Fr., 25.05.12

Massengräber in Haiti 21.01.2010 «Es ist ein ständiger Albtraum»

Massengräber in Haiti (Foto)
Der Arm eines Toten ragt aus einem Massengrab in Haiti: Zigtausende Erdbebenopfer werden auf diese entwürdigende Weise beigesetzt, um Seuchen zu vermeiden. Bild: ap

Von Paul Haven

In Haiti werden inzwischen bis zu 10.000 Erdbebenopfer pro Tag in Massengräbern beigesetzt. Mit den drastischen Maßnahmen wollen die Behörden verhindern, dass die Zahl der rund 200.000 Toten durch Seuchen noch rasant steigt.

Arme und Beine ragen aus den kalkweißen Haufen hervor, Gliedmaßen von Männern, Frauen und Kindern, im Tod erstarrt. In den grünen Hügeln nördlich von Port-au-Prince, hoch über der türkisblauen Karibik, liegen Zehntausende Erdbebenopfer in Massengräbern, anonym und ohne große Umstände verscharrt. Und jeden Tag kommen weitere Tote hinzu.

«Allein gestern habe ich 10.000 Leichen bekommen», berichtet Foultone Fequiert. Der 38-Jährige arbeitet mit einem Bulldozer an einem der Gräber und hat sich ein T-Shirt vors Gesicht gebunden, doch das hilft wenig gegen den überwältigenden Verwesungsgeruch. «Ich habe so viele Kinder gesehen, so viele Kinder. Nachts kann ich nicht schlafen, und wenn doch, ist es ein ständiger Albtraum.»

Alle Welt dringt darauf, eine Identifizierung der Toten zu ermöglichen und sie in flachen Gräbern zu bestatten, damit die Angehörigen sie vielleicht einmal umbetten können. Doch dafür ist einfach keine Zeit, sagen die Arbeiter, und es hat wohl auch keinen Sinn. «Wir kippen sie einfach rein und schütten es zu», erklärt Luckner Clerzier, der ankommende Lastwagen zu einem anderen Grab die Straße hinauf dirigiert.

«Einfach zu viele»

«Wenn wir Fotos von ihnen machen würden, könnte sie sowieso niemand wiedererkennen», sagt er und deutet auf einen Berg aufgetriebener Körper in der heißen Mittagssonne. Ringsherum ragen Hände und Füße aus der Erde, sein Schatten fällt auf die sterblichen Überreste eines Kleinkinds. Die Arbeiter hätten sich alle Mühe gegeben, die Toten vollständig zu bedecken, sagt Clerzier, aber es sei schlicht unmöglich. «Es sind einfach zu viele.»

An Clerziers Arbeitsplatz sind 15 Grabhügel zu sehen, jeder vier, fünf Meter hoch. Sie erheben sich über breite Gräben, die noch einmal sieben bis acht Meter tief ausgehoben wurden. An dem größeren Massengrab, wo Fequiert arbeitet, heben drei Baumaschinen lange Gräben für die nächste Ladung aus. Wohin bloß mit so vielen Toten? Fequiert deutet auf den Boden: «Sie liegen überall unter unseren Füßen.»

In Titanyen sind früher schon Tote bestattet worden, um die sich keiner kümmerte. Unmöglich festzustellen, wie viele Erdbebenopfer hier und in den Hügeln ringsum liegen. Nach Angaben der haitischen Regierung sind bereits rund 80.000 der schätzungsweise 200.000 Toten beerdigt.

Hauptfriedhof überfüllt

Die Massengräber sind sehr umstritten. Experten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz raten, zu den Leichen ein Formular auszufüllen, damit die Angehörigen sie später identifizieren können und wissen, wo sie begraben liegen. Dazu müssten Kleidung, Schmuck und besondere Merkmale fotografiert sowie Fundort und Begräbnisort notiert werden, erklärt ein Sprecher.

Geistliche - sowohl katholische wie auch Voodoo-Priester - kritisieren die Praxis ebenfalls, weil sie den haitischen Glaubensvorstellungen zuwiderlaufe. «Ich finde es entwürdigend. Es ist unanständig und unmenschlich», empört sich Max Beauvoir, Leiter der wichtigsten Vereinigung von Voodoo-Priestern.

Die Behörden beteuern, dass sie die Bedenken ernst nähmen, aber einfach keine andere Wahl hätten, als die unzähligen Toten schnellstmöglich unter die Erde zu bringen. Am Hauptfriedhof der Stadt hing bald nach dem Beben ein Hinweis: «Wir sind voll. Wie nehmen keine Toten mehr auf.»

«Gott wird sie zu sich nehmen»

Clerzier ist eigentlich Fischer aus einem Dorf in der Nähe und hat einen Bruder, einen Cousin und zwei kleine Kinder bei dem Beben verloren. Er sei seiner grauenvollen Arbeit gegenüber abgestumpft, sagt er. Aber wenn er von seinem persönlichen Verlust berichtet, schnürt es ihm die Kehle zu. «Mein Junge war neun, und er sah aus wie ich», sagt Clerzier. «Ich habe ihn immer von der Schule abgeholt und bin mit ihm dort drüben ans Meer schwimmen gegangen. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass diese Felder einmal voller Leichen sein würden.»

Noch habe sich kein Priester sehen lassen, um die namenlosen Toten in Titanyen zu segnen - eine Schande, findet Clerzier. Er glaube aber, dass der Herrgott ein Nachsehen haben werde. «Sie sind jetzt sowieso im Himmel», sagt er. «Gott hat das geschehen lassen, also wird Gott sie auch zu sich nehmen.»

car/ivb/news.de/ap
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