Fr., 25.05.12

Nach Amoklauf 29.12.2009 Waffensterben in Winnenden

57.000 Waffen in Baden-Wuerttemberg abgegeben (Foto)
Im Ofen des Kampfmittelbeseitigungsdienstes wird den Waffen der Garaus gemacht. Bild: ddp

Von Caroline Wadenka

Schlummert im Schlafzimmerschrank ein Mordinstrument? Der Amoklauf in Winnenden hat Waffenbesitzer aufgeschreckt - und sie haben sich von ihren Schießeisen getrennt. Fünfmal so viele Waffen wie im Vorjahr wurden in Baden-Württemberg abgegeben.

Clemens Homoth-Kuhs ist wirklich kein Waffennarr. Dennoch freut er sich sehr über die 57.000 Pistolen, Messer und Gewehre, die in diesem Jahr beim Regierungspräsidium Stuttgart eingetrudelt sind.

Schon das ganze Jahr über beobachtet er, dass die Baden-Württemberger so viele Waffen abgeben wie nie zuvor. Im Vorjahr fielen lediglich 11.250 Waffen an. Doch der Anlass für das verstärkte Sicherheitsbewusstsein im Ländle könnte tragischer nicht sein: Im März hatte der 17-jährige Tim K. bei einem Amoklauf in Winnenden sich und weitere 15 Menschen getötet.

Wie ein bleierner Schatten liege der Amoklauf nach wie vor auf den Bürgern, beschreibt Landrat Johannes Fuchs die Situation rund neun Monate nach der Tat. Die Appelle zur Waffenrückgabe haben die Menschen in der Umgebung von Winnenden besonders zum Nachdenken gebracht. Viele ehemalige Jäger und Schützen hätten sich klar gemacht, dass sie ihre Waffen nicht mehr brauchen und entschieden, die potenzielle Gefahr durch deren Abgabe und anschließende Vernichtung zu beenden, erklärt der Landrat.

Je näher an Winnenden, desto mehr Waffen werden zurückgegeben

Persönlich bewegt habe ihn die Geschichte eines früheren Sportschützen, dessen Enkelin mit einem der Opfer des Amoklaufs befreundet war. «Die Nachricht vom Tod des jungen Mädchens hat ihn so erschüttert, dass er wenige Tage nach dem 11. März seinen privaten Waffenbesitz aufgegeben hat», berichtet Fuchs. Knapp 2500 Pistolen und Gewehre kamen zusammen, im Jahr 2008 waren es 166 gewesen. Laut Fuchs sind damit im Rems-Murr-Kreis bundesweit die meisten Waffen zurückgegeben worden. Der Bestand an legalen Waffen ist damit in diesem Jahr um ein Viertel zurückgegangen. Für Fuchs kein rein symbolischer Akt, sondern ein tatsächlicher Beitrag zu mehr Sicherheit.

Je näher ein Ort an Winnenden liegt, desto höher scheint die Bereitschaft gewesen zu sein, die Waffen abzugeben, berichtet Homoth-Kuhs vom Regierungspräsidium Stuttgart. «Der Eindruck von Winnenden ist im Großraum Stuttgart am größten», sagt er. In weiter entfernten Landkreisen wie dem Ostalbkreis lägen die Abgaben nur im zweistelligen Bereich.

Bei 300 Grad unschädlich gemacht

Beeindruckende 92 Tonnen Altwaffen haben die Bürger im Südwesten bei den Waffenbehörden abgegeben. Die sechs Mitarbeiter beim Kampfmittelbeseitigungsdienst im ehemaligen Munitionslager Rohrerpfad arbeiten auf Hochtouren. Zunächst katalogisieren sie die Waffen, denn es muss bei jedem Stück nachvollziehbar sein, was damit geschah. Danach werden die Gewehre, Messer, Revolver und Wurfsterne in einem Ofen bei zwischen 200 und 400 Grad funktionsuntüchtig gemacht. Das übrige Metall wird an ein Stahlwerk verkauft, das daraus dann Stahl für die Bauindustrie macht.

Angesichts der großen Menge an aussortierten Waffen stößt der Dienst in diesem Jahr an seine Grenzen. «Ein Problem ist, dass die Kapazität der Öfen begrenzt ist», erläutert Homoth-Kuhs. Auch stehe nicht beliebig viel Lagerraum auf dem Hochsicherheitsgelände in Sindelfingen zur Verfügung. Er rechnet damit, dass es noch bis zum Frühjahr dauert, bis alle abgegebenen Waffen vernichtet sind.

Homoth-Kuhs kalkuliert, dass etwa 6000 der 57.000 Waffen als illegal einzustufen sind und dank der Amnestieregelung abgegeben wurden. Hintergrund der Amnestie ist die von der Bundesregierung beschlossene Verschärfung des Waffenrechts nach Winnenden. Demnach können illegale Waffen straffrei noch bis Ende des Jahres abgegeben werden. Wer nach Ende der Amnestie am 1. Januar 2010 noch eine illegale Waffe besitzt, muss laut Gesetz mit Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren rechnen. Insgesamt wurden in Deutschland in diesem Jahr mehr als 120.000 Waffen abgegeben.

iwi/iwe/news.de/ddp
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