Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Wer sich derzeit Abhängen nähert, muss aufpassen, keinen Schlitten in die Kniekehlen zu bekommen. Wer mitmachen will, guckt jedoch in die Röhre. Rodel sind ausverkauft und Schneeschieber gibt es auch nicht mehr. Warum gerade jetzt, wo wir sie brauchen?
Christiane Görnert hat den Mangel vorausgesehen. Sie und ihre Tochter mussten schon ohne Schlitten durch den letzten Winter kommen, deshalb ist sie in diesem Jahr kein Risiko eingegangen und hat die Großeltern frühzeitig über den Weihnachtswunsch der Kleinen in Kenntnis gesetzt: ein Schlitten, und nicht irgendeiner. Mit einem handgefertigten Holzrodel aus der Region sausen die beiden jetzt den kleinen Hügel im Leipziger Johannapark runter.
1000 Meter Luftlinie entfernt, im Intersport in der Innenstadt, manifestiert sich der Mangel. Hinten rechts im Laden stehen zwar alpine Ski, aber schon über dem Preisschild für Bindungen liegt nichts im Regal, Langlaufski sind auch aus, und von Schlitten keine Spur. Ungefähr zehnmal pro Stunde wird Sven Herrmann nach diesen Artikeln gefragt. Auch bei Kinderschneekleidung müssen er und seine Kollegen passen. «Die Einkäufer haben mit den Wintersachen abgeschlossen und sind froh, dass sie das Lager frei haben», sagt Herrmann.
Anstatt große Vorräte für einen eventuellen Wintereinbruch anzulegen, hielten die Unternehmen das Angebot lieber moderat, erklärt der Verkäufer. Alles andere wäre ein Risiko, sind doch die Lagerungskosten letztlich höher als der Umsatzausfall durch die nicht zu befriedigende Nachfrage. Und überhaupt - im Januar denkt niemand mehr an Winterprodukte – außer vielleicht die Kunden. «Seit Oktober haben wir die Ware da, aber da hat sich keiner eingekleidet, weil das Wetter so mild war. Jetzt ging ja früher schon der Winterschlussverkauf los», springt ihm eine Kollegin bei. Alpinskibedarf gebe es noch – nur eben nichts mehr fürs Flachland. Immerhin, für morgen hat der Schlittenhersteller noch eine Lieferung angekündigt.
Das haben sie im Obi-Baumarkt letzte Woche schon zu hören bekommen. Eingetroffen sind bisher allerdings keine. Dafür soll es hier morgen wieder Schneeschieber geben. Doch der Mitarbeiter an der Information glaubt es selbst nicht so ganz und gibt lieber ein Kärtchen raus: «Rufen Sie vorsichtshalber vorher an», rät er. Als der Winter über Autos, Fußwege und Höfe herfiel, waren die 500 bestellten Schaufeln plötzlich heiß begehrt. «Deutschland ist vermutlich schneeschieberleer», ulkt der Mitarbeiter.
Den Einwand, dass doch jedes Jahr Winter sei, lässt er gelten: «Wir richten uns bei der Bestellung nach den Verkaufszahlen vom letzten Jahr und bestellen noch ein paar mehr», erklärt er die Routine, die in diesem Jahr versagt hat. Wenn dann der Bedarf unerwartet in die Höhe schnellt, grasen die Einkäufer die Hersteller ab und die ihre Lager. «Deshalb haben wir dann auch Firmen, die keiner kennt», erklärt Sven Herrmann von Intersport. Und die Kinder, die nicht so fürsorgliche Mütter haben wie Christiane Görnert, müssen sich mit den harten «Po-Rutschern» aus Plastik begnügen – die sind bei Obi auch für morgen angekündigt.
Der Klassiker kommt aus Davos
Im Park gibt es jede Menge Schlitten – nur eben nicht zu kaufen. «Davos» steht auf den meisten Holzrodeln. Das ist kein heimisches Produkt, sondern der Klassiker aus der Schweiz. Die Suche nach dem traditionellen Schlittenhersteller «Davos» jedoch bleibt erfolglos. «Die Marke gibt es nicht und gab es auch noch nie. Wir sind Dutzende von Herstellern und fertigen alle Schlitten nach der Davos-Bauart», erklärt Erwin Dreier. Seine Firma Davos Graf Holzwaren AG baut den Klassiker, wie es ihn seit 1880 gibt: Die «zwei Holzböckli, wo die Leisten von oben her aufgeschraubt werden», entdeckten damals die ersten Wintersportler in dem berühmten Schweizer Luftkurort.
Wer so einen traditionell gefertigten Schlitten kaufen möchte, hat nicht mit Engpässen zu kämpfen. 4000 fertigt Dreiers Unternehmen jedes Jahr, und sie sind noch zu haben, auch in Deutschland oder im Internet. In der Schweiz steht die Rodelherstellung auf soliden Füßen, macht Dreier deutlich. Mit 140 bis 200 Euro sind seine Rutschuntersätze keine Schnäppchen, halten dann aber auch ein Leben lang. «Die Schweizer haben ein anderes Bewusstsein, da sind wir auch im höheren Preissegment relativ erfolgreich. Wenn man oft zum Rodeln geht, brauchen Sie ein Gerät, das was aushält. Wir haben hier Rodelbahnen, die sind zehn Kilometer lang», betont der Fachmann.
Was so einen guten Schlitten ausmache? «Na, er sollte gut rutschen.» 30 Millimeter breit und drei Millimeter dick ist das Eisen unter seinen Holzrodeln. Solide. «Bei den meisten deutschen ist es Bandstahl, oval gewalzt, 16 mal 0,5 Millimeter», vergleicht Erwin Dreier. «Das läuft dann einfach nicht – aber wenn alle denselben haben, merkt es ja keiner.»
iwe/news.de
Unglaublich. Die Schneemassen sind verglichen mit guten Wintern von vergangen Jahren ja ein Witz und Schneeschieber/-schaufeln gehören zur Grundausstattung eines jeden Haushaltes. Nicht zuletzt desswegen, weil man vielerorts die Pflicht hat, Gewege oder die Zugänge zum Briefkasten zu räumen. Es spiegelt aber leider unsere sensibilisierte Gesellschaft wieder, die schon wegen einem "normalen" Winter wie er sein sollte in Panik gerät. Natürlich machts nen Unterschied ob man als Einheimischer aus Höhenlagen kommt oder nicht, aber an solchen Orten geht das Leben doch auch fast ganz normal weiter.
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