So., 12.02.12

Mentoringprogramm «Keiner kann untergehen»

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann

Artikel vom 21.12.2009

Die Bologna-Reform hat es Studenten schwerer gemacht, ihr Studium zu absolvieren. Das Risiko, unter Lernlast und Prüfungsdruck eine Bruchlandung hinzulegen, ist deutlich gestiegen. Doch die Hochschulen steuern immer stärker gegen.

Eine dieser Hochschulen, die am «Zukunftskonzept Lehre» feilt, ist die RWTH Aachen. Zwar kann auch dort nicht jedes Problem ad hoc aus der Welt geschafft werden. Doch zumindest hat die Hochschule ein Sicherheitsnetz für ihre Studenten eingerichtet: ein Mentoringprogramm. Damit sollen schwächelnde wie starke Studenten die nötige Förderung bekommen.

Die Fakultäten für Bauingenieurwesen und Maschinenbau praktizieren das Programm bereits. «Wir nutzen verschiedene Wege, um unseren Studenten unter die Arme zu greifen», sagt Professor Heribert Nacken, Studiendekan der Fakultät III. Zunächst bekomme jeder Studierende im Bauingenieurswesen einen Professor als persönlichen Ansprechpartner und werde einer Mentorengruppe zugeorndet. Dazu gehörten 15 bis 20 Studenten, die zu Studienbeginn informiert würden, was auf sie zukomme und wie das Studium organisiert sei.

Ein notwendiger Aspekt, meint Nacken: «Vielen Studierenden fällt die Umstellung zwischen Uni und Schule schwer. Manche sind einfach schlecht vorbereitet. Ihnen können wir auf diese Weise eine Hand reichen.» Das soll den Studenten zeigen: Sie sind keine Aktennummer.

Jan Bielak erlebt das seit dem zweiten Semester mit: «Unser Professor hat uns eingeladen, ihn bei dem Treffen mit Fragen zu bombardieren. Beim ersten Mal ist allerdings nichts daraus geworden. Ich war als einziger anwesend.» Der zweite Anlauf sei dagegen geglückt. «Das hat uns die Chance gegeben, mit dem Professor die Probleme zu besprechen. Und davon gab es eine Menge, weil wir der erste Bachelorstudiengang waren», erinnert sich der Student im Gespräch mit news.de.

Die Kritik der Studenten hat gewirkt

Der Workflow war unorganisiert, die Lehrveranstaltungen seien mit Creditpoints bewertet worden, die den Arbeitsaufwand nicht widerspiegelten: «Drei Punkte sollten 90 Stunden Arbeit aufwiegen, die Prüfungen waren gehäuft und lagen zu eng beieinander», blickt der angehende Bauingenieur zurück. Das sei nun entzerrt worden. Statt zwei Prüfungen gibt es nur noch eine pro Semester.

Der Aachener Studiendekan ist überzeugt von dem Programm. Nach zwei, drei Semestern seien die Studenten angekommen und so gut selbstorganisiert, dass kaum noch jemand auf das Programm zurückgreife. «Das zeigt uns: Der Einstieg ist gelungen», betont Nacken. Zugleich aber hat die Hochschule ein Werkzeug, um Qualitätsmanagement zu betreiben.

Im Gespräch bleiben Lehrende und Hochschüler auch darüber hinaus. «Wir tracken den Erfolg der Studierenden. Das heißt, der Studiendekan und der Geschäftsführer der Fakultät verfügen über eine Liste mit den Leistungen aller Studenten.» Das biete die Chance, den besten zehn Prozent persönlich zu ihren Erfolgen zu gratulieren und sie auf Stipendienmöglichkeiten aufmerksam zu machen.

Davon hat auch Bielak profitiert. «Der Brief kam mit Vorankündigung, war also keine Überraschung», berichtet der Student. «Aber es hat mich gefreut, dass mal von guten Leistungen Notiz genommen wurde. Insbesondere wenn das Schreiben vom Studiendekan selbst kommt.»

Bielak hält diesen Weg für einen Schritt in die richtige Richtung. Es sei zwar wichtig, die leistungsschwächeren Studenten zu unterstützen. Aber die guten Studenten dürften darüber hinaus nicht vergessen werden. «Irgendwo muss auch deutlich werden, dass sich anzustrengen lohnt», meint der künftige Bauingenieur.

Helfende Hand für die Durchhänger

Wer hingegen eine gewisse Anzahl von Credit Points nicht erreicht, wird zum Gespräch geladen. «Wir konfrontieren die Studenten deutlich mit ihren Schwierigkeiten, nach dem Motto ‹Wir sehen, was ihr nicht schafft›. Aber das ist nicht als Kritik gedacht, sondern als Hilfe», betont der Studiendekan. «Wir wollen, dass keiner untergehen kann.»

Das findet auch in der Studentenschaft Zuspruch. «Wenn die Mentoren die Leistungen im Blick haben, fällt nicht erst vor dem dritten Prüfungsanlauf auf, dass jemand in Schwierigkeiten ist. Bei uns in Aachen werden die Leute durch das Programm schon so früh an die Hand genommen, dass man noch rechtzeitig umsteuern kann», lobt Jan Bielak.

Dabei sind es häufig die gleichen Probleme, denen Studiendekan Nacken begegnet. Mancher Student tue zu wenig für seine Ausbildung. Andere hätte grundsätzliche Probleme in Mathe oder Mechanik. Andererseits seien Defizite in den Lehrveranstaltung nicht auszuschließen. «Solche Hinweise nehmen wir ernst, notieren Positives wie Negatives und besprechen das mit den betroffenen Kollegen», erklärt Ingenieurhydrologie. Das soll dabei helfen, Veränderungen im System anzustoßen. Nacken weiß: «Es gibt extremen Bedarf, an den Hochschulen umzustrukturieren.»

Hundertprozentig ist das Programm trotzdem nicht. «Wir erreichen etwa 75 Prozent der Betroffenen. Die übrigen nehmen das Hilfsangebot nicht an. Warum, das wissen wir nicht.» Vielleicht, so vermutet der Dozent, können diese Studenten nicht damit umgehen, direkt auf ihre Schwierigkeiten angesprochen zu werden. Dabei sollen gerade die Gruppengespräche, zu denen die Studierenden eingeladen werden, deutlich machen, dass sie nicht allein dastehen. «Hier ließe sich also auch prima eine Lerngruppe finden», betont der Aachener Professor.

Seit zwei Jahren wird das Mentoringprogramm an der Fakultät der Bauingenieure praktiziert, begleitet von der Fachschaft. «Unsere Erfahrungen können wir auf die ganze Hochschule übertragen, freilich an die jeweiligen Schwerpunkte angepasst», sagt Nacken. Doch es gebe auch das Angebot, anderen Hochschulen das Programm vorzustellen und bei ähnlichen Projekten zu unterstützen.

kat/news.de
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Mentoringprogramm: «Keiner kann untergehen» » Gesellschaft » Nachrichten

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