Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Diaita heißt eigentlich Lebensweise. Doch der Drang zum immer dünneren Körper hat der antiken Idee die Philosophie geklaut und blankes Abnehmen daraus gemacht. News.de zeigt, wie es zum Kulturverfall der Diät kommen konnte.
Man könnte meinen, alles beruhe auf einem Hörfehler. Denn eigentlich geht es nicht um Gewicht, sondern ums Gleichgewicht. Diäten sind nicht etwa ein Auswuchs unserer zeitgenössischen Fixierung auf Äußerlichkeiten, sondern ein Konzept der Antike: Diaita heißt zu Deutsch Lebensweise. Dabei stand für die alten Griechen jedoch nicht die simple Subtraktion von Kilos im Mittelpunkt, nein, der Diätetik liegt das komplizierte System der Temperamentenlehre zugrunde. Diaita war damit nicht die Lebensweise für Jedermann, sondern ein Oberschichten-Phänomen.
«Es bedeutet richtige, also ausgewogene Ernährung. Die vier Flüssigkeiten im Menschen, schwarze Galle, gelbe Galle, Blut und Schleim bestimmen die Temperamente Phlegmatiker, Sanguiniker, Choleriker und Melancholiker. Jeder Mensch ist daraus zusammengesetzt, und sie müssen im Gleichgewicht sein», umreißt Geschichtsprofessor Lothar Kolmer die Lehre. Professor Kolmer kann es sich leisten, über Diäten zu forschen. Er hat in Salzburg sogar ein eigenes Institut für die Kulturgeschichte der Ernährung aufgebaut, das Zentrum für Gastrosophie, in dem Historiker, Soziologen und Kulturwissenschaftler zusammenarbeiten.
Recht brach liegt das Feld, auf dem sie ackern. Denn Diät, soviel ist klar, ist in der Wissenschaft kein Lorbeeren-Thema. «Es ist ein Riesenforschungsgebiet, auf dem noch fast nichts getan wurde. Es gilt als trivial und ist für jüngere Kollegen kein Bereich, in dem sie leicht Punkte sammeln können für die Karriere», räumt Kolmer ein. Dabei sei es hochkomplex und nicht minder brisant: «Ich sage immer, keine Herrschaft funktioniert ohne Essen.»
Unzweifelhaft sei, dass die Entwicklung der Diätetik eng mit der der Medizin verwoben ist – nicht umsonst kochen wir noch heute nach Rezept. Ganzheitlich war der Ansatz, «bis ins 19. Jahrhundert hinein hatten wir ein ganz ähnliches System wie die chinesische Medizin, das auch im arabischen Kulturkreis verbreitet ist. Wir vermuten, dass es eine gemeinsame Wurzel gibt, die im Orient liegt», erklärt der Historiker.
Von Quantität über Qualität zum Manager
Um sich dem modernen Diätbegriff im Spannungsfeld zwischen dick und dünn zu nähern, schlägt Lothar Kolmar die Wandlung des gesellschaftlichen Körperbildes vor. Als die Nahrungsmittel noch knapp waren, sei allein Quantität das Kriterium gewesen. Die Macht hatte, wer über die Ressourcen bestimmte. «Der König musste auch einen mächtigen Körper haben», bringt es Kolmer auf den Punkt. Den Wandel zur Qualität brachte im 19. Jahrhundert die Industrialisierung und damit die Möglichkeit, zu wählen, was man isst. Und die Mächtigen entdeckten damit die Attraktivität der Schlankheit: «Es ist bekannt, dass schon die allseits beliebte Sissi Diäten durchgeführt hat», erzählt der Hamburger Professor für Ernährungspsychologie, Joachim Westenhöfer.
Für Lothar Kolmer ist der Gegenentwurf zum dicken König heute der durchtrainierte Manager, der die Börsenkurse am Morgen vom Laufband aus verfolgt. Modell dafür stehe der Kriegertyp, der seit dem Anfang des ersten Weltkriegs ein neues Ideal geprägt habe: «Schlank und fit musste er sein, was sich in den 1920er Jahren auch bei den Frauen durchsetzte. Dann kamen wieder entbehrungsreiche Zeiten und damit der Typ Monroe mit etwas mehr Fleisch dran.» Übergewicht ist für Kolmer seitdem ein Zeichen der Ohnmacht in den gesellschaftlichen Unterschichten.
Diät und Essstörungen gehen Hand in Hand
Warum Armut heutzutage eher mit Über- als mit Untergewicht einhergeht, sei noch nicht befriedigend gelöst, meint Joachim Westenhöfer. «Eine These ist jedoch, dass Lebensmittel mit hoher Energiedichte durch Fett und Zucker billiger sind als solche mit geringerer Energiedichte», erklärt er. Der Drang zum schlanken Körper hingegen zeige sich mit zunehmendem Wohlstand: «Der Boom ist zwischen 1958 und 1978 entstanden. Man kann sehen, wie sich das Schlankheitsideal verändert hat, wenn man die Entwicklung der Playmate- und Miss-America-Bewegungen anschaut.» Immer dünner wurden sie, mit einem deutlichen Ausschlag in der Kurve 1968, als das magersüchtige Modell Twiggi den Minirock präsentierte. Zwischen 1978 und 1980 dann sei zum ersten Mal die Ess-Brechsucht Bulimia Nervosa als Phänomen festgestellt worden.
Nahtlos geht Joachim Westenhöfer vom Stichwort Diät zur Magersucht über. «Wenn Menschen anfangen, ihr Essverhalten einzuschränken und eine rigide Kontrolle ausüben, provoziert das Essstörungen», erklärt er.
Wie sehr Maßstäbe von außen das Essverhalten beeinflussen, zeige die Studie einer englischen Kollegin. Sie hat auf den Fidschi-Inseln die Einführung des Fernsehens begleitet und festgestellt, dass damit bei den Frauen erst der Gedanke aufkam, dass man das Körpergewicht beeinflussen könnte, indem man die Ernährung manipuliert.
«Sinnlos» findet auch Lothar Kolmer Diäten: «Übergewicht ist ein Problem, aber der Rest sind gesellschaftliche Körpermodelle. Der BMI zum Beispiel ist auch so eine dieser künstlichen Vorgaben, ein Idealgewicht ist für viele biologisch gar nicht zu schaffen. Wichtig ist eine ausgewogene Ernährung, Bewegung, nicht rauchen», meint er, und Westenhöfer fügt noch das Wie der Ernährung hinzu: «Dass man nicht im Stehen ist, sondern auch eine Esskultur pflegt.»
iwe/news.de
aussagen des typs dieses nachtrags (twiggy habe gegessen wie ein scheunendrescher) erzeugen ja gerade den schlankheitswahn. normal gebaute frauen erliegen ihm und werden unglücklich, weil sie einem ideal nicht entsprechen können. - aber warum sollten sie eigentlich? - man stelle sich vor, sie seien mit sich zufrieden. dann kauften sie womöglich keine teuren produkte mehr und entwickelten obszön ein gesundes selbstbewusstsein? wenn auch der schlankheitswahn inzwischen auf die männerwelt überschwappte, so prägte doch einst die weisheit: "emanzipation? männer machen karriere, frauen diät."
jetzt antwortenKommentar meldenDie oben stehende Bemerkung ...als das magersüchtige Modell Twiggi den Minirock präsentierte" verbreiten Sie die Unwahrheit. Wie Twiggi selbst vor wenigen Monaten bei "news.de" berichtete, habe Sie - laut ihrer Aussage - "damals gegessen wie ein Scheunendrescher." Ihre Aussage sollte auf Ihrer "Homepage" korrigiert werden. Eine offizielle Entschuldigung bei Twiggi wäre ebenfalls angebracht, vielleicht sogar, um vorzugreifen!
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