Von Stefan Höhle
Wer wissen möchte wie viele Kilometer zwei Orte von einander entfernt sind, der bekommt im bayerischen Wettzell Auskunft. Und zwar auf den Millimeter genau. Die Kartographen und Geodäten dort nutzen Daten aus dem All, um die Erde zu vermessen.
Zwischen dem bayerischen Wettzell und der US-Hauptstadt Washington liegen 6725 Kilometer und 782 Meter. «Plus 57 Millimeter», ergänzt der Präsident des Bundesamts für Kartographie und Geodäsie (BKG) in Frankfurt am Main, Dietmar Grünreich. Die Zentrale der Wissenschaftsbehörde südlich des Mains ist gut vernetzt. Das angeschlossene Observatorium in Wettzell hört in den Weltraum hinein, Entfernungen zwischen zwei Messpunkten können so auch mit Hilfe von Radiowellen berechnet werden. «Solche Distanzen liefern wir mit maximal sechs Millimeter Toleranz», sagt Grünreich.
Die Behörde bietet sehr spezielle Daten, die gelegentlich kurios anmuten, aber äußerst begehrt sind. «Unsere Abnehmer kommen aus allen Teilen der Gesellschaft und allen Ecken der Welt», sagt Grünreich.
Neben digitalen Karten liefert das BKG unter anderem Luftbilder für den Naturschutz, Daten für Agrarinstitutionen, Stadtentwickler, Wetterkundler, Katastrophendienste, Energieerzeuger, Entsorger, Versicherer oder die Bundeswehr. Und wenn es sein muss, fertigen die BKG-Experten mit Unterstützung ihrer Kollegen vom Statistischen Bundesamt auch eine digitale 3D-Karte über die Preisentwicklung baureifen Lands. «Kenntnisse von Raum, Ort, Weg und Fläche bestimmen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft fast jede Entscheidung mit», sagt der BKG-Präsident.
Das Europäische Komitee für Normung definiert das Forschungsfeld global: Geodäsie, heißt es in einer EU-Spezifikation, ist die Wissenschaft von der Ausmessung und Abbildung der Erdoberfläche einschließlich der Bestimmung des Schwerefelds und des Meeresbodens. «Bei der Gewinnung solcher Raumdaten verlassen Geodäten gern unseren Planeten», berichtet Grünreich.
Der Einsatz von Satellitensystemen ist dabei so alltäglich wie der Blick ins Universum. Zum Bestimmen der Distanz zwischen Wettzell und Washington müssten vor Ort zwei Teleskope gleichzeitig die von einem sogenannten Quasar, einer entlegenen Galaxie, ausgesandten Radiowellen empfangen, erläutert der BKG-Chef. Der Quasar wird damit zum Eckpunkt zweier Strecken, in denen die Geodäten die Schenkel eines Dreiecks sehen und die fehlende Seite berechnen. Reisende von A nach B müssten sich allerdings durch die Erdkruste bohren, denn ermittelt wird die tatsächlich kürzeste Entfernung.
Erdoberfläche steht im Zentrum
Gleichwohl steht die Erdoberfläche - besonders Deutschlands - für die Frankfurter Wissenschaftler im Zentrum ihrer Arbeit. «Auch angesichts des Klimawandels sind fortlaufende Parameter über die Landbedeckung unerlässlich», sagt Grünreich. Bevor international anhand geodätischer Daten über die CO2-Kapazität von Waldflächen verhandelt werden kann, muss selbst die Europäische Union intern zunächst definieren, was unter Wald zu verstehen ist. «Karten werden erst vergleichbar, wenn sie Buschlandschaften, Parks, Baumgruppen oder bloßen Waldboden identisch ausweisen», erklärt der BKG-Präsident.
Dass die Region zwischen Kassel und Fulda jetzt amtlich «Waldhessen» heißt und sich der für den Tourismus attraktive Name auf Karten wiederfindet, entschied ebenfalls das BKG. Der dem Amt angegliederte «Ständige Ausschuss für geografische Namen» regelt auch solche Fälle.
Speziellerer Natur war die Aufgabe, die BKG-Ingenieur Andreas Busch vor zwei Jahren lösen musste. «Wir erstellten eine räumliche Darstellung des Gebiets um Heiligendamm», berichtet der Wissenschaftler. Abnehmer der Karte, die Landschaftsmerkmale besonders gut hervortreten lässt, war das Bundeskriminalamt. Der G8-Gipfel stand bevor. Anhand der Abbildung prüften die Beamten in Vorbereitung auf den Staatsbesuch von US-Präsident George W. Bush sicherheitsrelevante Besonderheiten des Terrains.
Die meisten der 313 BKG-Mitarbeiter arbeiten in Frankfurt, rund ein Viertel ist am Standort Leipzig eingesetzt. In Frankfurt-Niederrad bezog die Zentrale vor über 50 Jahren in einem Park die Villa Mumm. Das stattliche Gebäude, einst Familienquartier der gleichnamigen Champagnerdynastie, ist selbst so manchem eingefleischten Frankfurter unbekannt. Fast im Verborgenen sitzt hier ein Bundesamt mit erstaunlichem Leistungskatalog, bestens vernetzt mit Wissenschaftlern auf der ganzen Welt.
kat/jan/news.de/ddp