Fr., 25.05.12

Wasserfußabdruck 15.01.2010 Die Spartaste hilft nicht gegen Dürre

Dürre Kenia (Foto)
Bis aus einem Rind Fleisch wird, fließt sehr viel Wasser. Besonders dramatisch ist das in wasserarmen Ländern. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Wir sind Meister im Wassersparen, graben aber beim Anziehen der Türkei das Wasser ab und Indien, wenn wir Joghurt essen. Warum wir rein gar nichts gegen Dürre tun, wenn wir mit wenig Wasser die Toilette spülen, erklärt unser Wasserfußabdruck.

«Ich bemerke, dass ich selbst auch Spuren hinterlasse, jeden Tag zum Beispiel mit der Kaffeetasse.» Das sangen Die Sterne 1999. Vielleicht ahnten sie damals schon, wie recht sie mit dieser belanglosen Wahrheit hatten. Welch weitreichende Spuren wir mit unserer Tasse Kaffee tatsächlich in der Welt hinterlassen, hat jedoch erst drei Jahre später der Niederländer Arjen Hoekstra publik gemacht.

Vor allem dachte er sich 2002 einen griffigen Namen aus für sein Projekt, das die Mechanismen der Globalisierung offenlegt: Wasserfußabdruck nennt er die Spur, die jedes Produkt, jeder Mensch oder jedes Land durch den Verbrauch von Wasser in der Welt hinterlässt. Wer eine Tasse Kaffee trinkt, verbraucht dabei demnach 140 Liter Wasser - für Anbau und Verarbeitung der Kaffeebohnen in, beispielsweise, Brasilien.

«Es geht nicht nur darum, wie viel Wasser, sondern auch, in welchem Land und wie das Wasser entnommen wird», erklärt Martin Geiger, Süßwasserexperte bei der Umweltschutzorganisation WWF. «Kaffee wird im Regenfeldbau angebaut, daher ist weniger der Anbau, sondern eher die Verarbeitung problematisch, weil dafür blaues Wasser verwendet wird», erklärt er die Details des globalen Dilemmas.

Für den virtuellen Wasserverbrauch, auf dem der Fußabdruck basiert, geht Hoekstras Water Footprint Network von drei verschiedenen Wassertypen aus: Grünes Wasser ist Regenwasser, das Pflanzen sich aus dem Boden ziehen - ein natürlicher und unproblematischer Vorgang. Negative Konsequenzen kann jedoch die übermäßige Entnahme von blauem Wasser haben, denn damit ist die Nutzung von Grund- oder Oberflächenwasser für industrielle oder private Zwecke gemeint. Grau ist Wasser dann, wenn es verschmutzt wird.

«Wo kommt das Produkt her, welche Materialien wurden verwendet, welche Zusatzstoffe oder Futtermittel und wo kommen die wiederum her» - Martin Geiger schickt uns schon vor dem Frühstück gedanklich kreuz und quer über den Globus. Die Baumwolle für den Schlafanzug komme zum Beispiel aus Usbekistan, wo der Aralsee schrumpft, oder aus der Türkei. Dort werden 90 Prozent der Felder noch immer komplett geflutet, um die Pflanzen zu bewässern. Gleiches gilt für Mandeln und Nüsse, die wir in unser gesundes Müsli werfen. Wer Rindfleisch aus Argentinien isst, muss bedenken, dass jedes Tier im Schnitt 1300 Kilo Getreide vertilgt hat, 7200 Kilo Rohfutter und dazu auch noch 24 Kubikmeter Wasser getrunken. Macht nach den Berechnungen des Networks 15.500 Liter Wasser pro Kilo Rindfleisch.

159,5 Milliarden Kubikmeter Wasser passen in den jährlichen Fußabdruck Deutschlands, das ist dreimal der Bodensee, wovon täglich 25 Badewannen oder 5288 Liter auf jeden Einzelnen entfallen. Damit liegen wir im Pro-Kopf-Verbrauch zwar über dem weltweiten Durchschnitt, aber genau in der Mitte zwischen sparsameren Briten und verschwenderischen Franzosen und verbrauchen immerhin ein Drittel weniger als die Spanier, die nur von den US-Amerikanern knapp übertroffen werden. Einen sehr kleinen Fußabdruck hinterlässt China mit weniger als der Hälfte des deutschen Verbrauchs.

Wasser sparen können wir uns sparen

Geradezu lächerlich erscheint im Vergleich dazu die Wassermenge, die wir jeden Tag über die Spartaste der Toilettenspülung zurückhalten. «Wir sind mittlerweile bei einem Wasserverbrauch pro Kopf und Tag von 123 Litern. Das ist mit der niedrigste in Europa», sagt ein Sprecher des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Der direkte Wasserverbrauch ist in Deutschland kein Problem. «Wenn ich gefragt werde, empfehle ich zwar weiterhin, Wasser zu sparen, weil es ja auch einen gewissen Energieaufwand bedeutet. Aber wir fordern nicht mehr aktiv dazu auf», meint Umweltschützer Martin Geiger.

Für die Wasserwerke ist der Spardrang sogar kontraproduktiv. Denn in den 1970er Jahren wurde ein wesentlich höherer Wasserverbrauch vorhergesagt. So sind die Rohre heute völlig überdimensioniert. «Viele Wasserversorger müssen ihre Leitungen und Kanäle durchspülen, denn sonst entstehen Ablagerungen, die die Leitungen angreifen. Ohne die Spülung mit Wasser müssten die Rohre früher ersetzt werden», erklärt der BDEW-Sprecher. Zusätzliche Kosten, die auch wieder auf den Verbraucher umgelegt werden.

Auch der BDEW empfiehlt, lieber seinen eigenen Wasserfußabdruck zu verfolgen, als sich weiter direkt im Wassersparen zu üben. Denn hierzulande füge man der Umwelt keinen Schaden zu, wenn man Wasser gebrauche. «Durch Wassersparen lösen wir nicht die Trockenheitsprobleme anderer Länder», betont der Sprecher.

Die Hälfte des deutschen Wasserfußabdrucks geht auf Kosten anderer Länder. Und dabei geht es nicht nur um Lebensmittel. «Wenn wir einen Ehering aus Gold tragen, spielt das viele Wasser eine Rolle, das zum Ausschwemmen der Erde genutzt wird. Zudem gelangen viele Zyanide ins Wasser, die das Gold aus dem Gestein lösen. Wir haben also eine hohe Blau- und eine hohe Grauwassernutzung», erklärt Martin Geiger. «Im Auto, im Computer, überall ist Wasser drin.»

Katastrophal wirken sich unsere Joghurtdeckel zum Beispiel im indischen Orissa aus, wo die Aluminiumproduktion boomt. Dort hätten mehr Minen eine Genehmigung, als überhaupt Wasser zur Verfügung stehe, sagt der Süßwasserexperte. Aber er hat auch positive Beispiele auf Lager. «Wenn Wasser knapp ist, aber gut gemanagt wird, ist das okay. In Ägypten wird der Bioanbau hocheffizient tröpfchenbewässert. Das geht.»

Genauso funktioniere es auch in Israel - «aber dort zapfen sie den Palästinensern das Wasser ab und vergeben dafür in den besetzten Gebieten keine Lizenzen mehr für Wasserentnahme.» Der Griff nach der Biomöhre reicht also nicht aus, um unser globales Gewissen zu beruhigen.

car/news.de
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