Fr., 25.05.12

Neues Beben 20.01.2010 Haiti kommt nicht zur Ruhe

Schwieriger Nachschub (Foto)
Die Versorgung der Haitianer wird noch schwieriger. Bild: ap

Von Helmut Reuter

Nach den neuen Erdstößen sind die Rettungsarbeiten noch schwieriger geworden - dabei ist Hilfe dringender nötig denn je.

Angst und Panik in Haiti: Acht Tage nach dem Jahrhundertbeben haben erneut massive Erdstöße das Karibikland erschüttert. Sie erreichten nach Angaben der US- Erdbebenwarte die Stärke 6,1. Das Zentrum lag in knapp zehn Kilometern Tiefe rund 60 Kilometer westsüdwestlich der in Trümmern liegenden Hauptstadt Port-au-Prince. Angaben über Opfer und weitere Schäden gab es zunächst nicht. Die Menschen gerieten in Panik. «Ich bin immer noch unter Schock und habe immer noch Gänsehaut», sagte Katja Lewinsky von der Johanniter-Unfall-Hilfe am Telefon. «Wir sind teilweise in Schlafsachen hinausgerannt.»

Rettungsmannschaften und Uno berichten weiter von katastrophalen Zuständen, aber auch ersten Fortschritten und Hilfsbereitschaft bei der Versorgung der notleidenden Bevölkerung. Die schrecklichen Bilder der Katastrophe haben weltweit eine riesige Spendenwelle ausgelöst. In Deutschland brachte die Spendengala von ZDF und Bild-Zeitung am Dienstagabend mehr als 20 Millionen Euro ein. Die deutsche Fußball- Nationalmannschaft spendete 150.000 Euro. Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigte eine Aufstockung der deutschen Soforthilfe für das UN-Welternährungsprogramm um 2,5 Millionen auf 10 Millionen Euro an.

Das neue Beben überraschte viele Menschen um 6.03 Uhr (Ortszeit) im Schlaf. Diejenigen, deren Häuser noch standen, seien verängstigt auf die Straßen gelaufen, sagte der dpa-Korrespondent in Port-au-Prince. «Es hat zunächst ein stärkeres Beben und dann einen schwächeren Erdstoß gegeben. Das hat nur etwa zehn Sekunden gedauert.» Die Koordinatorin der Organisation «Help - Hilfe zur Selbsthilfe», Janina Niemietz, berichtete aus Petionville, einem Stadtteil von Port-au-Prince, dass die Menschen dort schreiend auf die Straße gelaufen seien. «Überall gehen Sirenen. Aber ich kann nichts über Schäden oder mögliche Opfer sagen.»

Häuser schwanken, beschädigte stürzen ein

US-Journalisten berichteten von schwankenden Häusern. Nach anderen Angaben sollen in Port-au-Prince vom ersten Beben bereits beschädigte Häuser nun ganz eingestürzt sein. Das neue Beben dürfte die Arbeiten der tausenden internationalen Rettungskräfte weiter erschweren, die mitten im Chaos auch mehr als eine Woche nach der Katastrophe in den Trümmern nach überlebenden Verschütteten suchen. Bisher konnten laut Uno mehr als 100 Menschen lebend aus den Trümmern geborgen werden. Erst am Dienstag gelang es deutschen und mexikanischen Rettern, eine Frau lebend aus den Trümmern der zerstörten Kathedrale von Port-au- Prince zu ziehen. Unter den Trümmern lägen weitere Überlebende.

Nach südafrikanischen Medienangaben gelang es Rettern aus dem Kapstaat und Mexiko am Dienstag zudem, zwei ältere Frauen lebend aus dem Trümmern eines zerstörten Krankenhauses in Port-au-Prince zu bergen. Spezialisten der südafrikanischen Organisation «Gift of the Givers» hätten zunächst eine 60-jährige Frau und dann gemeinsam mit mexikanischen Hilfskräften eine 67-jährige Frau lebendig aus dem völlig zerstörten Gebäude befreit, meldete die Cape Times.

Bereits unmittelbar nach dem ersten Beben vom vergangenen Dienstag mit einer Stärke von 7,0 hatten mehrere heftige Nachbeben mit einer Stärke von über 5,0 Haiti erschüttert. Die Regierung befürchtet, dass bei der Katastrophe bis zu 200.000 Menschen ums Leben kamen. Mehr als 72.000 Tote wurden schon aus den Trümmern gezogen. In Port-au- Prince und Umgebung halten sich mittlerweile tausende internationale Helfer und Soldaten auf, darunter auch deutsche Rettungsmannschaften.

Zentrum des Bebens nahe der Trümmerstadt Jacmel

Das Zentrum des Nachbebens lag etwa 22 Kilometer nördlich der Hafenstadt Jacmel, die nach Berichten von Katastrophenhelfern vom ersten Erdbeben am vergangenen Dienstag zur Hälfte zerstört wurde. Haitis Botschafter Jean Robert Saget hatte bereits am Wochenende gesagt: «Jacmel ist kaputt, viele Häuser liegen in Trümmern.» In der 35.000-Einwohner-Stadt sind 5000 Menschen laut Hilfsorganisationen in Notlagern untergebracht, die meisten lebten aber auf der Straße. Mindestens 1300 Häuser und sieben Schulen seien zerstört, 1200 Gebäude und vier Schulen schwer beschädigt.

Marc Rösen vom Rettungsteam der Hilfsorganisation I.S.A.R. Germany, sagte, nach den neuen Erdstößen gebe es keine Informationen über die Lage, weder in der Hauptstadt noch im Bereich des Epizentrums. «Es hat hier ordentlich gewackelt», sagte Rösen, der sich in Port-au-Prince aufhält. Die im Lager der Vereinten Nationen versammelten Rettungsteams berieten über das weitere Vorgehen. Ein Team von I.S.A.R. Germany sei bereit zur Abfahrt in das Gebiet des Epizentrums. Wegen der schlechten Straßenverhältnisse sei es aber schwierig, dorthin zu kommen.

Ungeachtet der neuen Erdstöße treffen in dem Katastrophengebiet immer mehr internationale Helfer und Soldaten ein. Hunderte weitere US-Marines wurden in dem Land erwartet. Die Vereinten Nationen stocken ihr Haiti-Kontingent um 3500 Blauhelmsoldaten und Polizisten auf. Damit werden bald mehr als 12.500 Uno-Ordnungskräfte im Land sein. Auch die USA wollen mehr als 10.000 Soldaten in Haiti stationieren. Die genaue Anzahl der internationalen Helfer ist nicht bekannt. Die Uno bemüht sich aber weiter um eine Koordinierung.

Angst um die Kinder in Haiti

Besonders besorgt sind viele Organisation um das Wohl der Kinder. «Viele Kinder sind völlig orientierungslos und traumatisiert», sagte der Geschäftsführer des christlichen Kinderhilfswerks «Unsere kleinen Brüder und Schwestern», Heiko Seeger, in Karlsruhe. «Wir befürchten, dass es jetzt wieder mehr Fälle von Kinderhandel geben wird.» Gerade in jüngster Zeit sei der Kinderhandel zurückgegangen, nachdem er vor drei oder vier Jahren einen Höhepunkt erreicht hatte, sagte Seeger. Seine Organisation ist in Haiti mit etwa 500 überwiegend einheimischen Mitarbeitern vertreten.

Der Vertreter der deutschen Kindernothilfe in Haiti, Alinx Jean-Baptiste, sagte, es müsse schnell ein spezielles Programm für die Kinder entwickelt werden. «Denn bei einer Lebensmittelabgabe sind es nur die Starken, die etwas bekommen, und die Kinder werden beiseitegeschoben.» Bisher würden nur wenig Wasser und Lebensmittel verteilt: «Es ist eine dramatische Situation. Wenn wir nicht in zwei Wochen zur Normalität zurückkehren, kommt es, so befürchte ich, zu Unruhen, weil Kinder verhungern könnten.»

Lichtblicke im Elend: Fünf Babys geboren

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Ärzte der Hilfsorganisation humedica halfen im privaten Krankenhaus «Espoir» (Hoffnung) in Port-au-Prince bei der Geburt von fünf Babys. «Den Müttern und Kindern geht es gut», sagte ein Sprecher der Organisation mit Sitz in Kaufbeuren. Bereits am Freitag hatten zwei Ärzteteams von humedica das weitgehend erhaltene Krankenhaus übernommen. Sie behandeln schwere Verletzungen wie Quetschungen und Knochenbrüche und müssen auch Amputationen durchführen.

che/seh/hav/nbr/news.de/dpa
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