, die sich aus den Trümmern gerettet haben, sind an den Beinen verletzt. Aber weil die gesamte Infrastruktur fehlt, konnten die meisten nicht entsprechend versorgt werden. Daher ist die Anzahl der Amputationen leider extrem hoch.
Unter welchen Umständen finden diese Amputationen statt?
De Keersmaeker: Das ist Kriegschirurgie im Moment. Auch was die Priorisierung angeht: Alle nicht offenen Brüche werden zurückgestellt. Da müssen die Leute warten. Und offene Brüche müssen meistens amputiert werden. Denn es gibt kaum Möglichkeiten, sie wieder zu schließen und gut zu versorgen. Mittlerweile haben die medizinischen Kollegen schon Lazarette, in denen sie einigermaßen gut arbeiten können. Aber letzte Woche wurde noch auf offener Straße operiert.
Mit wie vielen Amputationen rechnen Sie am Ende?
De Keersmaeker: Auf jeden Fall mit mehreren tausend. Man spricht schon von bis zu 10.000. Aber das sind Spekulationen. Und wenn die medizinische Versorgung jetzt nicht sehr schnell erfolgt, kann es sein, dass viele Leute an ganz einfachen Frakturen und offenen Wunden sterben.
Was tun Handicap International und andere Hilfsorganisationen zurzeit? Werden überhaupt schon Prothesen ausgegeben?
De Keersmaeker: Nein, dafür ist es noch zu früh. Wir haben im Moment vor allem Physiotherapeuten, die mit den Ärzten zusammenarbeiten, um sofort nach der Operation die Gliedmaßen in Bewegung zu halten. Das ist wichtig, um eine Prothesenanpassung überhaupt möglich zu machen. Denn während der Heilung der Wunde müssen das Bein und der Stumpf in Bewegung bleiben, sonst schrumpft die Muskelmasse sehr schnell und die Gelenke werden steif. Und wenn das passiert, kann man keine Prothese mehr anpassen. Außerdem muss man die Wunde pflegen, damit sie gut heilt und später nicht extreme Schmerzen bereitet. Denn auch das verhindert das Tragen einer Prothese. Deshalb werden wir erst in einem oder anderthalb Monaten mit der direkten Prothesenversorgung anfangen.
Helfen auch gebrauchte Prothesen?
De Keersmaeker: Sehr wenig. Außer wenn man Einzelteile ausschlachtet. Aber das ist in der Regel zu viel Aufwand im Verhältnis zum Nutzen. Wir haben erstmal eine Ladung provisorischer Prothesen und Prothesenmaterial nach Haiti geschickt. Damit wir die Leute schnell wieder auf die Beine stellen können und sie einigermaßen in der Lage sind zu laufen. Das sind sehr minimalistische Prothesen, denn der Stumpf entwickelt sich in der ersten Phase noch. Nach drei bis fünf Monaten hat er sich dann stabilisiert und man fängt mit der endgültigen Prothesenversorgung an, die aufwändiger ist. Aber auch die provisorischen Prothesen müssen immer vor Ort an den Patienten angepasst werden, denn die Länge ist wichtig und vor allem ist jeder Stumpf ganz unterschiedlich gestaltet.
Was kostet eine Prothese? Gibt es auch Hersteller die etwas spenden?
De Keersmaeker: Wir haben bisher von keinen Spenden gehört, aber auch nicht aktiv darum geworben. Unsere Kollegen von Handicap International Frankreich haben eine langjährige Kooperation mit einer Firma in Lyon, die sicher einen Teil zur Verfügung stellt. Und für so eine Prothese muss man schon mit ein paar hundert Euro rechnen. Natürlich sind die provisorischen billiger als die endgültigen. Und es gibt auch andere Unterschiede: Eine Unterschenkelprothese kostet weniger als die Hälfte von dem, was eine Oberschenkelprothese kostet. Aber ich würde sagen, man bewegt sich zwischen 500 und 1000 Euro. Das finanzieren wir über Spenden. Außerdem kooperieren wir mit der Stadt München, die uns ein bisschen Geld zur Verfügung stellt und auch eine Spendenaufruf macht.
Woher nehmen Sie so schnell so viele Prothesen?
De Keersmaeker: Die provisorischen Prothesen werden aus Frankreich und Deutschland importiert. Denn es gibt im Moment viele Transportmöglichkeiten. Und bei den endgültigen Prothesen muss man schauen, wie der Markt vor Ort ist. Eventuell gibt es die notwendigen Materialien auch in der Dominikanischen Republik, oder es geht schneller, sie aus den USA oder Kuba zu beziehen als aus Europa. In Haiti selbst ist im Moment auf jeden Fall gar kein Material mehr verfügbar.
François De Keersmaeker ist Geschäftsführer von Handicap International. Die Hilfsorganisation setzt sich in mehr als 60 Ländern für Menschen mit Behinderung ein, insbesondere in Kriegs- und Krisengebieten. Einen Schwerpunkt bildet das Engagement für das Verbot von Landminen und Streubomben.