Sa., 04.02.12

Schausteller Das fahrende Volk fährt und fährt

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Artikel vom 26.12.2009

Sie machen Kinderbücher bunt und lassen Großeltern wieder Kind werden: Jahrmärkte sind ein Quell für glänzende Augen. Und werden es auch weiter sein, sagt Helmut Gels, Vorsitzender des Schaustellerbundes. Denn sie entwickeln sich am Puls der Zeit.
 

Wie geht es den Schaustellern in Deutschland?

Gels: Am Ende der Saison sind sie erstmal ausgepowert, das ist der physische Effekt. Psychisch ist sicherlich die Zukunftsplanung eine große Belastung, wobei wir feststellen können, dass wir noch einmal mit einem nicht ganz so großen blauen Auge aus der wirtschaftlichen Situation herausgekommen zu sein scheinen.

Wie haben Sie das gemacht?

Gels: Zum einen sind die Besucherzahlen seit Jahrzehnten stabil geblieben, um die 180 Millionen kalkulieren wir in diesem Jahr für das gesamte Gewerbe über die 12.500 Volksfeste verteilt. Das rührt daher, dass viele in diesem Jahr ihr gesamtes Freizeitverhalten neu geordnet haben, nicht in Urlaub gefahren sind, sondern das Vergnügen vor der Haustür gesucht haben. Das Ausgabeverhalten war entsprechend: Mittel, die nicht ausgegeben wurden, sind großzügiger bei dem kleinen Vergnügen aufgewendet worden, so dass wir im Großen und Ganzen profitiert haben. Beim Umsatz haben wir eine leichte Tendenz in den positiven Bereich.

Welche Bedeutung haben die Weihnachtsmärkte für das Gewerbe?

Gels: Sie sind inzwischen eines der wichtigsten Standbeine und stellen fast die Hälfte des Einkommens für die beteiligten Unternehmen. In den vergangenen Jahren haben sie teilweise die schlechte Saison kompensiert.

Weihnachten funktioniert also immer?

Gels: Die Gesellschaft hat sich verändert, aber in der emotionsgeladenen Weihnachtszeit lassen sich selbst diejenigen, die ansonsten mit Emotionen nicht viel am Hut haben, gerne in den Sog ziehen. Gerade in einer immer kälter werdenden Gesellschaft, wo jeder eher Individualist ist, sucht man bei solchen Gelegenheiten die Nähe der anderen intensiv.

Wie viele Familien leben in Deutschland noch das Schaustellerleben?

Gels: Wir vertreten zirka 5000, ich gehe insgesamt von gut 7000 Unternehmen aus. Das sind Profis, die seit Jahrtausenden mit dem Geschäft betraut sind, das über Generationen weitervermittelt worden ist.

Seit Jahrtausenden sagen Sie – wie hat sich die Rolle der Schausteller gewandelt?

Gels: Viele Städte und Gemeinden verdanken ihren Ursprung dem Vergnügen um die Märkte herum. Daraus entwickelte sich ein Gemeinwesen, und das sind heute die Wurzeln vieler Städte und Gemeinden. Dem hat jüngst das Bundesverwaltungsgericht Rechnung getragen und festgestellt, dass Volksfeste zur Daseinsvorsorge von Städten und Gemeinden gehören. Sie müssen im Bestand erhalten werden, weil mit ihnen traditionelle, soziale und kulturelle Aspekte verbunden sind. Diese offizielle Bestätigung ist uns eine große Hilfestellung. Die Tradition muss sich aber auch den veränderten Voraussetzungen stellen, um zu überleben. Wir hatten eine Zeit, wo das Jugendliche im Vordergrund stand, immer höher, immer schneller, immer verrückter. Heute gibt es die Besinnung auf das traditionell Familiäre, man sagt, Sammelpunkt aller Generationen. Wir kommen zurück zum Ursprung als Sammelplatz der Bereiche eines gemeinschaftlichen Lebens.

Traditionell umweht das fahrende Volk ein Zauber. Was daran ist Realität?

Gels: Ich komme selbst nicht aus diesem Bereich und hatte auch immer diese Vorstellung, die man typischerweise vom fahrenden Volke hat. Aber das ist mitnichten so. Meine Erfahrungen sind die, dass es sich nicht unterscheidet von den notwendigen Anforderungen, die man auch an einen Handwerks- oder Industriebetrieb stellt.

Nichtsdestotrotz bleiben Schausteller aber doch das fahrende Volk.

Gels: Diese besondere Lebensform gehört natürlich auch heute noch dazu. Sie ist auch der Problembereich in vielen Überlegungen, wo wir versuchen, Veränderungen zu erzielen, zum Beispiel im Bildungsbereich. Aber in der Realität ist es ein knallhartes Geschäft, in dem es um Wettbewerb geht, mit denselben Anforderungen, die sich für jedes andere Unternehmen stellen.

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