Fr., 25.05.12

Schausteller 26.12.2009 Das fahrende Volk fährt und fährt

Karussell (Foto)
Schausteller zwischen vorgestern und morgen. Bild: ddp

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Sie machen Kinderbücher bunt und lassen Großeltern wieder Kind werden: Jahrmärkte sind ein Quell für glänzende Augen. Und werden es auch weiter sein, sagt Helmut Gels, Vorsitzender des Schaustellerbundes. Denn sie entwickeln sich am Puls der Zeit.
 

Wie geht es den Schaustellern in Deutschland?

Gels: Am Ende der Saison sind sie erstmal ausgepowert, das ist der physische Effekt. Psychisch ist sicherlich die Zukunftsplanung eine große Belastung, wobei wir feststellen können, dass wir noch einmal mit einem nicht ganz so großen blauen Auge aus der wirtschaftlichen Situation herausgekommen zu sein scheinen.

Wie haben Sie das gemacht?

Gels: Zum einen sind die Besucherzahlen seit Jahrzehnten stabil geblieben, um die 180 Millionen kalkulieren wir in diesem Jahr für das gesamte Gewerbe über die 12.500 Volksfeste verteilt. Das rührt daher, dass viele in diesem Jahr ihr gesamtes Freizeitverhalten neu geordnet haben, nicht in Urlaub gefahren sind, sondern das Vergnügen vor der Haustür gesucht haben. Das Ausgabeverhalten war entsprechend: Mittel, die nicht ausgegeben wurden, sind großzügiger bei dem kleinen Vergnügen aufgewendet worden, so dass wir im Großen und Ganzen profitiert haben. Beim Umsatz haben wir eine leichte Tendenz in den positiven Bereich.

Welche Bedeutung haben die Weihnachtsmärkte für das Gewerbe?

Gels: Sie sind inzwischen eines der wichtigsten Standbeine und stellen fast die Hälfte des Einkommens für die beteiligten Unternehmen. In den vergangenen Jahren haben sie teilweise die schlechte Saison kompensiert.

Weihnachten funktioniert also immer?

Gels: Die Gesellschaft hat sich verändert, aber in der emotionsgeladenen Weihnachtszeit lassen sich selbst diejenigen, die ansonsten mit Emotionen nicht viel am Hut haben, gerne in den Sog ziehen. Gerade in einer immer kälter werdenden Gesellschaft, wo jeder eher Individualist ist, sucht man bei solchen Gelegenheiten die Nähe der anderen intensiv.

Wie viele Familien leben in Deutschland noch das Schaustellerleben?

Gels: Wir vertreten zirka 5000, ich gehe insgesamt von gut 7000 Unternehmen aus. Das sind Profis, die seit Jahrtausenden mit dem Geschäft betraut sind, das über Generationen weitervermittelt worden ist.

Seit Jahrtausenden sagen Sie – wie hat sich die Rolle der Schausteller gewandelt?

Gels: Viele Städte und Gemeinden verdanken ihren Ursprung dem Vergnügen um die Märkte herum. Daraus entwickelte sich ein Gemeinwesen, und das sind heute die Wurzeln vieler Städte und Gemeinden. Dem hat jüngst das Bundesverwaltungsgericht Rechnung getragen und festgestellt, dass Volksfeste zur Daseinsvorsorge von Städten und Gemeinden gehören. Sie müssen im Bestand erhalten werden, weil mit ihnen traditionelle, soziale und kulturelle Aspekte verbunden sind. Diese offizielle Bestätigung ist uns eine große Hilfestellung. Die Tradition muss sich aber auch den veränderten Voraussetzungen stellen, um zu überleben. Wir hatten eine Zeit, wo das Jugendliche im Vordergrund stand, immer höher, immer schneller, immer verrückter. Heute gibt es die Besinnung auf das traditionell Familiäre, man sagt, Sammelpunkt aller Generationen. Wir kommen zurück zum Ursprung als Sammelplatz der Bereiche eines gemeinschaftlichen Lebens.

Traditionell umweht das fahrende Volk ein Zauber. Was daran ist Realität?

Gels: Ich komme selbst nicht aus diesem Bereich und hatte auch immer diese Vorstellung, die man typischerweise vom fahrenden Volke hat. Aber das ist mitnichten so. Meine Erfahrungen sind die, dass es sich nicht unterscheidet von den notwendigen Anforderungen, die man auch an einen Handwerks- oder Industriebetrieb stellt.

Nichtsdestotrotz bleiben Schausteller aber doch das fahrende Volk.

Gels: Diese besondere Lebensform gehört natürlich auch heute noch dazu. Sie ist auch der Problembereich in vielen Überlegungen, wo wir versuchen, Veränderungen zu erzielen, zum Beispiel im Bildungsbereich. Aber in der Realität ist es ein knallhartes Geschäft, in dem es um Wettbewerb geht, mit denselben Anforderungen, die sich für jedes andere Unternehmen stellen.

Lesen Sie auf Seite 2, wie die Bildung für den Schausteller-Nachwuchs gesichert werden soll

Sie haben die Bildung angesprochen. Wie kann man den Kindern und Jugendlichen Stabilität geben?

Gels: Das ist natürlich eine Herausforderung, denn ohne Bildung läuft heute nichts mehr. Da auch die Anforderungen der Unternehmen sich geändert haben, sind wir dabei, neue Maßstäbe zu setzen. Wir haben mit verschiedenen Bezirksregierungen Konzepte entwickelt, wie unser Lars-Projekt: Das bedeutet «Lernen auf Reisen Schule», ein Projekt, das den Schülern über den Computer die Möglichkeit einräumt, auf Reisen permanent in Kontakt mit dem Lehrer der Stammschule zu sein und auch über Webcam im visuellen Kontakt mit Lehrern stehen zu können. Der Lehrer begleitet sein Kind, auch wenn es in ganz Deutschland und Europa unterwegs ist. Auch der jeweilige Stützpunktschullehrer, kann so mit dem Stammlehrer kommunizieren. So sind die Kinder nicht mehr komplett auf sich gestellt.

Was ist nach der Schule? Die jungen Leute sind bisher ja einfach in ihren Betrieb hineingewachsen.

Gels: Wir entwickeln gerade einen Ausbildungsberuf, denn die Familien, die das traditionell über Jahrhunderte machen, können heute nicht mehr sagen, das mache ich auch die nächsten Jahrhunderte - die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind andere. Deswegen müssen wir den Jugendlichen, die sich heute noch dafür entscheiden, eine Perspektive vermitteln. In dem Ausbildungsberuf sollen sie Qualifikationen vermittelt bekommen, die sie gegebenenfalls auch in einem anderen Bereich einsetzen können. Dieser Prozess ist nicht einfach, denn es gibt eine sehr große Tradition in Unternehmen, die sagen, das haben wir schon über Jahrtausende so gemacht, und jetzt brauchen wir nicht jemanden, der uns von außen sagt, was wir zu tun haben. Aber auch da hat ein Umdenken stattgefunden, Gott sei Dank.

Wie wird der neue Beruf aussehen?

Gels: Ich könnte mir vorstellen, dass man den Reise-Gewerbekaufmann oder -frau entwickelt, der die wirtschaftlichen und technischen Anforderungen für dieses Gewerbe aufnimmt. Wer mehr im Verkauf ist, wird mehr auf den Kaufmann, wer Fahrgeschäfte bedient, auf den Techniker fokussiert sein. Bisher waren die Kinder durch Learning by Doing sicherlich auch hervorragend ausgebildet, aber das kann ich sehr schwer vermitteln, wenn ich keine Nachweise haben. Im Wesentlichen geht es darum, eine Qualifizierung zu besitzen, die ich nach außen tragen kann.

Springen viele junge Leute inzwischen in die Sesshaftigkeit ab?

Gels: Ich bekomme in vielen Gesprächen mit, dass sie sagen, «ich würd's zwar gerne machen, aber ich seh' im Moment keine Perspektiven, weil der Markt das nicht hergibt». Wir haben eine Übersättigung, weil Familien sich weiterentwickelt haben, ist auch ein großes Angebot da. Und im Rahmen des Wettbewerbs muss man schon fragen, ist das noch eine lukrative Marktlücke. Da setzt es für mich als Berufsverband an, Perspektiven zu entwickeln, zu sagen, «okay, versuch es». Aber wenn es nicht klappt, stehen sie nicht auf der Straße mit nichts in den Händen.

Geben viele Familien auf?

Gels: Früher war es so, dass die Familien miteinander so verbunden waren, dass der eine den anderen getragen hat. Inzwischen ist für alle die wirtschaftliche Situation schwieriger geworden, so dass wir schon den ein oder anderen Ausfall feststellen müssen.

Denken Sie, dass sich die Familienstruktur halten wird?

Gels: In der Mehrheit sind es noch die typischen Familien, aber auch da findet eine Veränderung statt. Trotz aller kultureller und traditionell-sozialer Ansprüche ist es doch auch ein Markt, und es gibt die ein oder anderen privaten Betreiber, die von außen eingestiegen sind. Das sind Entwicklungen, die muss man als Herausforderung annehmen. Trotz aller Alleinstellungsmerkmale ist es etwas, wo wir eigentlich hinwollen: zur Normalität. Weg vom Exotischen, hin zum Normalen.

Aber das Nomadeleben wird doch immer etwas Besonderes bleiben.

Gels: Auch das ist in unserer mobiler Gesellschaft nicht mehr so ungewöhnlich. Wenn ich allein meine Lebenssituation betrachte, ich bin die Woche über hier in Berlin und am Wochenende in meinem Heimatort, obwohl ich als Jurist oder jetzt Geschäftsführer kein fahrendes Volk bin. Und das gilt eigentlich für jeden, wenn man heute auf Dauer seine Position sichern will oder auf Montage ist, muss man mobil sein.

kat/news.de
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