Beistand für muslimische Patienten
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Von Diana Wild
Artikel vom 09.01.2010
Schwerkranken Muslimen beistehen - andersgläubige Seelsorger kommen da schnell an ihre Grenzen. Deshalb lassen sich in einem Pilotprojekt 36 Muslime bundesweit zu ehrenamtlichen Krankenhausseelsorgern ausbilden.
Vor jeder Begegnung mit einem Patienten ist Berrin Eroglu ein wenig nervös. «Jedes Gespräch ist für mich eine Herausforderung», sagt die 30-Jährige. Bislang war das Flaue-Magen-Gefühl allerdings stets unbegründet. Eroglu hatte in den vergangenen Monaten stets gute Gespräche mit den Patienten, die sie einmal pro Woche im Stuttgarter Katharinenhospital besucht. Sie konnte Schwerkranken beistehen, sie beraten oder auf Wunsch mit ihnen beten.
Die türkischstämmige Frau ist eine von bundesweit 36 Muslimen, die derzeit eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Krankenhausseelsorger absolvieren. Das Pilotprojekt soll speziell Muslime dafür schulen, Ansprechpartner für Patienten ihrer Religion zu sein.
Dabei «kommt nicht jemand mit dem Koran unter dem Arm», sagt Alfred Miess vom Institut für deutsch-türkische Integrationsstudien in Mannheim, das das Pilotprojekt anbietet. Es gehe um die «psychosoziale Versorgung» von Patienten. Menschen mit dem eigenen kulturellen Hintergrund könnten sich dabei viel besser «hineindenken und -fühlen». So hätten Muslime etwa ein stärker ausgeprägtes Schamgefühl als viele Christen sowie ein anderes Verständnis von Krankheit, schildert Miess.
Das Pilotprojekt ist zugleich eine Kooperation mit der christlichen Kirche: Die Evangelische Akademie der Pfalz ist Partner bei der Ausbildung. Die Grundstruktur wurde der langjährigen christlichen Seelsorge-Ausbildung entlehnt. Katholische oder evangelische Theologen sind häufig Referenten bei den Schulungen.
Eroglu, die eigentlich in einer Personalabteilung arbeitet, steht ihren Patienten manchmal auch als Übersetzerin zur Verfügung. Zudem spricht sie viel mit ihnen; anfangs meist über die schwere Krankheit an sich. «In dem Gespräch schweift es dann auch ab ins Private», berichtet die Frau. Die Menschen erzählen ihr häufig sehr persönliche Dinge. Gebetet hat Eroglu bislang nur mit einer Patientin, bei der sie das Bedürfnis spürte. Es sei «sehr emotional geworden», erzählt sie. Sie habe der Patientin das Gefühl vermitteln können, nicht alleine zu sein. «Das war ein sehr schöner Moment.»
Einige von Eroglus Patienten haben keine Angehörigen. Ihr Beistand wurde aber auch schon von Patienten gewünscht, die neben der eigenen Familie einen neutralen Ansprechpartner wollten. Dieses Bedürfnis kennt die 30-Jährige aus eigener Erfahrung. «Mein Vater ist schwer krank», berichtet sie. Sie selbst übernahm die Vermittlerrolle zu den Ärzten - durch die Angst um den Vater selbst Betroffene der schweren Krankheit.
Als Eroglu zu Hause von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit berichtete, machten sich die Eltern zunächst Sorgen, dass sich die Tochter zu sehr belastet. Nun sind sie stolz. «Eine Belastung ist es zum Glück nicht», sagt Eroglu. «Ich bin gerne für einen Menschen da, der Kummer hat.» Ihre Arbeit im Krankenhaus empfindet sie als Bereicherung.
Ihre Erfahrungen teilt Eroglu mit der evangelischen Krankenhauspfarrerin Rose Kallenberg am Katharinenhospital. Die Frauen reflektieren Eroglus Gespräche. Kallenberg vermittelt meist auch die muslimischen Patienten an Eroglu. Der Bedarf sei groß, sagt die Pfarrerin. Die Ehrenamtlichen könnten - bei einer deutlichen Ausweitung des Projekts - eine Lücke füllen. Allerdings wünscht sie sich in der Ausbildung, die aus mehreren Blöcken von Wochenend-Schulungen besteht, viel mehr Praxiserfahrung. «Nicht jeder ist so ein Naturtalent wie Frau Eroglu», sagt Kallenberg.
Die letzten Schulungen der Pilot-Klasse stehen im Frühjahr an. Anschließend soll das Projekt bewertet werden, um über eine Fortführung zu entscheiden. Miess hält eine Ausweitung für wahrscheinlich. Dann allerdings könnte das Ehrenamt umbenannt werden, da der Begriff «Seelsorge» sehr stark mit dem christlichen Glauben assoziiert wird.
iwe/iwi/news.de/ddp
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