Von Franz Smets
In Haiti entwickelt sich das Verteilen von Lebensmitteln zu einer heiklen Aufgabe. In einigen Fällen kommt es zu Gewalt, Hilfsbedürftige gehen leer aus. Es gilt das Recht des Stärkeren.
Seit Tagen ruft die notleidende Bevölkerung in Port-au-Prince nach Essen. «Wir haben Hunger. Helft uns! Wir brauchen Essen», steht auf Bettlaken geschrieben, die vor den Straßenlagern der Obdachlosen hängen. Die Menschen betteln immer häufiger Passanten an. Sie leiden an Hunger, ihre Vorräte gehen zur Neige. Neun Tage nach dem verheerenden Erdbeben haben internationale Hilfsorganisationen begonnen, Lebensmitteln im größeren Stil zu verteilen. Doch auch bei der Ausgabe stoßen sie auf ungeahnte Schwierigkeiten. In einigen Fällen kam es dabei zu Gewalt.
«Am Anfang lief alles gut», berichtet Simone Pott von der Deutschen Welthungerhilfe. Doch dann entwickelte sich das Ganze zu einer heiklen Situation, die dazu führte, dass viele, für die die Lebensmittel bestimmt gewesen waren, nichts abbekamen. Dabei war die Aktion auf dem Gelände einer Schule sorgfältig vorbereitet worden.
Lebensmittel für 6000 Menschen
«Wir wussten, dass es schwierig sein würde, Lebensmittel zu verteilen», sagte Michael Kühn, der Chef der Welthungerhilfe in Haiti. Die Lebensmittel waren für 6000 Menschen eines Camps bestimmt. Am Vortag hatten die Helfer Plastikarmbänder an ein Komitee verteilt, um die Berechtigten kenntlich zu machen.
Als die Lastwagen vorfuhren, warteten die Menschen geduldig und friedlich in einer langen Schlange. Sechs UN-Soldaten und vier haitianische Polizisten sicherten die Lebensmittelverteilung ab. Das war zu wenig. Denn bald entstand von hinten großer Druck. Etwa 200 kräftige junge Männer drängten sich nach vorne. Die Sicherheitskräfte waren zu schwach um zu verhindern, was folgte.
Mit Gewalt brachten sich die Männer in den Besitz größerer Mengen von Reis, Bohnen und Salz. Sie fielen regelrecht über die Lastwagen her, stiegen auf die Dächer und raubten die Lebensmittel direkt von den Ladeflächen. Die Schwächeren in der Menschenschlange - Frauen, Kinder und Alte - sahen dem bedrohlichen Szenario entmutigt zu. Am Rande beobachteten haitianische Augenzeugen das Ganze fassungslos und sagten, sie schämten sich für dieses Verhalten ihrer Landsleute.
«Wir hatten die Wahl, unter nicht optimalen Bedingungen mit der Verteilung zu beginnen, oder es sein zu lassen», sagte Kühn später. «Wegen des Bedarfs der Bevölkerung haben wir verteilt.» Rüdiger Ehrler vom Nothilfeteam aus Deutschland, der die Verteilung organisiert hatte, fügte hinzu: «Wenige kriminelle Menschen können eine gut vorbereitete Verteilung sabotieren.»
Das Recht des Stärkeren
Es war die erste Lebensmittelverteilung seit dem Erdbeben am vergangenen Dienstag, das die haitianische Hauptstadt in eine Trümmerwüste verwandelt und Hunderttausende obdach- und mittellos gemacht hatte. Als Test hatten die Deutschen am Vortag Wasser an derselben Stelle verteilt. Alles war gut gegangen. Denn im Unterschied zu Reis ist Wasser keine Mangel- und auch keine Handelsware.
Drei Lastwagen mit Reis sowie Bohnen, Öl und Salz waren aus der Dominikanischen Republik gekommen. Bereits das war nicht ohne Hindernisse verlaufen: Die Fahrer, Dominikaner, wollten nicht über die Grenze nach Haiti fahren. Sie hatten Angst.
Die Hilfsorganisationen hatten zuvor bedacht und wohl auch befürchtet, dass es bei der Verteilung zu Gewaltausbrüchen kommen könnte. Alle Abgabestellen werden deshalb von UN-Soldaten und haitianischen Polizisten gesichert - manchmal ohne Erfolg.
Die Welthungerhilfe suchte lange nach einem geeigneten Ort, um bei der Aktion mögliche Ausschreitungen auszuschließen. Sie entschied sich für das Gelände einer weitgehend zerstörten Schule. Doch als es soweit war, kam es dennoch zu den tumultartigen Szenen. «Es galt brutal das Recht des Stärkeren», sagte ein Augenzeuge. «Am Ende gingen die Schwachen leer aus.»
voc/iwe/ivb/news.de/dpa