Karriere mit Nadel und Faden
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Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Artikel vom 30.12.2009
Die deutsche Textilbranche hat schon lange den Weg ins Ausland genommen. Ein paar tapfere Schneiderlein halten der Nadel-und-Faden-Kunst dennoch die Stange. Einer von ihnen ist Johan Schmidt, der auf dem Weg ist, Gewandmeister zu werden.
Auch wenn sie selbst nicht auf den Brettern stehen, die die Welt bedeuten: Das Theater ist auch für Gewandmeister die Bühne ihrer Arbeit. Johan Schmidt hat sich für diesen Weg entschieden. Gerade 23 Jahre jung, hat er einen Beruf gewählt, den längst nicht jeder machen kann.
Zwei Wege gibt es, diese gestalterische Karriere einzuschlagen: über den Handwerksmeister oder ein Studium. Johan Schmidt hat sich für die Hochschule entschieden, studiert als angehender Diplomdesigner in Dresden Kostümgestaltung. «Doch wir machen mehr», verrät Schmidt im Gespräch mit news.de. «Unsere Arbeit ist eng mit der der Kostümbildner verbunden. Wir beraten und bewegen uns im Bereich der Kunst- und Kostümgeschichte.»
Nach dem Abitur hat der Student in kleinen Berliner Betrieben verschiedene Praktika gemacht. Und kam schließlich zu den Damenschneidern an der Volksbühne. «Danach habe ich mich für eine Lehre beworben, weil ich gemerkt habe, dass mir das Nähen Spaß macht.» So kam er zu den Herrenschneidern bei der Stiftung Oper in der Bundeshauptstadt.
Im Studium steht Praxis auf dem Stundenplan
Johan Schmidt wandelt damit auf traditionellen Pfaden. Denn: «Schneider ist als eingetragener Beruf erst im vorigen Jahrhundert den Frauen zugänglich gemacht worden», weiß der 23-Jährige zu berichten. Inzwischen aber haben die Frauen in der Branche die Oberhand gewonnen. «In meiner Klasse bin ich der einzige Mann», verrät er.
Auch wenn der angehende Gewandmeister das Grundhandwerk nach seiner Lehre bereits beherrscht, er muss noch viel lernen. Denn seine Arbeit verlangt mehr, als Schnitte setzen zu können. «Wir haben einen umfassenden Stundenplan, wie das beim Studium üblich ist. Aber in unserer Ausbildung wird großer Wert auf praktische Anteile gelegt.» Nur wenn die Handgriffe sitzen, sehen die Kleidungsstücke auch perfekt aus.
Davon ist auch die lange Kette bis zum passenden Bühnenkostüm abhängig: Der Regisseur spricht die Figuren mit dem Kostümbildner ab. Der wiederum fertig die Zeichnungen an und arbeitet mit dem Gewandmeister. Dessen Aufgabe wiederum: die Schauspieler vermessen, die Schnitte anfertigen - und zwar nach historischen Bildern.
Erste Stiche statt klingelnde Supermarktkasse
Deshalb gehören Kostümgeschichte und Epochenkenntnis, Schmuck- und Ornamentgeschichte, aber auch Kunstgeschichte im Allgemeinen zum Studium. Nur Hausarbeiten, wie sie Gleichaltrige anfertigen müssen, sind bei Schmidts Karriereweg eher selten. Stattdessen muss er Schaustücke anfertigen und dabei immer wieder eine ausgeprägte Hand-Kopf-Koordination beweisen, «schließlich müssen die Kostüme auch den Vorstellungen entsprechen und jede Körperbewegung problemlos mitmachen».
Die künstlerisch-handwerkliche Ader liegt in der Familie. Der Vater ist Holzschnitzer, die Mutter Töpferin. Und so fing auch der 23-Jährige früh an zu zeichnen. Doch die Entscheidung für die Schneiderei fiel erst zum Ende des Abiturs.
«Ich wusste, ich bin nicht der Typ, der in der Kaufhalle arbeiten kann, um Geld zu verdienen. Deshalb musste ich gleich herausfinden, was ich will», blickt der Student zurück. So machte er die ersten, unprofessionellen Schritte mit Nadel und Faden. Entschieden habe er sich dafür, weil Kunst eine sensible Angelegenheit sei und er befürchtete, dass ihm im Studium die Kreativität abhanden kommen könnte.
Also begann er damit, seine eigenen Klamotten notdürftig zu reparieren, Hosen enger zu machen, bei denen ihm auffiel, dass sie nicht so recht passten. «Dabei bin ich an meine Grenzen gestoßen. Das hat die Faszination geweckt, selbst Kleidung zu machen», erzählt er.
Zukunftskonzept mit vielen Standbeinen
Sorgen macht er sich keine, dass er mit seinem Handwerk einmal in der Arbeitslosigkeit enden könnte. Und das obwohl in finanziell knappen Zeiten an der Kultur immer zuerst gespart wird. «Ich glaube, ich habe gute Chancen. Gerade weil es ein sehr spezieller Beruf ist.» Zudem sei es sein Ziel, alles Handwerkliche von vorne bis hinten zu beherrschen. Dann könne jeder sein Kunde sein. Und das sei doch die beste Basis, um sich selbstständig zu machen. «Arbeiten kann ich für das Theater, für die Oper, den Film. Es gibt viele Bereiche, aber nur sehr wenige Leute, die das wirklich beherrschen.» Pro Jahr, so sagt Schmidt, machen nur etwa sechs bis achte junge Leute den Studiengang in Dresden mit.
Berlin sei das passende Berufspflaster. Minister und Berühmtheiten bräuchten immer einen Maßanzug. Und in der Hauptstadt koste der - mit Hose und Sakko - schon mal gute 5000 Euro. Natürlich sei die Nachfrage nicht massiv. Doch es gebe auch nur wenige Läden, die sich noch auf diese handwerkliche Tradition verstünden.
Ein Konzept auf eigenen Beinen zu stehen, hat der 23-Jährige - obwohl erst im Grundstudium - bereits. Ein kleiner Laden mit Maßschneiderei und eigener Kollektion sei denkbar, und parallel dazu Aufträge der großen Bühnen. «Dort ist stets Unterstützung gefragt. Und wer gut ist, bekommt immer Aufträge», ist der gebürtige Berliner überzeugt.
kat/news.de
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