Von Bernd Fischaleck
Früher war Artur Darga obdachlos. Jetzt fährt er den Kältebus durch Berlin, sammelt Zusammengebrochene ein und verteilt Tee. 10.000 Menschen leben in Berlin auf der Straße. Und die ist zu Weihnachten besonders düster.
In einer Stunde erst öffnet die Notunterkunft, doch 20 Obdachlose warten schon vor der Stadtmission. Einige sitzen starr auf den Treppenstufen, andere wirken aufgekratzt. Der Tag war verregnet, die Temperaturen liegen knapp über dem Gefrierpunkt. Für die Männer und Frauen ist die Mission in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs die letzte Anlaufstelle. Hier gibt es warmes Essen, einen Schlafplatz und im Notfall neue Kleidung und ärztliche Betreuung. Und es gibt den Kältebus.
Heute fährt ihn der 46-jährige Artur Darga. Bis 3 Uhr versorgt er Obdachlose in ganz Berlin mit Decken und warmem Tee, holt hilflose Menschen von der Straße und bringt sie in Notunterkünfte in der Nähe. Gemeinsam mit einer ehrenamtlichen Helferin bricht er zu seiner ersten Tour an diesem Abend auf. Die Feuerwehr hat ihn per Telefon alarmiert: Am Bahnhof Ostkreuz sei ein hilfloser Obdachloser aufgegriffen worden. «Oft rufen uns auch Privatpersonen an», sagt der 46-Jährige.
30 Notübernachtungen und Nachtcafés gibt es in Berlin, rund 300 Schlafplätze bieten sie an. Die Koordination übernimmt die Berliner Kältehilfe. Seit 15 Jahren gibt es dazu den Kältebus der Stadtmission, seit diesem Winter ist auch das Rote Kreuz mit einem Kältemobil unterwegs. Trotzdem sei dies zu wenig für eine Stadt wie Berlin, in der laut Sozialverwaltung rund 10.000 Menschen dauerhaft auf der Straße leben, findet Darga. Zudem sei der Transporter zu klein. Für den neuen, spendenfinanzierten Kältebus fehlen aber noch einige tausend Euro.
«Vier Grad und nass», schreibt Darga in sein Fahrtenbuch. Wie viele Menschen er mit dem Kältebus pro Nacht von der Straße hole, hänge aber nicht unbedingt von der Außentemperatur ab. «In der Weihnachtszeit sind die Leute depressiver als sonst», sagt er. Überall seien die Menschen in feierlicher Stimmung «und man selbst steht alleine da». Da komme es häufiger zu Abstürzen.
Das beste Beispiel ist Artur Darga selbst
Der gebürtige Pole Darga lebte früher selbst auf der Straße. In seiner «alten Zeit», wie er sagt. 2002 begab er sich in eine Drogentherapie. Seitdem arbeitet er in verschiedenen Drogenberatungs- und Sozialhilfeprojekten. «Die Leute spüren, dass ich ihr Milieu kenne», sagt er. Für ihn sei der Kontakt deshalb einfach.
Am Ostkreuz trifft Darga auf einen alten Bekannten, den er schon mehrfach «eingesammelt» hat. Der Mann ist vom Leben auf der Straße gezeichnet, sein Gesicht ist rot und aufgedunsen. «Ich kann nicht mehr laufen», nuschelt er. Er habe Schmerzen an den Füßen. Darga hilft ihm auf den Rücksitz des Kältebusses. Einer Gruppe junger Punks, die unter der Eisenbahnbrücke hocken, gibt er warmen Tee. Darga erkundigt sich nach dem Befinden und holt schließlich noch eine Decke aus seinem Transporter. Wieder zurück in der Stadtmission wird der Mann mit dem schmerzenden Fuß direkt zum Arzt gebracht.
Rund 125 Wohnungslose suchen jede Nacht ab 21 Uhr die Stadtmission auf. An manchen Tagen sind es auch 170, obwohl die Unterkunft für so viele Menschen nicht ausgelegt ist. «Bisher mussten wir aber noch nie jemanden wegschicken», sagt der Leiter der Notunterkunft, Thomas Winistädt. Viele der Hilfesuchenden seien Menschen aus osteuropäischen EU-Ländern, die in Deutschland keinen Anspruch auf staatliche Hilfe hätten.
Wer keinen der 60 Schlafplätze im Haus abbekommt, legt sich auf die Bänke im Speiseraum oder schläft auf dem Fußboden. Waffen, Drogen und Gewalt sind tabu. Ansonsten werden keine Fragen gestellt und eine Gegenleistung wie etwa die Verpflichtung, an einer Therapie teilzunehmen, verlangen die Helfer nicht. Die Wohnungslosen würden bei Behördengängen unterstützt, viele von ihnen bräuchten auch psychische Betreuung, fügt Winistädt hinzu. In vielen Fällen würden die Obdachlosen auch direkt in der Notunterkunft von einem Arzt behandelt. Menschen, die auf der Straße leben, litten häufig an Krätze, Läusen und offenen Beinen.
In der Stadtmission sind die Übernachtungsplätze in der Regel schon um 22 Uhr belegt. Auf seiner Tour telefoniert Darga immer wieder mit anderen Notunterkünften. Heute hat eine Einrichtung in Kreuzberg noch Plätze frei. Nach einer kurzen Zigarettenpause bringt er eine junge Polin dorthin. Sie wirkt eingeschüchtert, aber froh, für diese Nacht einen warmen Schlafplatz gefunden zu haben. Zum Abschied bedankt sie sich herzlich bei Darga.
Nicht alle Menschen allerdings lassen sich helfen. «Bei vielen ist das Vertrauen zerstört», ist Dargas Erfahrung. Langfristig sei es aber schon sein Ziel, dass niemand auf der Straße leben muss. Wenn er das Vertrauen der Menschen gewonnen habe, könne er mit ihnen auch über ihre Zukunft reden. Auch wenn viele die angebotenen Therapien, die Suche nach einer Wohnung oder einem Job wieder aufgäben, will Darga nicht locker lassen. «Und irgendwann klappt es dann», hofft er. Das beste Beispiel dafür sei er schließlich selbst.
iwi/car/news.de/ddp
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