Von Jan-Uwe Ronneburger
Das Erdbeben in Haiti hat mehr als 111.000 Menschen getötet und zählt damit den zerstörerischsten Naturereignissen der vergangenen 100 Jahre. Tausende Menschen müssen auf der Straße schlafen. Aber auch Restaurants machen wieder auf.
Wie das UN-Büro zur Nothilfe-Koordinierung in New York (OCHA) unter Berufung auf Haitis Regierung mitteilte, wurden bis Freitag 111.481 Leichen aus den Trümmern geborgen. Die weitere Suche nach Überlebenden erklärte die Regierung zehn Tage nach der Katastrophe für beendet.
In der Hauptstadt Port-au-Prince wurde der Erzbischof von Haiti, Joseph Serge Miot, beigesetzt. An der Trauerfeier nahm auch Präsident René Preval teil, der seit dem Beben vor elf Tagen kaum in der Öffentlichkeit erschienen war. Zugleich fand in Haiti ein Bußtag nach der Katastrophe am 12. Januar statt, die viele Menschen für eine Strafe Gottes halte.
Eine Million Flüchtlinge
Bisher war die Zahl der Toten nach dem Beben am 12. Januar auf 200.000 geschätzt worden. Insgesamt konnten die Rettungskräfte bis zum 21. Januar 132 Menschen lebend aus zerstörten Gebäuden bergen. Alle Menschen, die eine Möglichkeit hätten, die zerstörte Hauptstadt Port-au-Prince zu verlassen, wurden aufgefordert, das möglichst bald zu tun. Die Vereinten Nationen schätzten, dass etwa eine Million Überlebende aufs Land fliehen werden.
Unterdessen gab es in Lateinamerika weitere, kräftige Erdbeben: Bolivien und Costa Rica wurden am Samstag von Beben stärker als 5,0 erschüttert. Wie die US-Erdbebenbehörde USGS meldete, wurde Bolivien innerhalb von einer Stunde von zwei Beben der Stärken 5,3 und 5,2 erschüttert. Die Grenzregion von Costa Rica und Panama wurde im selben Zeitraum von zwei Beben der Stärken 5,2 sowie 4,7 heimgesucht. Berichte über Oper oder Schäden gab es zunächst nicht.
Dank der internationalen Hilfsaktionen und der unermüdlichen Arbeit tausender Helfer konnte das Leiden der bis zu drei Millionen Überlebenden etwas gelindert werden. Erstmals machten auch wieder Geldtransfer-Firmen und Banken sowie Restaurants oder ein scharf bewachter Supermarkt auf. In einigen Gegenden zog eine Art normaler Alltag wieder ein. Laut OCHA sind beispielsweise auch 30 Prozent der Tankstellen wieder in Betrieb.
Auf der Straße schlafen
Dennoch müssen noch immer Tausende auf der Straße schlafen. Die deutsche Nothilfe-Koordinatorin Anja Wolz berichtete von den Problemen der medizinischen Versorgung: «Es gibt etliche Patienten, die zwei, drei oder sogar vier Nachoperationen brauchen. Die ganze Situation ist immer noch sehr chaotisch», sagte die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. «Wir brauchen Krankengymnastik und wir brauchen vor allem auch Psychologen, die die Patienten behandeln.» Fast jedes Erdbebenopfer, das sie gesehen habe, sei traumatisiert gewesen.
Über die Koordination der Hilfe wollen am Sonntag und Montag mehr als 20 Länder im kanadischen Montreal diskutieren. Zu der Krisenkonferenz reist US-Außenministerin Hillary Clinton an, auch ihr französischer Kollege Bernard Kouchner will kommen. Um eine Konferenz der Geberländer, die möglicherweise im März stattfinden soll, vorzubereiten, werden auch Vertreter der Vereinten Nationen, der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) sowie von 21 weiteren Staaten erwartet. Boykottiert wird das Treffen in Montreal von den Staatschefs aus Venezuela, Bolivien und Nicaragua, die den USA zu starke militärische Präsenz in dem Karibikstaat vorwerfen.
Carla Bruni-Sarkozy empfängt 33 Kinder aus Haiti
Unterdessen empfing die französische Präsidentengattin Carla Bruni-Sarkozy in Paris 33 Kinder aus Haiti, die von französischen Eltern adoptiert werden sollen. Das UN-Kinderhilfswerks Unicef warnte jedoch dringend vor den zwar gut gemeinten, aber für die Kinder äußerst zweifelhaften Auslandsadoptionen. «Alle Hilfsorganisationen sind sich einig, dass man die Kinder in ihrer Umgebung lassen soll. Helft ihnen, aber tut es da, wo sie sind», sagte ein Unicef-Mitarbeiter.
Mit einer großen Spendengala haben Stars vor allem aus den USA mehrere Millionen Dollar für die Opfer des Erdbebens gesammelt. Die Fernseh-Show, die weltweit und selbst in den USA gleich auf mehreren Kanälen übertragen wurde, kam live aus Los Angeles, New York und London. Moderiert von George Clooney und dem aus Haiti stammende Musiker Wyclef Jean, sangen Musiker für die Überlebenden der Naturkatastrophe. «Wer das Beben überlebt hat, ist noch nicht gerettet», sagte Clooney. Wieviel Geld die Gala genau gebracht hat, war am Samstag noch unklar.
Die Bundesregierung stockte ihre Hilfe für Haiti weiter auf. Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) stellte weitere fünf Millionen Euro bereit, wie er der Zeitung Welt am Sonntag sagte. Insgesamt erhöht die Bundesregierung damit die bilaterale Hilfe für Haiti auf 15 Millionen Euro. Darüber hinaus ist die Regierung an den EU-Hilfen aus Brüssel mit rund 66 Millionen Euro beteiligt und unterstützt zusätzlich das von der Weltbank angekündigte Engagement in Höhe von insgesamt 100 Millionen US-Dollar (70 Millionen Euro).
Trost durch Hilfe
Bei einem Trauergottesdienst am Freitag in der Berliner Sankt-Hedwigs-Kathedrale zum Gedenken an die Erdbebenopfer sprach Haitis Botschafter in Deutschland, Jean-Robert Saget, vom Trost, den die Hilfe aus Deutschland und der ganzen Welt für sein Land bedeute. «Ebenso möchte ich meine große Dankbarkeit gegenüber der internationalen Gemeinschaft für deren unablässige Bereitschaft zur Hilfeleistung erneut zum Ausdruck bringen», sagte Saget laut einer Mitteilung der Botschaft.